Stückeinführung

Hallo und willkommen zum Einführungspodcast vom Theater Basel für alle, die sich unterwegs und vorab informieren möchten über unsere Stücke auf der großen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über das Theaterstück Onkel Wanja. Hier in Basel wird es inszeniert von unserem Koo Schauspieldirektor Anton Romero Nunes. Aber dazu gleich mehr. Ich heiße Nadja, kam sie und mir gegenüber sitzt Michael Gmaj Schauspiel Dramaturg am Theater Basel. 

Hallo Michael, hallo Nadja. 

Michael, das Stück Onkel Wanja, das wurde von Anton Tschechow geschrieben, das ist russische Literatur aus dem späten 19.Jahrhundert. Was wird denn da für eine Geschichte erzählt?

Michael: 1898, um genau zu sein. Und es hat etwas von einer Soap. Wir haben den Protagonisten Onkel Wanja, der verwaltet das Gut seiner verstorbenen Schwester, seine Nichte Sonja hilft ihm dabei, und deren Vater, der Kunstprofessor in Moskau, Serebrjakow, ist gerade zu Besuch. Das sorgt natürlich für einige Probleme. Er war nämlich mit Wanjas Schwester verheiratet, hat jetzt aber an sich nichts mehr mit dem Gut zu tun. Aber Wanja und seine Nichte versuchen alles, was sie mit diesem Gut an Werten erarbeiten und an Geld schaffen, an diesen Kunstprofessor zu schicken, damit er sich sein Leben in der Großstadt leisten kann, in Moskau, um genau zu sein. Zudem hat er jetzt seine neue junge Frau mitgebracht und die sieht auch noch gut aus. Die Mutter, die auch auf dem Gut lebt, verehrt ihn sehr. Er ist für sie die Verbindung zur großen weiten Welt. Dann haben wir noch Astrow, den Landarzt aus der Gegend, der auch immer wieder auf dem Gut ist, und sonst in der Nähe wohnt, Bäume pflanzt und über die Vernichtung der Natur durch die Menschen nachdenkt, ja regelrecht dagegen agitiert. Er ist doch einer der besten Freunde Wanjas. Beide verlieben sich aber leider in die junge Frau des Professors. Was dann für einige Verwirrungen sorgt. Dann haben wir da noch Telegin, einen verarmten Gutsbesitzer, der sich ein eigenes Gut nicht mehr leisten kann und mit der Gesellschaft dort wohnt. Das Stück beschreibt an sich im Original den russischen Landadel im ausgehenden 19. Jahrhundert, der eben nicht mehr mit den gesellschaftlichen Entwicklungen mithalten kann und so eine Ansammlung von Vergessenen darstellt.

Nadja:
Ja, zwar die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit, heute nicht mehr, aber das klingt doch sehr heutig. Diese ganzen Themen. Es ist eine klassische Soap Geschichte, wie du selber sagst. Wir haben ein bisschen Öko-Themen noch dabei. Wie wurde das Stück denn in Basel inszeniert?

Michael:
Ja, die Basler Fassung, die spielt in der Schweiz. Sie spielt, genauer gesagt in der Schweizer Agglo im Hier und Heute. Aus den Szenen aus dem Landleben, wie Tschechow das untertitelt hat, wurden die Szenen aus dem Lockdown, könnte man sagen. Das Gut selbst ist zur Firma Rent a Tent geworden. Die Festzelte verleiht. Ja, das Stück haben wir dementsprechend angepasst. Vor allem die gesamten Figuren orientieren sich an der Schweiz. Der Protagonist, Onkel Wanja, heißt hier Unggle Beat, ist ein Mann Ende 40, gefangen in Lethargie, mit zynischem Humor, der sich nicht mehr zum Arbeiten motivieren kann, und dauernd über die Welt flucht. Dann haben wir den Kunstprofessor. Hier ein Schriftsteller, der nach Deutschland gezogen ist, nach Berlin, um genau zu sein, um dort eine Karriere aufzubauen, damit an sich gescheitert ist, sich aber weiterhin von seiner Familie in der Schweiz bewundern lässt. Elena, seine Frau, ist eine Deutsche, hat an der UdK in Berlin studiert und ist jetzt mitgekommen. Sie zeigt die typische Fremde in der Schweiz, die natürlich nicht wirklich Anschluss findet. Und wir haben Astrow, hier Michi – im Original Michail. Deswegen hier Michi, ein junger Typ, der wahrscheinlich schon viel von der Welt gesehen hat, viel rumgekommen ist, sich aber hier in der Schweiz nichts aufbauen konnte. Ein Arzt ist, aber so einen Stress mit seinem Job hat, es so emotional nicht verarbeiten kann, dass er im Alkohol einen Ausgleich sucht und vielleicht auch die Flucht gefunden hat zu diesem, zu diesen extremen Bedingungen, die er in der Arbeit hat. Die Nichte Sonja wird zu Jase, die sich um die Firma kümmert und daneben auch hoffnungslos in Michi verliebt ist. Und die Mutter von Wanja wirft ihrem Sohn ständig vor, kein eigenes Werk geschaffen zu haben. Der Schriftsteller hat das natürlich gemacht, er hat ein zumindest einen Roman produziert, und hängt aber davor selbst dauernd an ihrem iPad und an ihrer Musik und schafft auch kein Werk. Und last but not least haben wir Caro, im Original Telegin, dieser verarmte Gutsbesitzer. Hier ist es eine sie, eine Art weiblicher Harry Hasler, die trotz enttäuschter Liebe, trotz einer gescheiterten Ehe immer wieder ständig von positiver Energie träumt und dafür spricht und sich einsetzt. Das predigt, sich aber dauernd in Wortschlaufen verliert.

Nadja:
Ja, da waren ja jetzt auch schon einige Helvetismen mit drin. Die Namen habt ihr ja alle adaptiert. Das Stück heißt aber bei uns nach wie vor Onkel Wanja und nicht Unggle Beat. Wie wird denn auf der Bühne gesprochen?

Michael:
Ja natürli Schwyzerdütsch! Also mir hend Baseldütsch und Luzernerdütsch. Händ Züridütsch und denn hemmer no Bärndütsch.

Nadja:
Die ganz Pallette. Da losemer doch ine.

Nadja:
Man hört, die Emotionen fließen fast ungefiltert von der Bühne. Ich hab mich auch gefragt: Berührt mich das als Schweizerin auch so besonders, weil es meine Muttersprache ist? Das ist ja eigentlich auch etwas recht Aussergewöhnliches, dass man solche klassischen Stoffe auf Schweizerdeutsch zeigt.

Michael:
Ja das ist tatsächlich etwas Besonderes. Ich selbst habe noch keinen Klassiker auf Schweizerdeutsch gesehen, in der Art und Weise. Es gab in den Siebzigern in Basel unter Düggelin den Versuch, Schweizerdeutsch geschriebene Stücke auf die Bühne zu bringen. Diese Versuche hatten, glaub ich, auch einen großen Erfolg. Es gab auch am Schauspielhaus Zürich Inszenierungen, schweizerdeutsche Stücke, aber das hat sich dann nach und nach verloren. Und Onkel Wanja oder Unggle Beat ist jetzt wieder nach langer Zeit tatsächlich ein Klassiker übersetzt ins Schweizerdeutsche.

Nadja:
Jetzt ist aber der Regisseur Antú Romero Nunes in Deutschland aufgewachsen. Hat es einen Deutschen gebraucht, um uns zu zeigen, dass Schweizerdeutsch auf der Profibühne funktioniert?

Michael:
Regisseur Romero Nunes hatte schon früh den Wunsch, hier einen Abend auf Schweizerdeutsch zu machen. Er ist ein sprach begeisterter Regisseur, der sich mit Sprachmelodie auseinandersetzt, auch an der Musikalität der Sprache ein großes Interesse hat. Er selbst kommt auch aus keinem deutschen Hintergrund per se. Sein Vater ist Portugiese, seine Mutter ist Chilenin. Und gerade in seiner Arbeit Odyssee, die man hier sehen konnte und die auch zum Theatertreffen eingeladen war, hat man sich, haben die sich als Team sehr intensiv mit Sprache auseinandergesetzt. Sie sind nämlich im Prozess irgendwann auf die Idee gekommen, dass sie das Ganze in einer Kunstsprache, in einer Fantasiesprache zu sprechen. Und dann haben die angefangen, die Schauspieler, eine Sprache zu entwickeln. Eine sehr komische Sprache, die Schwedisch ähnelt, die man aber, wenn man dem Abend zuguckt, zuhört, wirklich versteht. Man versteht Fetzen davon, fühlt sich komplett fremd, aber man kriegt mit, was der Inhalt ist. Und so war es nur logisch, sich in der ersten Spielzeit für ihn hier in der Schweiz mit dem Schweizerdeutschen intensiver auseinanderzusetzen.

Nadja:
O.k. Leidenschaft für Sprache ist vorhanden. Interesse am Schweizerdeutsch auch. Aber wie sieht denn der Arbeitsprozess aus, wenn der Regisseur die Sprache nicht spricht, die auf der Bühne gesprochen wird?

Michael:
Da haben wir uns natürlich einen Experten geholt. Wir haben uns den jungen Autor Lucien Haug geholt, der für die Übersetzung zuständig war, und der hat im Grunde genommen diese gesamte Übertragung gemacht. Lucien hat viel Erfahrung mit Schweizerdeutsch, ist sehr verbunden mit dem Jungen Theater Basel, wo er mit Jugendlichen gearbeitet hat und noch immer arbeitet, mit ihnen zusammen Stücke entwickelt, aber auch selber Texte schreibt. Und in diesem Schreibprozess beschäftigt er sich natürlich auch mit Sprachmelodie, mit verschiedensten Dialekten. In der Vorbereitung haben wir dann erkannt, er hat am Text geschrieben, wir haben am Konzept gearbeitet, wie gut dieser Stoff mit diesem Schweizerdeutsch und mit diesem Setting zusammenkommt und dass man an sich eigentlich von der Szenenstruktur für den ganzen Aufbau des Stückes gar nicht viel verändern muss, sondern einige lokale Bezüge schafft, die Sprache verändert, aber sehr, sehr nah an Tschechow bleibt. Und das ist auch vor allem Luciens Verdienst, dass die Dialoge so heutig und so nahbar sind und uns auch so berühren. In den Proben war dann die Arbeit mit den Schauspielern sehr eng, denn sie waren die Experten ihrer jeweiligen Dialekte. Sie haben an diesen Texten gefeilt und geschliffen, sie verfeinert, genauer gemacht, sie auch auf ihr Sprechen sozusagen zu geschliffen. Und vielleicht wollen wir uns da nochmal einen Ausschnitt anhören von Vera Flück, die die Jase spielt. Und die Bärndütsch spricht.

Nadja
Michael, dann lass uns jetzt mal über die Optik von Unggle Beat, von Onkel Wanja sprechen. Was ist das für ein Setting? Was für eine Bühne, in der gespielt wird?

Michael:
Ja, ich habe vorher kurz gesagt, das Gut ist jetzt die Firma Rent a Tent, der Verleih von Festzelten. Und natürlich hat diese Familie, der diese Firma gehört, ein riesiges Festzelt in ihrem Garten stehen. Im Grunde besteht die gesamte Bühne aus diesem Festzelt und wir sehen gar nicht, was die Aussenwelt ist. Sie haben dieses Zelt, so erzählt es die Geschichte, nach der langen vergangenen Hochzeit von dem Schriftsteller und seiner ersten Frau einfach stehen lassen und nicht abgebaut. Aber dieses Festzelt ist sozusagen als Ort natürlich auch symbolisch gemeint. Es ist eine – es ist eine Illusionswelt, die sich diese Familie geschaffen hat, wie in der Truman Show. Es ist eine Selbstlüge, in der man gefangen ist, aus der sie nicht mehr rauskommen. Denn es gibt keine Aussenwelt. Und kennen wir die Situation nicht alle? Wenn man Glück hatte, einen Garten zu haben, jetzt in den letzten Monaten. Und man da vielleicht auch ein Zelt hätte stehen lassen. Dann hätte man doch seine gesamte Freizeit dort draußen verbracht und nicht in der Wohnung, wo man so eng aufeinander sitzt in Zeiten des Lockdown.

Nadja:
Das hätte wahrscheinlich auch einige Familien vorm Zwist bewahrt, wenn das möglich gewesen.

Michael:
Wahrscheinlich ja.

Nadja:
Du hast vorhin auch den Begriff der Schweizer Agglo benutzt. Wie ist das denn hier gemeint? Zeigt ihr eine Milieustudie?

Michael:
Nein, wir hatten den Leitsatz: Das Stück erzählt von uns allen. Es war uns wichtig, eine Geschichte über uns zu erzählen. Antú ist zum Beispiel in Tübingen aufgewachsen. Lucien kommt aus Oberwil. Ich kenne Schwamendingen, wo ich gross geworden bin. Züri. Ich finde es auch immer ein wenig langweilig, von Milieu zu sprechen, denn das pickt immer einen Teil der Gesellschaft raus und schiebt sie auf die Bühne. Das wollen wir nicht. Für das Team war immer klar: Es geht um uns. Das Stück erzählt von uns allen. Das macht auch das Wichtige bei Tschechow aus, das ihn so nahbar macht. Ich würde auch behaupten, die Zuschauer kennen diese Menschen, die sie da auf der Bühne sehen werden, diese Figuren oder zumindest Facetten davon. Jeder von uns ist eine dieser Figuren irgendwann mal im Leben begegnet. Und das Schweizerdeutsch wirkt dann umso mehr identitätsstiftend. Wenn wir dann diese Figuren so sprechen hören. Ich würde sogar sagen, die diese Sprache, diese Schweizerdeutsch macht etwas auf. Und es müsste macht etwas, auf das diese Figur mit unserer Sprache sprechen. Macht es dadurch umso nahbarer und emotionaler. Und wir verwenden eigentlich viel zu wenig Schweizerdeutsch auf den Bühnen. Denn wir brauchen diese Sprache, um unsere Geschichten zu erzählen. Derzeit gibt es ja Schwänke, viel Volkstheater, mal das grosse Stück auf einer Seebühne. Aber auf den professionellen Bühnen, wo wir mit Klassikern arbeiten oder eben mit neuen Texten. Teilweise kommt meiner Meinung nach viel zu wenig Schweizerdeutsch vor. Und jetzt hat man das grosse Glück, es auf einer solchen Bühne zu sehen. Hier in Basel mit hochkarätigen Schauspielerinnen, die auch auf diesem Niveau mit dieser Sprache jonglieren.

Nadja:
Ja, genau das hätte ich auch noch fragen wollen. Wer kann das überhaupt? Was kannst du uns denn über die Besetzung erzählen?

Michael:
Zunächst haben wir Ueli Jäggi, der seit Jahren wieder auf der Basler Bühne spielt. Er zeigt uns den Schriftsteller, der aus Berlin zu Besuch kommt. Dann haben wir, auch in Basel sehr bekannt, Sven Schelker als den Arzt Michi. Vera Flückzeigt uns die Nichte von Unggle Beat, Jase, im besten Berndeutsch. Fabian Krüger spielt den Protagonisten Unggle Beat. Carina Braunschmidt ist als Caro zu erleben, in einer selbstentwickelten Figur, die sich an Telegin orientiert. Suly Roethlisberger kennt man aus dem Bestatter, dort war sie Erika Bürgi. Suly spielt die wunderbare Mutter von Unggle Beat, die ständig an ihrem iPad hängt. Und dann haben wir Mala Emde, die die junge Frau des Schriftstellers spielt, Elena, die einzige Deutsche im Ensemble. Denn der Rest sind alle Schweizer Schauspielerinnen und Schauspieler. Warum? Denn suscht wärs ja so schwierig mitem Schwiizerdütsche.

Nadja:
Richtig. Merci vell mol för die Ifüehrig, Michael.

Michael:
Gern und jetzt gömmer eis go zieh Nadja.

Nadja
Das möchemer.

Onkel Wanja Können Sie in der Spielzeit 21/22 ab dem 22. August im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert zwei Stunden, 25 Minuten ohne Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Website www.theater-basel.ch