Luft nach oben - Kolumne von Anne Haug

Kolumne Anne Haug ohne Text

Dürrenmatt

Seit Wochen schreibe ich alleine vor mich hin. Nicht nur diese Kolumne hier, dazu kommt ein Stück, eine Performance und auch noch ein Drehbuch. Als Dürrenmatt vor zweiundfünfzig Jahren bei einem Interview im Foyer des Theater Basel gefragt wurde, wie er verschiedene Arbeiten nebeneinander her jongliere, da hat er gesagt, die Menge sei nicht das Problem, denn alles würde zusammenhängen. Jedes Stück, das man schreibe, erzwinge ein Gegenstück. Das sei ein innerer dialektischer Vorgang, sagte er.

Da hat er Recht, doch wie zur Hölle soll ich diese innere Dialektik der verschiedenen Stoffe ertragen in dieser stillgelegten Zeit? Ohne Gespräche, ohne Begegnungen mit anderen, mit so wenig Tempo um mich rum. Das Dazwischen fehlt, das so belanglos schien und doch eigentlich so wichtig war: der Smalltalk an der Bushaltestelle, die Blicke in der Bar, das mitgelauschte Telefonat im Zug. Man hat ja völlig vergessen, wie die Welt einen permanent inspiriert hat mit ihren Details und Kleinigkeiten. Damals als es noch Restaurants und Konzerte gab und man Menschen mit Gesichtern sah und mit denen sogar geredet hat. Und zwar zufällig und nicht erzwungen, denn klar, kann man sich irgendeinen Film anschauen, da sieht man auch normale Leute, doch die hat man sich dann vorher ausgesucht und das ist schlicht und einfach nicht das Gleiche.

Schreiben sei eine Art, sich über die Welt und hauptsächlich über sich selbst klar zu werden, sagt Dürrenmatt und beschreibt wie er nach einem Fondueessen mit Wein und Schnaps in seine Mansarde kotzen musste und wie er wieder wusste, als er den Strahl aus seinem Munde sah, dass man der Absurdität der Welt etwas entgegensetzen muss. Doch wie kontert man diesen vakuumähnlichen Pandemiezustand, wenn man ihn selbst noch nicht begriffen hat? Wie machen das die Anderen und wie geht es ihnen dabei?

Im Moment erfinde ich Geschichten um unser Jetzt herum, beschreibe eine Welt, die es so gerade nicht mehr gibt. Ich halte unsere Vergangenheit für eine unbekannte Zukunft fest. Menschen fassen sich ohne Hemmung an, Reisen ist normal, verdeckte Gesichter sind nie dagewesen. Wieso fällt es so schwer, die Gegenwart und die Schmerzen, die sie uns zufügt, in Worte zu fassen? Weil man jene beim Niederschreiben zur Realität manifestiert? Oder ist es die eigene Unerfahrenheit damit? Schliesslich ist diese Pandemie, zumindest für meine Generation, die erste globale Krise gegen einen unsichtbaren Gegner, der uns Regeln aufzwingt, die man davor nicht kannte. Oder ist es Selbstschutz vor den Stimmungen der Anderen, in der Ahnung, dass sie den eigenen Zustand potenzieren würden?

Wenn man zu schreiben beginne und während man schreibe, hätte man immer ein merkwürdiges Erlebnis, sagt Dürrenmatt, zuerst sei man sehr frei, man könne Einfälle haben, man habe das Gefühl einer schrankenlosen Willkür, man könne alles erfinden und plötzlich ginge das nicht mehr. Plötzlich sei das Geschriebene etwas Eigenes, hätte seine eigenen Gesetze, Gesetze, die man ihm selber gab und die müsse man dann ausfüllen. Und dann sei man nicht mehr frei. Das sei das merkwürdige Erlebnis bei jedem künstlerischen Arbeiten, meint Dürrenmatt, dass das Gefühl der Freiheit, das man zuerst gehabt habe, umschlage in ein Gefühl, etwas notwendigerweise tun zu müssen.

Und das gilt nicht nur für die Kunst, sondern ebenso fürs Leben. Doch die Gesetze von aussen, die momentan jede*n Einzelne*n betreffen, sind gerade so stark, dass es ein Kraftakt ist, seine eigenen zu erfinden. Vielleicht weil Lügen immer Kräfte kostet. Denn die Gegenwart so zu erzählen, wie sie war, und gar nicht wie sie ist, in der Hoffnung, sie werde wieder so, wie sie mal war, darin liegt eine große Anstrengung. Was wäre, wenn man sich mehr um eine Zukunft für das Jetzt kümmern würde, anstatt die schwer vermisste Vergangenheit und damit die Trauer über den Verlust ihrer zu reproduzieren? Vielleicht läge darin genau der notwendige Widerstand, ganz im Sinne Dürrenmatts: der Absurdität der Welt etwas entgegenzusetzen.

 

Anne Haug ist Schauspielerin am Theater Basel sowie im Film. Zudem arbeitet sie als freie Autorin für Film und Theater. In der Spielzeit 20/21 ist sie die Hausautorin im Rahmen des Stück Labor. Anne Haug kommt aus Basel.

 

Friedrich Dürrenmatt, 1969 im Foyer des Theater Basel, im Gespräch darüber wie ein Drama entsteht:
 

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