Stückeinführung

Nadja:
Hallo, willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Mit diesem Podcast können Sie sich jederzeit unterwegs informieren über unsere Stücke auf der grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über Giuseppe Verdis berühmte Oper ‹La traviata›. Es ist eine Geschichte nach Alexandre Dumas Kameliendame und inszeniert hat sie hier in Basel Benedikt von Peter. Mein Name ist Nadja Camesi und heute spreche ich mit Niels Nuijten, Operndramaturg am Theater Basel. 

Hallo Niels
Hallo Nadja

[Auschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Nun. Das war das wahrscheinlich bekannteste Lied aus dieser Oper, Brindisi, ein Trinklied. Diese Oper ist Giuseppe Verdis wahrscheinlich bekannteste und auch von allen Opern eine der beliebtesten. Viele kennen die Geschichte zwar schon, aber für alle anderen wollen wir trotzdem noch mal kurz auf die wichtigsten Eckdaten und Informationen eingehen. Niels worum geht es da? Was ist das für ein Werk?

Niels:
Also die Geschichte handelt von Violetta Valéry, einer Kurtisane. Sie verliebt sich in Alfredo und er sich in sie. Alfredos Vater ist mit dieser Liebe nicht einverstanden, weil er befürchtet, dass die Familienehre in Gefahr ist. Deshalb fragt er Violetta, die Beziehung zu beenden. In diesem Gespräch wird klar, dass Violetta an Tuberkulose erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Um Alfredo Leiden zu ersparen, beschliesst sie, dass es besser wäre, wenn sie ihn verlässt. Alfredo versteht nicht, warum sie so plötzlich gegangen ist und reist ihr nach. Sie treffen einander in Paris, und ein Missverständnis führt dazu, dass er glaubt, Violetta habe ihn verlassen für einen anderen Mann, und er wird sehr wütend auf sie. Am Ende bedauert der Vater, was er getan hat und erzählt seinem Sohn, wie alles wirklich gelaufen ist. Alfredo kommt gerade noch rechtzeitig zu Violetta, die kurz danach stirbt.

Nadja:
Die Uraufführung von ‹La traviata› war am 6. März 1853 im Teatro La Fenice in Venedig. Wie fügt sich denn dieses Stück in seine Zeit ein?

Niels:
Ja, es ist interessant, dass ‹La traviata› Verdis einzige Oper ist mit einem zeitgenössischen Thema. Also wie gesagt, das Buch wurde geschrieben in 1848 und es ist inspiriert von Alexandre Dumas’ eigener Beziehung zu der Kurtisane Marie Duplessis, die 23 Jahre alt, auch starb an Tuberkulose. Also vielleicht hat Verdis Interesse für diese Geschichte auch etwas zu tun mit seiner eigenen Beziehung zu der Sängerin Giuseppina Trapani, die schon mehrere Kinder hatte, als sie ihn kennengelernte. Sie heirateten erst 1859 und Verdis Werk ist auch keine Moralpredigt. Aber er versucht, das Leid der betroffenen Frau zu zeigen und es war Verdi dann auch wichtig, diese damals heutige Geschichte ins Heute auf die Bühne zu bringen und das Theater in Venedig und andere Theater in Italien hatten eigentlich ein bisschen Angst, dass eine heutige Aufführung zu konfrontierend wäre für das Publikum. Und es wurde entschieden, die Geschichte der Oper 100 Jahre in die Vergangenheit zu verlegen, also um 1750, um damit eine gewisse Distanz zu kreieren. Bei der Premiere war es aber nicht erfolgreich und das kam eigentlich vor allem wegen einem schlechten Cast, schlecht gecasteten Sänger:innen und nach kleinen Änderungen und mit einer anderen Besetzung war das aber nach ein paar Jahren doch sehr erfolgreich und es ist bis jetzt einer der grossen Klassiker. Und Anfang 20. Jahrhundert wurde es auch wieder üblich, die Geschichte in ihrer Entstehungszeit zu erzählen, also um 1850.

Nadja:
Verstehe. Aber «schlecht gecastet Sängerinnen» – das kann man sich ja kaum mehr vorstellen. Woher wissen wir das heute? Gibt es Berichte?

Niels:
Ja, es gibt viele Briefe und Tagebucheinträge von Verdi. Auch Verdi selber war eigentlich auch nicht glücklich mit dieser Premiere. Das hat mehrere Gründe gehabt, aber deswegen wissen wir solche Sachen. Und es gibt auch noch Kritiken aus der Zeit. 

Nadja:
Ein sehr häufiges Problem, bzw. die Kunst bleibt immer gleich, wie man daran erkennt. Und in unserer Gegenwart heute sehen wir die Inszenierung von Benedikt von Peter. Das ist unser Intendant hier in Basel und Operndirektor. Es handelt sich allerdings um eine Wiederaufnahme.

Niels:
Ja, genau. Benedikt von Peter hat das Stück in dieser Form vor ungefähr zehn Jahren zum ersten Mal in Hannover gemacht, zusammen mit Sopranistin Nicole Chevalier als Violetta Valéry. Und sie singt auch hier in Basel diese Rolle.

Nadja:
Nicole Chevalier ist eine amerikanische Sopranistin und in ihrem Fach, das kann man schon so sagen, auch ein Star. Wie hat sich denn diese Zusammenarbeit entfaltet?

Niels:
Ja, Sie haben damals, also vor zehn Jahren, schon zusammen diese Inszenierung gemacht, und das spürt man auch total in der Probe, dass Nicole sich aller Details dieser Inszenierung total bewusst ist. Sie weiss genau, was sie wie und wann und warum macht. Also das ist ja eigentlich natürlich üblich. Als Sängerin sollst du natürlich auch wissen, was du wo und wann machst, aber in diesem Fall ist es noch ein bisschen besonderer, vielleicht weil sie den ganzen Abend alleine auch auf der Bühne ist. Und also sie, sie ist immer da, immer auf der Bühne und sich des ganzen Ablaufs sehr bewusst. Und was sehr schön ist, ist, dass Ihre Karriere in den letzten zehn Jahren noch mal einen Aufschwung genommen hat. Und es ist wirklich ganz schön beeindruckend, sie wieder so ganz alleine hier auf der Bühne in dieser grossen Rolle zu sehen.

Nadja:
Also ein Kreis, der sich auch ein bisschen schliesst. Das ist natürlich schon ein ziemlicher Twist, diese Oper so aufzuführen, dass nur eine einzige Darstellerin auf der Bühne steht, also den ganzen Abend, zweieinhalb Stunden fast am Stück. Wie kommt man denn auf so eine radikale Idee?

Niels:
Also diese Idee kam, als Benedikt der Ouvertüre gehört hat. Sehr leise fangen die Violinen an, die Streicher eigentlich fast aus dem Nichts, sehr klein und lange bleibt es alles sehr vorsichtig. Zerbrechlich und vorsichtig kommt dann das ganze Orchester dazu in einen rhythmischen Tanz, eigentlich fast ein Walzer. Als eine Erinnerung, die sich entfaltet. Es klingt eigentlich ein bisschen wie so eine Spieluhr mit einer einsamen Ballerina drin, die herumdreht. Und Benedikt hörte in dieser Musik eigentlich eine Einsamkeitsbeschreibung. Und dann, am Anfang des dritten und letzten Aktes, erklingt sie wieder nahezu unverändert und gibt damit die Atmosphäre des Stückes vor. Obwohl wir weiter sind in der Geschichte klingt sie fast so wie am Anfang, als hätte sich nichts geändert. Und diese Lesart der Ouvertüre als musikalischer psychoanalytische Raum ist die Grundlage für diese Inszenierung.

Nadja:
Und die Ouvertüre hören wir doch uns gleich mal an.

[Auschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Puh, also ich habe Gänsehaut. Ich denke, theoretisch könnte man sich jetzt noch eine Stunde lang über diese Ouvertüre allein unterhalten. Aber lass uns den Faden nochmals aufgreifen, wie diese Idee durch Benedikt fortgeführt wurde. Diese Einsamkeit Violettas so zu betonen.

Niels:
Ja, ‹La Traviata› ist natürlich die Liebesoper schlechthin. Sie ist eigentlich ein Symbol für die tragische romantische Liebe. Es geht Benedikt eigentlich weniger darum, das Stück zu deuten oder umzudeuten, sondern vielmehr darum, an eine zentrale Energie der Oper heranzukommen und vielleicht an ein Muster, das unter dem Stück liegt. Es geht mehr darum die romantische Liebe zu zeichnen und das wirklich sichtbar zu machen. Und deswegen treffen wir Violetta allein auf einer fast leeren Bühne. Es gibt nur eine Tür und ein Fenster und einen Tisch wie in einer kleinen Wohnung eigentlich. Und allein durchlebt sie die Geschichte und alle Gefühle dieser Oper. Sie will geliebt werden, erlöst werden durch die Liebe. Und ohne dass der Geliebte auftritt, schlägt ihre Liebe in Sehnsucht um, in einen Liebesfundamentalismus, in ein Martyrium. Also vielleicht ist die einzige Möglichkeit, dem Sterben einen Sinn zu geben, die eigene Einsamkeit in eine Heilsgeschichte umzudeuten. Und man bekommt eigentlich das Gefühl, dass Nicole Chevalier als Violetta die Oper wirklich für uns spielt. Sie zeigt uns das grosse Lieben und Leiden, als wäre sie gefangen in unserem romantischen Wunsch, ihre tragische Liebesgeschichte zu sehen und zu erfahren. Wir sehnen uns danach, ihre rührende Geschichte zu fühlen und erleben bis zu ihrem Tod.

Nadja:
Das klingt ja nicht nur für die Darstellerin nach einer extrem intensiven Erfahrung. Ja, womöglich sind auch wir als Publikum so nah an dieser tragischen Figur dran, dass es schon fast weh tut, oder?

Niels:
Ja, ja, wir sind sehr nah an ihr dran. Aber auf der anderen Seite kommen wir auch nie ganz bei ihr an. Also so wie sie selber in der Originalgeschichte auch immer ein Outsider bleibt, bekommt man hier auch das Gefühl, wirklich Zuschauer zu sein von ihrem Leid. Also das gibt uns als Publikum auch eine fast voyeuristische Qualität. Man bekommt auch das Gefühl «ja, wir gucken uns das an, aber dürfen wir das eigentlich?» Also dürfen wir das eigentlich so sehen und miterleben? Da bekommt man auch ein bisschen ein komisches Gefühl.

Nadja:
Irgendwie unerhört, da zuzuschauen.

Niels:
Ja, fast. Und das gibt dieser Inszenierung auch eine performative Komponente, weil wir immer nur Violetta sehen und immer ein Fokus auf ihr haben, wird auch Nicole Chevalier, die sie spielt, sehr sichtbar. Wir sehen, wie sie ganz alleine diese ganze Oper auf sich nimmt. Und es ist wirklich eine Tour de Force, diese Rolle zu singen, überhaupt schon in einer eher klassischen Inszenierung. Aber hier ist sie die ganze Oper über auch sichtbar und auf der Bühne. Es gibt keine Chance, um kurz wegzugehen. Also der Abend ist nicht nur herausfordernd für Violetta, sondern auch für Nicole. Und wir haben schon kurz besprochen, wie Verdi in seiner Vertonung von Dumas’ Geschichte Violetta im Hier und Jetzt aufführt. Sie und ihre Gefühlswelt stehen im Zentrum, also nicht, wie die anderen sich an ihre Begegnungen mit ihr erinnern. Eigentlich kann diese Inszenierung als eine noch weitergehende Version dieser Idee betrachtet werden. Und näher können wir dieser Figur vielleicht nicht kommen.

Nadja:
Wenn jetzt aber Violetta den ganzen Abend alleine auf der Bühne steht, oder Nicole Chevalier, heisst das, dass sie auch alle Rollen selber spielt. Oder wie muss man sich das vorstellen?

Niels:
Ah ja, das haben wir natürlich noch nicht besprochen. Also nein, das ist nicht so. Wir spielen eigentlich ‹La traviata› in Originalfassung. Also alle Rollen sind da. Der Chor ist da. Das Ding ist halt, dass wir diese anderen Figuren nicht sehen. Sie singen eigentlich aus dem Off, dem Schatten des Auditoriums. Und das verknüpft sich auch wieder mit diesem Gefühl, dass wir alle, auch die anderen Sänger und das Publikum, wir singen und gucken auf Violetta. Und es gibt auch eine sehr spezielle akustische Erfahrung, überall in dem Raum sind Stimmen und auch der ganze Chor ist oben im Saal und das macht es alles sehr Besonderes. Und auf der Hinterbühne spielt das ganze Sinfonieorchester Basel unter Leitung von Tito Ceccherini und ich finde das verstärkt noch mal dieses Einsamkeitsgefühl, weil da so eine riesen Gruppe Menschen hinter ihr spielt. Aber sie kommen nie nah zueinander oder näher zueinander und das gibt diesem Abend, glaube ich, eine sehr spezielle Form und Qualität und macht ihn sehr rührend.

Nadja:
Vielen Dank für diese Einführung, Niels. Wir hören zum Schluss noch einmal ins Stück rein. 

[Auschnitt aus dem Stück]

Nadja:
La traviata können Sie in der Spielzeit 21/22 vom 14. November bis zum 8. Januar sehen. Das Stück dauert zwei Stunden 20 Minuten ohne Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Webseite www.theater-basel.ch