Nadja:
Hallo und herzlich willkommen beim Einführungs-Podcast vom Theater Basel. In dieser Folge sprechen wir über eine Schauspielproduktion auf der Grossen Bühne mit dem Titel Der letzte Pfiff – ein Drehschwindel. Inszeniert hat das Stück Christoph Marthaler. Mein Name ist Nadja Camesi. Und heute spreche ich mit Inga Schonlau, Dramaturgin und Co-Leiterin des Schauspiels hier am Theater Basel. Hallo Inga.

Inga:
Hallo!

Nadja:
Mit diesem Werk ist Christoph Marthaler gewissermassen nach Basel zurückgekehrt. Er hat seine Regieanfänge eigentlich schon hier gemacht, Ende der 80er, Anfang 90er Jahre. Wie lange war er jetzt nicht mehr in Basel?

Inga:
Er war, glaube ich, seit 2014 nicht mehr in Basel. Da hat er seine Arbeit zuletzt gemacht, hier mit Isoldes Abendbrot. Und wie du schon sagtest, genau, er hat eigentlich so was wie seine Anfänge hier gehabt, am Theater Basel im engeren Sinne als Regisseur. Er war ja zunächst gestartet als Musiker. Das hat auch immer noch einen sehr wesentlichen Anteil in seiner Arbeit. Aber so im engeren Sinne inszeniert hat er dann hier das erste Mal mit Ankunft Badischer Bahnhof, einer Produktion im öffentlichen Raum, also konkret am Badischen Bahnhof. Und danach hat er 1991 sein erstes Theaterstück inszeniert, auf der Bühne hier am Theater Basel, auch mit seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die nachher auch immer wieder mit ihm gemeinsam gearbeitet hat. Und das war L’affaire de la rue Lourcine von Labiche.

Nadja    :
Über die Jahre gibt es auch so wiederkehrende Mitspieler, quasi von Christoph Marthaler, die sogenannte Marthaler-Familie. Was muss man eigentlich darunter verstehen?

Inga:
Ja, das ist wirklich interessant, dass es da so viele Künstlerinnen und Künstler gibt, die so lange Zeit zusammenarbeiten, also inzwischen auch teilweise in sehr hohem Alter, völlig vital und sehr beeindruckend auf der Bühne zu sehen. Tatsächlich hält diese Marthaler-Familie glaube ich ja so ein bestimmtes Nachdenken auch über die Welt und Haltung zur Welt zusammen. Das ist also jetzt gar nicht zu harmonisch vorzustellen. Aber es geht natürlich schon darum, sich auch in einer gemeinsamen Konzentration teilweise auf sehr ernste und schwierige Themen immer wieder zusammenzufinden und auch eine eigene Spielform, Spielweise weiterzuentwickeln. Und das zeigt sich ja in diesen Arbeiten von Marthaler, in denen Text und Musik ganz eng miteinander verwoben ist, auch auf einer sehr, auf einem sehr hohen Niveau eigentlich immer wieder musikalisch eingearbeitet wird. Und insofern treffen die sich eigentlich immer wieder auch in unterschiedlichen Konstellationen. Und konkret haben wir hier ja Ueli Jäggi auf der Bühne. Jean Pierre Cornu ist wieder da. Nikola Weisse freut uns auch sehr. Jürg Kienberger, Raphael Clamer. Das sind so viele dieser Familie, die immer wieder auch frei mit Christoph arbeiten. Und dann haben wir aber auch natürlich Kolleginnen und Kollegen im Ensemble, die eine Menge Arbeiten schon verbinden mit ihm. Das ist vor allen Dingen Carina Braunschmidt. Und neu Martin Hug, Annika Meier, Vera Flück, Barbara Colceriu, und auch die haben sich sozusagen in diesen Marthaler Kosmos jetzt gemeinsam mit den darin erfahrenen Kolleginnen und Kollegen eingearbeitet und treffen sich, glaube ich, alle an einem gewissen Punkt des Humors.

[Auschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Ja, und gleichzeitig hattet ihr aber auch gewisse Schwierigkeiten, irgendwie zu meistern in diesem Probenprozess. Corona ist leider ein Stichwort. Wie war denn das?

Inga:
Ja, das würde man vielleicht gar nicht unbedingt erwähnen, weil wir ja seit zwei Jahren immer wieder tatsächlich auch mit Corona zu tun haben und das spürbar ist in den Produktionen. Diesmal war es schon noch mal extrem, wie wenig wir wirklich alle zusammenkommen konnten. Eigentlich ehrlich gesagt, in der ersten und der letzten Probe, dazwischen gab es viele Ausfälle, viele Krankheitsfälle und insofern hat uns das schon noch mal ganz anders beschäftigt und wurde fast auch so ein bisschen zu einem eigenen Thema in dem Stück oder einem eigenen Motiv oder einem Motiv, das sich verbunden hat mit dem, was eigentlich ursprünglich auch mal das Thema dieses Abends war und was es auch geblieben ist, nämlich der Krimi. Das zeigt sich eigentlich daran auch, dass spezifisch das Theater von Christoph Marthaler ja immer sehr an der Gegenwart, auch in der Gegenwart verhaftet ist und so eine Stückentwicklung natürlich immer referiert auf das, was einen unmittelbar umgibt. Und so konnte sozusagen die Erfahrung dieser Abwesenheit auch tatsächlich ins Stück eingehen. Das war schon so was wie eine spezielle Situation, die uns auch immer wieder unsicher gemacht hat. Aber schön ist ja, dass man das sozusagen nicht einfach nur so wegdrücken muss, um dann irgendeine andere Idee zu verfolgen, sondern dass man das tatsächlich aufnehmen kann.

Nadja:
Das ist jetzt auch sozusagen der erste Krimi von Marthaler, aber das ist ja nicht ganz wörtlich zu nehmen bei ihm. Worum geht es denn?

Inga:
Ja, zunächst mal befasst er sich mit einem wirklich sehr populären Genre. Also das ist vielleicht auch ungewöhnlich. Mit Marthaler verbindet man ja vielleicht nicht unbedingt so ein Genre, das eher im Fernsehen und in Serie gerade so beheimatet ist. Und natürlich interessiert uns genau dieses Überangebot eigentlich, das man so in anderen Medien gerade findet. Da gibt es ja alle Formen von seichter Unterhaltung bis zum Politthriller. Millionen Zuschauer schauen immer der gleichen Dramaturgie gespannt zu. Aber genau da fängt es eben auch an, interessant zu werden. Wozu ist denn eigentlich so ein Überangebot da? Mord wird als Unterhaltung geboten, irgendwie zur Entspannung. Der Zuschauer schaut sich in gewisser Weise zu, wie das Abweichende der Gesellschaft zur Strecke gebracht wird. Das ist dann schon ein Ausgangspunkt, der interessant wird und der natürlich auch ernsthafte Seiten beinhaltet. Es werden ja schon wesentliche Fragen gestellt, die sonst auch durchaus in Dramen im Kern stehen, also Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Verstrickungen, natürlich auch nach einer gewissen Sinnhaftigkeit. Und das Ganze soll ja immer aufgeklärt werden. Wir erleben ja auch, wie die Aufklärung eigentlich immer gelingt. Aber Christoph Marthaler interessiert natürlich da auch die Begrenztheit von uns und gewisse Routinen, die nur behauptet werden. Und die Frage ist: Worüber klären wir uns eigentlich im Krimi auf?

Nadja:
Du hast schon angedeutet, dass ihr dafür verschiedene Quellen benutzt habt. An Texten an, an Inspiration und auch immer mehr dazu beigetragen habt. Von allen Seiten das ganze Team quasi. Das heisst, es ist ein Stück Entwicklung und nicht ein bestehender Text. Wie habt ihr da zusammengearbeitet?

Inga:
Ja, es gibt tatsächlich erst mal keinen Plot. Es wird nicht der eine Mordfall aufgedeckt, wie vielleicht in einem klassischen Krimi. Es geht immer wieder um das eher Modellhafte des Krimis. Also ich habe auch kürzlich gedacht, es ist so ein bisschen frei nach Beckett. Warten auf den nächsten Mordfall ist das Motto des Abends. Und wir erleben tatsächlich auch immer wieder einen Mordfall und ein spezielles Mordopfer, das eigentlich vor allen Dingen selbst an Aufklärung interessiert ist und alle wichtigen Informationen liefert, die den Kriminalkommissaren auch Hinweise geben könnten auf die Hintergründe eines Falls. Aber im Grunde ja. Wie du sagst, ist das letztlich ein Stück Entwicklung, in der wir Texte collagiert haben. Texte von Autorinnen und Autoren, die Marthaler, glaube ich, schon seit längerem immer wieder beschäftigen. Einerseits hat die Detektivgeschichte auch noch richtig lange Tradition. Also es ist ja durchaus auch in der Schweiz prominent vertreten, mit Dürrenmatt oder Friedrich Glauser zum Beispiel. Und solche Autorinnen und Autoren hören wir auch immer wieder. Vielleicht auch noch mal kurz eingeschoben. Der Titel Der letzte Pfiff beruht eigentlich auch auf einer Kriminalgeschichte oder einer Sammlung von Kriminalgeschichten von Walter Serner. Das ist ein Dadaist, den Christoph, glaube ich, sehr schätzt und der so eine ganze Sammlung zur Verfügung gestellt hat. Und so kommt der letzte Pfiff sozusagen in diesen Titel. Ansonsten hören wir Texte von auch dem kürzlich verstorbenen Achternbusch. Pessoa taucht auf, Niklaus Meienberg durchaus auch mal Schweizerdeutsch. Und es gibt auch noch eine richtige Neuentdeckung einer amerikanischen Lyrikerin darin, Mary Riffel. Ich denke, die haben viele noch nicht gehört. Und ja, das ist eben so eine Möglichkeit, Autorinnen, die einerseits aus ganz unterschiedlichen Hintergründen kommen, die aber vielleicht auch so einen doch ähnlichen lakonischen Blick auf diese Welt haben und unsere Endlichkeit eigentlich zum Thema haben. Also mit trockenem Humor sozusagen schauen auf eine philosophische Thematik.

[Auschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Lass uns kurz über die Musik sprechen an diesem Abend. Also, du hast ja schon gesagt, dass Christoph Marthaler auch Theatermusiker war oder ist. Also bevor er Regisseur war, hat er so gearbeitet. Wie fliesst das in diesen Abend ein?

Inga:
Wie immer ist Musik und Sprache eng miteinander verbunden, das ist sozusagen so ein ganzer Teppich von Klang und Rhythmus, von dem dieser Abend auch getragen ist. Und ja, wir hören also sehr bekannte, sogar Arien und andere Stücke, die chorisch gesungen werden, Brahms, Wagner, Mozart kommt vor und daneben, aber auch immer wieder Stücke aus der Unterhaltung. Und das Interessante ist eigentlich, dass Marthaler und alle Mitspielerinnen und Mitspieler, dem immer mit sowohl sehr grossem Ernst begegnen und das Ganze immer mehrstimmig gesungen wird und vorgetragen wird, andererseits aber auch immer wieder sehr grosser Humor auch in der Musik vorkommt und in der Behandlung und Nebeneinanderstellen eigentlich auch verschiedener Musiken. Da ist, weil wir eben über die Martaler-Familie gesprochen haben, Bendix Dethleffsen Zentral als musikalischer Leiter und der auch in diesem Fall auf der Bühne mit zu sehen.

[Auschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Ja, und die Bühne ist auch eher speziell, sagen wir… also, da ist der Krimi schon zu erkennen drin. Was bekommen wir zu sehen?

Inga:
Ich hoffe, ich verrate nicht so viel. Aber es ist ja ein wirklich ein bisschen kurioses Faktum, dass in den deutschsprachigen Krimis eigentlich die Kriminalkommissarinnen und Kommissare immer wieder am Ende oder auch zwischendrin ihre Fälle an den Curry-Buden der Welt verhandeln und über wesentliche oder unwesentliche Dinge miteinander sprechen. Und das ist so ein bisschen der Ausgangspunkt für die Bühne. Es ist also eine ganze Imbissbuden-Landschaft, die wir sehen, gestapelt. Und entspricht, glaube ich, sehr dem Wunsch von Martathler, da immer wieder auch letztlich in realen Räumen zu arbeiten, aber die natürlich von solchen Aussenräumen auch zu Innenräumen werden. Und ich denke, viel mehr muss man gar nicht sagen. Aber es ist durchaus abendfüllend, sich allein schon dieses Bühnenbild anzuschauen.

Nadja:
Ja, vielen Dank für diese Einführung, Inga. Der letzte Pfiff – ein Drehschwindel können Sie in der Spielzeit 21/22 noch bis zum 8. Juni auf der Grossen Bühne sehen. Das Stück dauert zwei Stunden ohne Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Webseite www.theater-basel.ch