Stückeinführung

Hallo und willkommen zum neuen Einführungs-Podcast vom Theater Basel für alle, die sich unterwegs und vorab informieren möchten über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über die vermutlich bekannteste Oper aller Zeiten, die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Libretto ist von Emanuel Schikaneder. Und inszeniert hat die Zauberflöte bei uns Simon McBurney. Dazu gleich mehr. Ich heisse Nadja Camesi und mir gegenüber sitzt Meret Kündig, Operndramaturgin am Theater Basel. Hallo Meret. 
 
Meret: Hallo!

Nadja:
Und wir starten auch gleich mit einer Hörprobe. 

[Ausschnitt aus dem Stück]

Meret, es gibt Teile der Zauberflöte, die kennen wirklich alle, also auch Leute, die sonst wenig mit Oper zu tun haben oder Mozart auch nicht unbedingt gut kennen. Ich selber kann auch sagen, ich bin in einem wenig klassisch geprägten Haushalt aufgewachsen und kenne trotzdem die Arie der Königin der Nacht auswendig. Was macht denn dieses Werk so beliebt und berühmt?

Meret:
Das ist wirklich eine interessante Frage, vor allem, wenn man sich mit dem Stück ein bisschen tiefer beschäftigt. Auf den ersten Blick ist die Oper ja eine Art Märchen mit phantastischen Figuren, einer spannenden Geschichte, Heldinnen und Helden. Und dazu kommt eben, dass die Melodien sehr eingängig sind, sodass eben auch viele Leute mit ihnen vertraut sind, die sonst nicht so in die Oper gehen, so wie du zum Beispiel. Das hat zum einen damit zu tun, dass Mozart und Emanuel Schikaneder die Oper für eine Wiener Vorstadtbühne geschrieben haben, also das Freihaustheater auf der Wieden, so hiess es. Da erwartete das Publikum in erster Linie eine gute Unterhaltung.

Nadja:
Also war das so wie eine Art Popmusik Ihrer Zeit?

Meret:
Ja, ich denke, das kann man schon so sagen.

Nadja:
Du hast gerade schon gesagt, dass die Story dieser Oper unterhaltsam sei. Kannst du sie uns nochmal in Erinnerung rufen?

Meret:
Ja, die Geschichte spielt sich in einer märchenhaften Welt ab, in der es zwei Reiche gibt. Über das eine herrscht die Königin der Nacht und über das andere Sarastro. Pamina, das ist die Tochter der Königin der Nacht, wurde vom vermeintlich bösen Sarastro entführt. Deshalb beauftragt die Königin den Prinzen Tamino ihre Tochter zu befreien und zurückzuholen. Sie zeigt ihm ein Bild von Pamina und der Prinz verliebt sich auf den ersten Blick in sie. Deshalb ist er dann fest entschlossen, sie zu finden. Zusammen mit dem Vogelfänger Papageno macht er sich dann auf den Weg in Sarastros Reich. Aber da passiert im zweiten Akt etwas sehr Unerwartetes. Sarastro ist nämlich gar nicht böse, sondern gehört zu einem erhabenen Priester Orden. Und er wollte Pamina auch gar nicht entführen, sondern eigentlich vor der Königin retten. Tatsächlich entpuppt sich die Königin als böse und rachsüchtig und ihre Mutterliebe ist dann doch nicht so selbstlos, wie am Anfang vermutet. Sie verlangt nämlich von Pamina, Sarastro zu töten, damit sie die Vormachtstellung zurückgewinnt. Also das Gute und das Böse dreht sich im Laufe des Stücks einmal komplett um. Allerdings ist es dann doch nicht ganz so schwarz-weiss, denn auch Sarastro und die Priester sind nicht unproblematisch. Es gibt viele Anspielungen auf ihre Frauenfeindlichkeit und ein Sklave von Sarastro, Monosthatos, versucht sogar Pamina zu vergewaltigen. Am Ende finden Tamino und Pamina zusammen und auch Papageno findet seine Liebe. Es gibt also ein klassisches Happy End, könnte man sagen. Aber der Weg dahin ist viel komplizierter und verworrener, als es der märchenhafte Anfang erwarten lässt.

Nadja:
Also die Geschichte ist eigentlich ein ganz schön wilder Ritt. Wissen wir denn, warum da so viele Elemente und Wendungen eingebaut wurden?

Meret:
Wie gesagt, sollte sich das Stück unbedingt gut verkaufen. Emanuel Schikaneder war ja nicht nur der Librettist, sondern auch der Theaterdirektor des Freihaustheaters und er war sehr geschäftstüchtig. Deswegen kommt diese Oper auch im Gewand der Volksoper oder der Zauberoper daher. Das Genre war damals sehr populär und davon findet man auch in dieser Oper viele Elemente. Insbesondere natürlich die Zauberflöte selbst, die Tamino zum Schutz mit auf den Weg bekommt, also ein Instrument mit magischen Kräften. Und auch die Figur Papageno, der im Original halb Vogel, halb Mensch ist, hat die Herzen der Zuschauer:innen sehr leicht gewonnen. Mit seinem Humor, aber auch mit seiner Nahbarkeit. Er hat eher weltliche Bedürfnisse und strebt weniger nach der Erleuchtung als nach der unmittelbaren Befriedigung. Das war eine typische Volksopern-Figur, denn er bot viel Identifikationspotenzial, gerade eben auch für das einfachere Publikum des Vorstadttheaters. Papageno wurde in der Uraufführung übrigens auch vom Theaterdirektor Schikaneder selber gespielt. Aber gleichzeitig liegt unter dieser märchenhaften und leichtfüssigen Oberfläche sehr viel Komplexität. Zum Beispiel gehört dieser Priesterorden mit seinen Prüfungen, aber auch die ernsthaften Fragen nach Vernunft und Erleuchtung eher zu einem anderen Genre, vielleicht eher zum Mysterienspiel. Es geht in dem Stück auch um Fragen der Aufklärung, Fragen nach einer besseren, vernünftigen Gesellschaft. Die Frage aber, welche Seite denn nun gut ist und welche böse, also eher der Erkenntnis suchende Sarastro oder die Königin der Nacht, die eher Sinnlichkeit verkörpert, bleibt ungelöst. Oft werden in dem Stück Gegensätze erst Schwarz-Weiss aufgestellt, dann aber doch nicht konsequent durchgehalten. So wird z.B. die klassische Trennung zwischen hohem Paar Tamino und Pamina und dem niedrigen Paar, also Papageno und Papagena, in Frage gestellt, weil eigentlich müsste Pamina ja Tamina heissen. Sie trägt aber das P von Papageno in ihrem Namen. Und das Wichtigste Liebesduett in der Oper, singt sie auch gar nicht mit Tamino, sondern mit Papageno.

Nadja:
Und das Duett möchten wir uns doch gleich mal anhören.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Meret, lass uns mal über die Inszenierung am Theater Basel sprechen. Wie ist denn unser Regisseur Simon McBurney da rangegangen?

Meret:
Ja, es haben sich schon Generationen von Regieteams an der Zauberflöte die Zähne ausgebissen. Kaum eine Oper wurde so oft inszeniert und gespielt, wie du auch schon gesagt hast. Der Regisseur unserer Inszenierung, Simon McBurney, hat z.B. gesagt, für ihn sei die Zauberflöte zu proben wie eine archäologische Ausgrabung. Je mehr Schichten man freilegt, desto mehr Artefakte werden sichtbar, aber desto mehr Widersprüche auch.

Nadja:
McBurney selber ist ja eigentlich Schauspieler, oder?

Meret:
Ja, genau. Er hat in vielen Hollywoodfilmen mitgespielt. Aber er ist auch der Begründer der legendären Theatergruppe Complicité. Er kommt ursprünglich aus dem Bereich des Physical Theatre. Das ist eine sehr bewegungsbetonte Theaterforme. Das merkt man dem Spiel der Sängerinnen auch an, wie ich finde. Die Zauberflöte ist seine erste Operninszenierung, die Premiere war bereits 2012 in Amsterdam. Danach war die Produktion in London und beim Festival d’Aix-en-Provence.

Nadja:
Und warum zeigen wir genau diese Inszenierung hier in Basel? Was macht sie denn so besonders?

Meret:
Ich finde, das Interessante an der Inszenierung ist, dass sie sich weigert, diese Ungereimtheiten aufzulösen. Manche Inszenierungen heben Frauenfeindlichkeit oder die Frauenfeindlichkeit von Sarastro hervor, andere versuchen sie zu kaschieren oder wieder andere konzentrieren sich eher auf das Thema der Freimaurerei, das auch eine wichtige Rolle spielt und so weiter. Und McBurneys Zauberflöte entscheidet sich in diesen Fragen nicht explizit, sondern lässt alle diese Teile nebeneinander bestehen und geht eher spielerisch damit um. Das hat etwas Naives. Aber vielleicht macht genau dieses Naive den Abend auch so faszinierend.

Nadja:
Und wie muss man sich denn das Ganze bildlich vorstellen? Was passiert da auf der Bühne?

Meret:
Das Bühnenbild ist sehr minimalistisch und die Bühne fast leer. Im Fokus ist der nackte Bretterboden. Das einzige grosse Element ist eine schwebende Plattform, die sich bewegt und in unterschiedliche Positionen bringen lässt. Mir fällt da immer die Metapher vom doppelten Boden ein, was auch ganz gut zu diesem archäologischen und den verschiedenen Schichten passt, von denen Simon McBurney gesprochen hat. Dazu gibt es auf der Bühne auch einen Foley Artist, das ist ein Geräuschemacher, der sichtbar in einer Soundkabine steht und in den gesprochenen Dialogen die Handlungen untermalt mit live produzierten Soundeffekten, mit Gegenständen und Mikrofonen. Auf der anderen Seite der Bühne steht eine Zeichnerin, die mit Kreide Zeichnungen auf eine Tafel malt, die wiederum live in den Bühnenraum projiziert werden, quasi als lebendige Kulissen. Und dann gibt es auch noch eine Art Bewegungschor. Eine Gruppe von Performerinnen, die z.B. einfache Papiervögel aus Notenblättern über die Bühne flattern lassen. Das alles hat etwas sehr Verspieltes, Leichtes. Und all diese Mittel funktionieren eigentlich nach dem gleichen Prinzip. Sie erzeugen Atmosphäre und Theatermagie. Gleichzeitig zeigen sie aber auch ganz offen, wie diese Magie hergestellt wird. Der Blick des Publikums wird auf diese Magie gelenkt und damit auf die Kunst selber, auf ihre Wirkung auf die Menschen.

Nadja:
Also wir sehen eigentlich auch live während der Aufführung, wie die Inszenierung entsteht. Ja, du hast gerade eben von der Theatermagie gesprochen. Das Magische ist im Titel natürlich schon eingeschrieben und wir haben jetzt auch schon über die Zauberoper als Genre gesprochen. Eine vielleicht auch etwas naive Frage, weil wir hier immerhin von Mozart sprechen. Aber ich stell sie jetzt trotzdem. Findet sich die Magie denn auch in der Musik wieder?

Meret:
Ja, ich denke schon. Ich meine nicht umsonst, wie du sagst, ist der Titel der Oper Die Zauberflöte. Ein Instrument, eine verzauberte Flöte oder eine Flöte, vielleicht vielmehr, die verzaubern kann. Und es kommt ja zudem auch ein Glockenspiel vor, mit magischen Kräften. Das bekommt Papageno als Geheimwaffe mit auf den Weg

Nadja:
Und das hören wir uns auch gleich kurz an.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Welche Funktion haben denn diese ganzen magischen Instrumente?

Meret:
Die Instrumente, also die Zauberflöte, aber auch das Glockenspiel, was Papageno bekommt, können zum Beispiel Tiere anlocken, Feinde vertreiben, vor Wasser und vor Feuer schützen und so weiter. Ohne sie würden es die Held:innen ziemlich sicher nicht bis zum Ende schaffen. Und ich denke, für Simon McBurney ist das das magische Element des Stücks. Man könnte auch sagen, vielleicht das zentrale Element, wenn es denn doch eines geben soll. Also die Musik selber. In einem Essay bezeichnet er die Musik auch als eine der stärksten zivilisatorischen Kräfte, die auf unsere Herzen, Gedanken und Körper einwirkt. Für McBurney kann Musik Menschen und auch ganze Gesellschaften verändern. Schliesslich, so könnte man es auch sehen, ist das Zuhören ja eine der Grundkompetenzen für ein friedliches menschliches Zusammenleben.

Nadja:
Das ist ein sehr schöner Schlusssatz für unsere Einführung. Vielen Dank, Meret. 

Meret:
Danke dir. 

Nadja: Die Zauberflöte können Sie in der Spielzeit 21/22 ab dem 22. August auf der Grossen Bühne sehen. Das Stück dauert drei Stunden und es gibt eine Pause. Mehr Infos gibts auf unserer Website www.theater-basel.ch.