Stückeinführung

Hallo, willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Mit diesem Podcast können Sie sich informieren über unsere Stücke auf der grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über das Schauspielstück Ulysses, inszeniert vom New Yorker Regisseur John Collins. Mir gegenüber ist Angela Osthoff Schauspieldramaturgin am Theater Basel. Mein Name ist Nadja Camesi. 

Hallo Angela
Hallo Nadja! 

Nadja:
Wir hören einmal direkt in die ersten Sätze rein, mit denen der Abend eröffnet wird.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Ja, das ist ein etwas rätselhafter Anfang gewesen. Wer spricht denn da? Ist das Originaltext aus James Joyce Werk Ulysses?

Angela:
Es ist Original James Joyce. Aber es ist nicht aus dem Roman Ulysses. Das ist eine Aussage, die James Joyce viel später über den Roman getroffen hat. Und Fabian Krüger beginnt den Abend mit diesen Sätzen. Als Art Spielführer kann man vielleicht sagen, um seine Mitspielerinnen, um das Ensemble zu ermuntern, jetzt Leben in diesen Roman einzuhauchen und mit dem Roman zu beginnen.

Nadja:
Genau. Aber dann lass uns auch erst mal ganz klassisch einsteigen bei diesem grossen Klassiker. Der Roman ist ja fast 1000 Seiten stark. Kannst du uns trotzdem in ein paar wenigen Sätzen sagen, worum es da geht in diesem sogenannten Jahrhundertroman?

Angela:
Ja, also man kann sich ganz, ganz einfach machen und auf diese Frage antworten, wie zum Beispiel der Schweizer Psychoanalytiker Jung reagiert hat, auf diesen Roman gesagt hat: da passiert eigentlich gar nichts. Das stimmt natürlich so nicht. Aber wenn man mit einer gewissen Erwartungshaltung an diesen Roman rangeht und sagt, im Hinterkopf habend Homer die Odyssee, und erwartet einen Abenteuerroman oder ein Heldenepos, wird man wahrscheinlich enttäuscht. Und der Held bei James Joyce ist was ganz anderes der Held ist der Alltag. Der Held ist die Sprache. Der Held ist ein Spiel mit den Formen, mit den Perspektiven. Aber natürlich kann man es trotzdem runterbrechen auf einen Plot und den kann man ein paar Sätzen auch ganz gut zusammenfassen. Es geht um einen einzigen Tag. Der Roman ist der Roman eines Tages, und zwar des Donnerstag, 16. Juni 1904. Und an diesem Tag begleiten wir den Zeitungsannoncenakquisiteur Leopold Bloom und den mittellosen jungen Lehrer Stephen Daedalus durch ihren Tag in Dublin. Wir begleiten sie durch ihren Alltag. Das heisst, sie gehen auf eine Beerdigung, sind in der Bibliothek spazieren, am Strand entlang, essen in diversen Restaurants und Kneipen, gehen zusammen zum Schluss sogar ins Bordell. Und zum Schluss begleiten wir Leopold Bloom ins Bett. Die Spur von Stephen verläuft sich, da weiss man gar nicht, wie das weitergeht. Und die letzte Viertelstunde bei uns auf der Bühne gehört dann Molly Bloom, der Frau von Leopold Bloom, die im Prinzip am Ende noch mal ganz von vorne anfängt. Und wir dürfen als Publikum mit ihr in ihre Gedankenwelt noch einmal eintauchen. Sie lässt ihre Gedanken im Sinne des Wortes ohne Punkt und Komma schweifen. Und es verweben sich Erinnerungen an die Kindheit, an die Ehe mit Leopold Bloom. Erotische Erinnerungen sind auch dabei und wir verfolgen diese Figuren grundsätzlich eher in ihren Gedanken und in ihren Erinnerungen. Wie wir natürlich auch bei den Gesprächen dabei und den Handlungen sind in den intimsten Fantasien dabei. Stichwort Stream of consciousness. Das ist natürlich das, wofür Joyce besonders berühmt ist und womit man ihn in Verbindung bringt.

Nadja:
Nun wird Ulysses aber auch als Schlüsselroman der Moderne bezeichnet und man sagt ihm nach, dass er stilgebend war für eine ganze Epoche. Was macht ihn denn so wichtig für das zwanzigste Jahrhundert?

Angela
Es ist lustig, dass man immer von dem Jahrhundertroman und dem Schlüsselroman spricht. Und dann eigentlich, das müsste eigentlich jeder gelesen haben, damit man diese Aussage treffen könnte. Und es ist interessant, weil ich glaube, es steht auf jeder «to read» Liste oder es steht in jedem Bücherregal, die markante Suhrkamp-Ausgabe mit dem roten Schnitt. Gelesen haben es dann aber doch relativ wenige. Wir haben es zum Beispiel mit der Bibel verglichen – das ist aber vielleicht sogar die ganz falsche Frage ist, ob man diesen Roman gelesen hat, sondern vielleicht nur ausschnittsweise.

Nadja
Ich kann mich auch gleich outen. Ich bin zwar Anglistin, aber tatsächlich habe ich Ulysses nie gelesen.

Angela
Genau. Also wahrscheinlich ist das wirklich die falsche Frage, ob man da Wort für Wort gelesen hat. Darum geht es gar nicht bei diesem Roman. Was ihn aber so interessant macht und warum man dieses Label Schlüsselroman der Moderne trägt, ist sicherlich diese Fülle von sprachlichen und stilistischen Mitteln und Möglichkeiten, die Joyce variiert, neu erfindet und kombiniert. Und jedes der 18 Kapitel ist tatsächlich einer anderen literarischen Technik gewidmet. Das ist eine extrem breite Palette, die von einfacher auktorialer Erzählung zu Experimenten mit dem musikalischem Potenzial der Sprache reichen, dann gibt es ein Kapitel, was wie ein Drama verfasst ist, ein unmögliches Drama übrigens, was eigentlich gar nicht auf die Bühne bringen kann, das ist das Kapitel 15, der Höhepunkt des Romans im Prinzip. Und dann gibt es ein Kapitel, das ist auch interessant, wo sich die Entwicklung der englischen Sprache niederschlägt. Es fängt mit dem Lateinischen an und geht dann über das Altenglisch bis zum modernen Slang 1904. Es ist in jedem Kapitel eine ganz, ganz andere Erzähltechnik. Und dann natürlich zum Schluss, ich hatte das Stichwort schon genannt, Stream of consciousness, der grosse Monolog von Molly Bloom am Schluss, wo sich assoziativ die Gedanken aneinanderketten und sie über 60 Seiten lang in ihren Gedanken freien Lauf lässt. Es ist also formal ein extrem fragmentiertes Werk. Und es spielt sicherlich eine Rolle, wann dieser Roman geschrieben worden ist, dass eben die Wahl dieses Mittels getroffen worden ist. Es ist geschrieben worden zwischen 1914 und 1921 oder 22. Das heisst, es fällt in die Zeit des Ersten Weltkriegs und in die Jahre danach. Und die politische Gewalt und das politische Chaos, in dem sich die Welt und Europa zu dieser Zeit befindet, ist etwas, was sich natürlich irgendwie der literarischen Form niederschlägt.

Nadja:
Du hast gerade gesagt, das Kapitel 15 ist zwar ein Höhepunkt, aber unmöglich auf die Bühne zu bringen. Warum?

Angela:
Dieser Dialog ist an sich unmöglich auf die Bühne zu bringen. Es sind zwischendrin wahnsinnig viele Regieanweisungen, die wir tatsächlich auch so Wort für Wort auch auf die Bühne bringen. Und es kommt nicht so ein richtiger Fluss da rein. Es ist nicht dialogisch für eine Bühne geschrieben. Andere Kapitel, die übrigens auch nicht für die Bühne geschrieben worden sind, werden erst durch das Hören und laut Lesen irgendwie plastisch. Zum Beispiel Kapitel 11, wo es um die Musik geht und die Technik, die hinter dem Kapitel steht, das versteht man, glaube ich, wirklich erst, wenn man das laut liest und laut hört. Aber ja, es ist unmöglich, diesen Roman auf die Bühne zu bringen. Nicht nur Kapitel 15, sondern diesen gesamten Roman. Und das war tatsächlich für uns irgendwie auch eigentlich eine Befreiung, dieser Unmöglichkeit zu begegnen und dann dadurch wieder ganz viele andere neue Möglichkeiten zu bekommen.

Nadja:
Gut, dann lasst uns doch mal auf den Titel zurückkommen. Ulysses, das ist Odysseus. Wir kennen ihn aus Homers Ilias…

Angela:
Wir kennen ihn, kennen in der Ilias. Und dann ist er aber natürlich vor allem die Hauptfigur der Odyssee.

Nadja:
Genau. Und dann gibt es die Odyssee, die große Irrfahrt. Aber was du vorhin jetzt als Zusammenfassung erzählt hast, das klingt jetzt nicht so, also das klingt jetzt nicht so zwingend, dass man das jetzt so genannt hätte. Woher kommt denn dieser Titel?

Angela:
Wie gesagt, es ist tatsächlich keine Heldenerzählung, aber Joyce hat ja den Anspruch gehabt, eine moderne Odyssee zu schreiben. Und es gibt jedes dieser 18 Kapitel, was verbunden ist mit einer Figur aus diesem homerischen Epos. Und da gibt es sehr lose Verknüpfungen, eher assoziative Verknüpfungen. Und dann gibt es natürlich auch Verknüpfungen, die extrem auf der Hand liegen, wie Leopold Bloom als die Figur des Odysseus. Leopold Bloom, der von und bei uns von Andrea Bettini gespielt wird. Und auch wenn seine Irrfahrt natürlich viel kürzer ist als die homerische Irrfahrt. Odysseus irrt da zehn Jahre von Troja nach Ithaka, bis er zurück zu Penelope kommt. Und bei Joyce dauert diese Irrfahrt nur einen einzigen Tag. Und interessant ist, dass dieser Odysseus, dieser Wanderer bei Joyce ein Jude ist und also die jüdische Diaspora und die damit verbundene Irrfahrt des jüdischen Volkes in eine interessante Verbindung gebracht wird mit dieser homerischen Odyssee. Und eine andere Figur, die man gut identifizieren kann, ist Stephen Daedalus als Telemach, bei uns gespielt von Fabian Dämmich und bei Joyce hat Telemach, der Sohn des Odysseus, einen Vater namens Simon. Allerdings fehlt ihm so ein bisschen diese geistige Heimat, und er ist auf der Suche nach einer geistigen Vaterfigur und findet die, wenn man so möchte, in Leopold Bloom. Und dann ist da natürlich Molly Bloom, gespielt von Carina Braunschmidt bei uns, die man mit Penelope identifizieren kann, dem heimatlichen Hafen, zu dem Odysseus oder Leopold Bloom nach diesem sehr langen Tag zurückkehrt. Allerdings ist Penelope bzw. Molly Bloom bei Joyce nicht die wartende Ehefrau, die harrt, dass der Mann wieder zurückkommt, sondern die hat durchaus ihre Affären und ihr eigenes Leben. Also was ganz anderes, als wir bei Homer kennenlernen. Und das ist vielleicht ein ganz guter Punkt, weil man da dann schön sieht, dass die Verbindung zu Homer zwar gegeben ist, aber nicht schulmeisterlich bis ins letzte Detail durchexerziert wird. Und es ist gut, das im Hinterkopf zu haben. Aber man braucht es überhaupt nicht, um sehr viel Spass auch an der Odyssee haben zu können, also an Ulysses haben zu können. Und der Anspruch ist aber ganz klar durch diesen Titel gesetzt, würde ich sagen. Joyce spannt ganz, ganz bewusst diesen Bogen von den Anfängen der abendländischen Literatur bis zum Zeitpunkt zu dem er schreibt, wenn er sich auf eines der ersten literarischen Zeugnisse der westlichen Welt bezieht, und er hat damit durchaus, würde ich sagen, den Versuch unternommen, ein fast neues säkulares Buch der Bücher für eine neue Gesellschaftsordnung zu schreiben.

Nadja:
Vielleicht können wir noch die anderen Castmitglieder kurz vorstellen. 

Angela:
Am Anfang habe ich gesprochen von Fabian Krüger, der als James Joyce am Anfang auf die Bühne tritt und so ein bisschen der Spielführer ist, aber auch eine Erzählerfigur ist und in ganz viele verschiedene Figuren hineinwächst. Buck Mulligan zum Beispiel. Im Kapitel 15 spielt er ganz viele verschiedene Figuren. Und dann haben wir Nairi Hadodo, die auch sehr viele verschiedene Figuren spielt und so eine prototypische Leserin des Romans ist – dazu vielleicht später noch ein bisschen –  und sehr viele verschiedene Figuren eben auch annimmt. Und dann eher klassisch Carina Braunschmidt als Molly Bloom, Andrea Bettini als Leopold Bloom und Fabian Krüger, als Stephen Daedalus.

Nadja:
So, nun hast du vorhin auch schon ein bisschen erklärt, warum das so schwierig ist, so ein Epos auf die Bühne zu bringen. Wie ist denn da der Regisseur vorgegangen? John Collins?

Angela:
Also ja, wie gesagt, diese Unmöglichkeit hat uns irgendwie dann wiederum inspiriert und uns viele Freiheiten gegeben. Und wir hatten ganz viele verschiedene Gedanken im Kopf, wie man mit so einem Roman umgeht. Nehmen wir nur eine Seite. Nehmen wir ein Kapitel. Und zum Schluss haben wir uns dann entschieden zu sagen: Nee, wir nehmen aus jedem der 18 Kapitel ein paar Seiten. Zwei bis sieben Seiten haben wir aus jedem Kapitel ausgewählt und wir erzählen im Prinzip relativ chronologisch, klassisch die Geschichte. Und der Grund für diese Entscheidung war, dass John Collins gesagt hat, was ihn interessiert an diesem Roman oder was er als den Kern dieses Romans betrachtet, ist im Prinzip diese Polyphonie, das Stimmengewirr, diese Perspektiven, die Vielfalt, die verschiedenen Erzählformen in ihrer Gesamtheit. Und um das abzubilden, brauchten wir den gesamten Roman bis zum gewissen Grad und wollten uns eben nicht in eine Tiefenbohrung versenken und zum Beispiel nur eine Seite anschauen.

Nadja:
Und wie habt ihr denn das gelöst oder entschieden, welche Teile ihr ausklammern wollt?

Angela:
Das Mittel, was wir gewählt haben, war, dass wir in jedes Kapitel reinzoomen und dass wir aus jedem Kapitel so den Kern heraus versuchen zu arbeiten. Und dann haben wir das ein zweites Mittel gewählt, dass wir gesagt haben, wir spulen von Kapitel zu Kapitel. Und das ist etwas, was wir tatsächlich auf der Bühne auch sehen. Also wir haben rechts und links die Übertitel-Monitore, auf denen im Prinzip der gesamte Text durchläuft, und an den Stellen, in denen der Text gespielt wird, kann man gut mitlesen. Und an den Stellen, wo wir spulen, wie bei so einem guten alten Kassettenrekorder, fliegt der Text in einer wahnsinns Geschwindigkeit über die Monitore. Und dann gibt es auch noch eine Projektion auf die gesamte Bühne, wo der Text auch wie durchrast. Wir haben im Prinzip dann doch zum Schluss jedes einzelne Wort auf der Bühne, wenn auch nur sehr, sehr kurz und auch nicht unbedingt jedes einzelne Wort gesprochen.

Nadja:
Genau. Und das Geräusch des guten alten Kassettenrekorder ist auch eingesetzt worden, damit man es auch ganz klar, dass das gemeint ist, damit...

Angela:
Ja, es ist ganz klar nicht nur visuelles Mittel, sondern man hört das eben auch ständig, dieses (macht ein Spulgeräusch) und dann fliesst der Text durch.

Nadja:
(lacht) Genau. Und was man vielleicht noch dazu sagen kann, ist dass die Übertitel, von denen du gesprochen hast, die sind im Original auf Englisch.

Angela:
Genau. Die sind komplett im Originaltext. Das war diesmal eine leichte Übung, die Titel zu setzen und es macht auch extrem viel Spass, teilweise auch wenn man das nicht braucht, als Deutsch-Muttersprachlerin, in die Titel manchmal reinzugucken, weil es natürlich einfach Wahnsinn ist, diese Sprachgewalt und diese Vokabeln da zu sehen. Und da auch mal einen Blick hinzuwerfen.

Nadja:
Ich denke gerade dann, wenn es lyrisch wird, konnte man nicht eins zu eins bleiben sozusagen. Da ist es interessant, wenn auch eine Herausforderung fürs Gehirn an beiden Orten aufzupassen. Aber da kann man ja ein bisschen üben mit. Wir wollen doch gleich mal reinhören in so einen Sprachbild quasi. Und zwar in das Kapitel vier. Das ist eines der bekanntesten, das hast du gerade auch schon gesagt, in dem uns Leopold Bloom uns zum ersten Mal begegnet.

[Ausschnitt aus dem Stück]
Angela:
Vielleicht kann ich ja noch eine kleine Anekdote anfügen. Ich habe während der Probenzeit einige Zuschriften bekommen, einige Mails mit der Frage, ob der Abend acht Stunden dauern würde oder länger. Und ich war am Anfang so ein bisschen irritiert, woher dieses Gerücht kommt.

Nadja:
Woher kam es?

Angela:
Ich glaube, wenn man John Collins googelt, den Regisseur des Abends, kommt man ganz schnell zu der Information, dass er und die New Yorker Theatergruppe, die er 1991 unter dem Namen Elevator Repair Service gegründet hat, bekannt ist für extrem aussergewöhnliche Romanadaptionen. Und ich glaube, die berühmteste Inszenierung, wenn man die Gruppe kennt, ist ganz eine Adaption von Fitzgeralds The Great Gatsby. Und hier haben sie tatsächlich jedes einzelne Wort des Romans auf die Bühne gebracht. Ja, und dieses Unterfangen hat, wie man sich vorstellen kann, ein bisschen länger gedauert, nämlich ganze acht Stunden. Deswegen glaube ich die Frage, wie lange wir mit Ulysses sitzen würden. Da kämen wir mit 8 Stunden nicht ganz hin. Aber eben durch dieses Mittel, das Fast Forward. Haben wir es auf knackige zwei Stunden reduziert und immer davon gesprochen, dass wir an Ulysses im Schnelldurchlauf präsentieren!

Nadja:
Ja, und vielleicht auch noch mal zum Schluss das Bühnenbild. Das ist ein sehr realistisches und gleichzeitig steht es auf so Stelen. Also es ist auch ganz eindeutig, dass es «nur» ein Bühnenbild ist. Also wie ein Theater im Theater. Was hat es denn damit auf sich?

Angela:
Es gibt eine lustige Geschichte, die hinter diesem Bühnenbild steht. John hat es nämlich aus New York überhaupt nicht im Kopf gehabt, wie ein Stadttheater produzieren könnte in so kurzer Zeit. Und bei uns ist es ja notwendig, dass das Bühnenbild sehr, sehr früh abgegeben wird. Und bei ihm ist der Prozess eigentlich ein ganz anderer. Er fängt immer an mit der Fantasie der Spielerinnen und baut darauf auf und dann kommt irgendwann mal eine Bühne dazu. Das war eben bei uns nicht der Fall. Und David Zinn, der Bühnenbildner und Kostümbildner des Abends, hat dann versucht, die Sache zu vereinfachen und ihm eine Brücke zu bauen. Er hat ihn gefragt: Hey John, wo würdest du das denn inszenieren, wenn du es in New York inszenieren würdest? Und er meinte er ganz naiv: Na ja, natürlich bei uns im Probenraum in New York. Und das war dann tatsächlich die Geburt der Idee für dieses Bühnenbild. Weil was David dann gemacht hat, war, dass er wirklich diesen Probenraum aus New York genommen hat, in der Diagonalen durchgeschnitten hat und eins zu eins bei uns auf die Bühne gestellt hat. Und dann kam eine zweite Idee dazu, und das war die der Bibliothek. Dass wir gesagt haben, wir wollen gerne von dem Buch und von der Leseerfahrung ausgehen und das ins Zentrum des Abends stellen oder an den Anfang zumindest des Abends stellen und davon die Inszenierung entwickeln. Das heisst, David hat Bibliotheksnischen in diesem Probenraum hinein gebaut und der Abend beginnt so, dass die Spielerinnen im offenen Einlass schon auf der Bühne sind und dabei sind, das Buch wirklich zu lesen und zu studieren. Und dann im Laufe des Abends, inspiriert oder angestachelt von Fabian Krüger, als Spielleiter in ihre Figuren hineinwachsen und zu den Charakteren werden und immer wieder, aber auch vor allem über Nairi Hadodo in das Lesen auch zurückfallen.

Nadja:
Ja, das könnte man sich vielleicht auch fragen an dem Abend: Ist es tatsächlich der Text, den die da alle in Buchform so mit sich herumtragen. Also es sind keine Requisiten. Das ist wirklich der Text?

Angela:
Das ist wirklich der Text. Und Sie lesen aus dem Buch und haben das natürlich so wie Studierende oder Lesende auch so präpariert. Man sieht die Post-its auch, und das gehört zu dem Bild dazu.

Nadja:
Ja, vielen Dank für diese Einführung Angela. 

Angela:
Sehr gerne. 

Nadja:
Ulysses können Sie in der Spielzeit 21/22 noch bis im März 22 im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert gut zwei Stunden ohne Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Webseite www.theater-basel.ch