Stückeinführung

Nadja:
Hallo, willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Dieser Podcast ist die Einführung zum Mitnehmen, Hören, Zurückspulen und nochmals hören, unabhängig von den Einführungen im Foyer. In dieser Folge sprechen wir über das Schauspielstück Der Spieler von Dostojewski, inszeniert von der Regisseurin Pinar Karabulut. Mein Name ist Nadja Camesi und heute spreche ich mit Anja Dirks, Dramaturgin und Co. Direktorin der Sparte Schauspiel am Theater Basel. Hallo Anja,

Anja:
Hallo Nadja,

Nadja:
Dostojewskis eigene Biografie liest sich ja eigentlich auch schon sehr dramatisch. Also da lassen sich auch einige Parallelen zu diesem Stück ziehen. Wollen wir vielleicht erst mal etwas drüber sprechen, wie sich sein Leben so abgespielt hat?

Anja:
Unbedingt, das steht seinem Roman in nichts nach. Er hat gelebt von 1821 bis 1881. Es ist also vor ziemlich genau 200 Jahren geboren und 60 Jahre alt geworden. Und ich habe wirklich nur ein paar Sachen rausgepickt aus seiner Biografie, sonst wären wir hier ganz schön lange zugange. Er ist zum Beispiel als junger Mann verhaftet worden, weil er in so frühsozialistischen Kreisen verkehrt hat. Wobei das eigentlich recht harmlos war, was die gemacht haben. Letztlich verhaftet wurde er, weil bei jemandem zu Hause einen Brief vorgelesen wurde, von einem nicht ganz staatstreuen Herrn. Und daraufhin wurde er zum Tode verurteilt und in letzter Sekunde wurde dieses Todesurteil aufgehoben. Aber auf eine höchst dramatische Art und Weise. Dostojewski und andere Mitgefangene wurden schon in den Kasernenhof geführt, mit verbundenen Augen. Die Gewehre waren im Anschlag. Und dann kam in letzter Sekunde die Botschaft des Zaren, dass er die Herren begnadigt. Das hat ihn nachhaltig traumatisiert, kann man sich vorstellen. Und gleichzeitig war auch so eine merkwürdige Dankbarkeit bei ihm geschürt, dass er ja also quasi das Gefühl hat, er verdankt dem Zaren wirklich sein Leben. Er wurde natürlich dann nicht sofort freigelassen, sondern erst ins Straflager geschickt. Dort hat er vier Jahre verbracht, dann wurde er wieder freigelassen und hat sich dann so peu à peu in die Gesellschaft zurück gearbeitet. Erst durfte er zum Beispiel gar nicht zurück nach Sankt Petersburg, irgendwann später dann doch. Und hat sich dann mühsam wieder hochgearbeitet. Er hat relativ früh seinen Brotjob aufgegeben und beschlossen, als freier Schriftsteller zu leben, was damals wirklich schwierig war.

Nadja:
Was war der Brotjob davor?

Anja:
Er war, glaube ich, Ingenieur. 

Nadja:
Okay

Anja:
Und, und er hat halt sehr viel, zum Beispiel für Zeitschriften geschrieben. Und das war für ihn auch sehr stilprägend, weil er dann immer so kapitelweise veröffentlicht hat und sehr stark schon mit so was wie Cliffhanger gearbeitet hat. Also Spannung aufbauen und dann in der Luft hängen lassen, damit die Leute auch nächste Woche die Zeitschrift kaufen. Das sind so Stilmittel, die er sehr früh benutzt hat. Er hat aber eigentlich immer finanzielle Sorgen und auch gesundheitliche Sorgen. Er war zum Beispiel auch Epileptiker und hat erst 1862 war er dann so weit – also er war da ja schon über 40 – da hatte er sich dann so weit etabliert gehabt, dass er eben auch sich zum ersten Mal in seinem Leben eine Auslandsreise leisten konnte. Und da fuhr er ins Ausland, nach Deutschland, Belgien, Paris, London. Also entdeckte Westeuropa. Man muss sagen, es hat ihm gar nicht gefallen. Er war überhaupt nicht beeindruckt, eher entsetzt. Auch zum Teil, was er zum Beispiel in London, im frühindustrialisierten London da gesehen hat. Aber vor allem für sein Schicksal prägend war, er entdeckt das Roulettespiel, das war in Russland verboten und er kommt halt in Deutschland in einem dieser Kurorte vorbei und fängt an zu spielen. Und das ist fatal, denn er ist im Spiel sehr schnell verfallen.

Nadja:
Und da haben wir ja auch schon die Verbindung zum Titel natürlich dieses Stücks, Der Spieler, also da geht es ja auch um das Roulette spielen und um dieses Suchen eines Thrills, dieser Aufregung. Den Spieler hat Dostojewski aber jetzt nicht so geschrieben, sondern das war auch eine ganz besondere Wahnsinns-Aktion eigentlich. Wie hat er diesen Roman denn verfasst?

Anja:
Genau. Um seine Auslandsreise zu finanzieren, hat er bei einem Verleger sein komplettes Werk verpfändet und hat gesagt in einem Jahr liefer’ ich dir einen neuen Roman. Und wenn ich das nicht schaffe, dann kannst du alles, was ich bisher geschrieben habe und auch alles, was ich in Zukunft schreiben werde, finanziell ausbeuten. Also er hätte sozusagen von seiner Arbeit nie mehr leben können. Und anstelle nun sofort anzufangen, diesen Roman zu schreiben, schiebt er das monatelang vor sich her. Und letztendlich, der Stichtag war der 1.11.1866,  und er beginnt mit der Arbeit eigentlich erst am 4. Oktober 1866, also weniger als einen Monat vorher. Dafür hat er engagiert: eine junge Stenotypistin, Anna Snitkina, denn sonst hätte ich das gar nicht schaffen können. Und ihr hat er den Roman diktiert. Und sie hat ihn in atemberaubendem Tempo aufgeschrieben und das merkt man dem Roman eben auch an. Dieses Tempo, dieses Hastige, Schnelle, der Druck, der dahinter stand, wo es wirklich um mehr oder weniger um Leben und Tod ging, das spürt man auch im Stück und im Roman. Und er hat es dann in letzter Sekunde geschafft. Obwohl der Verleger extra die Stadt verlassen hat, damit er den Termin nicht einhalten kann, ist Anna Snitkina ist auf die Idee gekommen, dass man bei einem Notar das Manuskript hinterlegt. Und so hat er den Termin geschafft und den Kopf in letzter Sekunde aus der Schlinge gezogen. Und die Pointe ist, dass er kurz darauf dieser junge Stenotypistin, einen Heiratsantrag gemacht hat und das ist seine zweite Frau geworden.

Nadja:
Kann man gewissermassen auch verstehen, so wie sie ihm den Kopf gerettet hat. Was ist denn der Plot vom Stück?

Anja:
Also der Plot vom Stück ist: Es gibt den jungen Hauslehrer Alexej, und der ist im Gefolge eines Generals in dem Ort Roulettenburg. Ähm, das könnte Baden-Baden sein. Oder Bad Homburg. Da wurde viel spekuliert.

Nadja:
Ja, vielleicht können wir auch gleich eine erste Szene aus dem Stück uns anhören. Nämlich als die Hauptfigur Alexej zum ersten Mal spielt…

[Ausschnitt aus dem Stück]

Anja:
Die Gesellschaft befindet sich also dort in Roulettenburg und Alexej unterrichtet die Kinder dieses Generals. Er ist verliebt in dessen Stieftochter, und der General wiederum ist selbst auch verliebt in eine Mademoiselle Blanche. Da kann man unschwer eine Kurtisane, es gab sogar eine in Wirklichkeit eine sehr berühmte Kurtisane Leonie Leblanc hiess die, also da sind schon Ähnlichkeiten zu finden. In die ist er verliebt, und er hat aber kein Geld mehr. Er hat alles verspielt und verschwendet und hofft jetzt, dass seine Grosstante stirbt und ihm ein dickes Erbe hinterlässt. Und das ist sozusagen die Einstiegssituation. Alle sind in Roulettenburg, viele sind unglücklich verliebt. Alle sind so ein bisschen nervös und vor allem hoffen alle, dass endlich das erlösende Telegramm kommt, dass die Baboulinka das Zeitliche gesegnet hat und ihre finanziellen Sorgen jetzt ein Ende haben.

Nadja: 
Da wollen wir doch gleich mal reinhören ins Stück.

Anja:
Ja, tatsächlich ist es so, dass anstelle des Telegramms kommt Baboulinka höchstselbst…

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Anja, du hast vorhin schon Baden-Baden als möglicher Ort für dieses Stück genannt. Das hat auch einen historischen Grund. Willst du uns dazu was erzählen?

Anja:
Ja, das ist ziemlich interessant. Was waren das für Orte, diese Kurorte? Die grosse Zeit dieser, dieser legendären, mondänen Kurorte beginnt 1837, und zwar weil damals in Frankreich das Glücksspiel verboten wurde. Und die Betreiber, die das bis dahin in Frankreich betrieben hatten, suchten jetzt neue Wirkungsstätten und fanden sie in diesen Kurorten wie Baden-Baden oder Wiesbaden oder Bad Homburg. Das waren Orte, die waren nicht allzu weit weg von Frankreich, so dass die bisherige Klientel dort durchaus hin mitkam. Und dort entstand eine Kultur, die sehr prägend war für diese Zeit. Da traf sich eben Gott und die Welt in diesen Kurorten. Es traf sich wirklich der Hochadel, also Königshäuser, der russische Zar Kaiser Wilhelm, der Prince of Wales, die verkehrten alle an diesen Orten, aber eben auch der neue Geldadel, also die Leute, die jetzt durch die Industrialisierung zum Beispiel zu Geld gekommen waren oder sonst irgendwie. Die waren natürlich auch dort gern gesehene Gäste und auch die sogenannte Demi-mondes, also eher so Kurtisanen und Menschen aus der Halbwelt. Irgendwelche Glücksritter waren natürlich auch dort zu finden, viele Künstler, Schriftsteller, Komponisten. Also es mischte sich dort eigentlich eine sehr glamouröse, sehr aufregende, schillernde Welt. Und die Gesellschaft war vielleicht an diesen Orten auch nicht ganz so in Klassen aufgeteilt wie andernorts, sondern das war eben auch ein Ort, wo man mal informell an bestimmte Leute rankommen konnte und wo natürlich man sich traf mit der neuesten Garderobe und dem neuesten Tratsch und Klatsch und wo man hinging, um zu sehen und gesehen zu werden.

Nadja:
Also Glitzer, Glamour und Halligalli vor zweihundert Jahren. Und das hat ja jetzt aber auch Pinar Karabulut, die Regisseurin, gewissermassen versucht, ein bisschen in die Gegenwart zu holen. Was ist denn Ihr Ansatz bei dieser Inszenierung?

Anja:
Ja, man kann sagen, wenn Dostojewski damals noch nach Baden-Baden reisen musste, um sozusagen teilzuhaben an dieser Welt, dann ist es heute so, dass wir ja eigentlich in so einer Art Dauercasino leben. Gerade so über Social Media, Instagram, Snapchat, tiktok, wie sie alle heissen, ist man ja in so einer Dauerberieselung dieser Welt des schönen Scheins, der schnellen Schnitte, der coolen Sprüche, der schönen, der neuesten Klamotten und so weiter und so fort. Und interessant finde ich auch, dass herausgefunden wurde, dass dieses Social Media Kanäle genau auf das Gleiche abzielen in unserem Gehirn wie das pathologische Glücksspiel, nämlich auf unsere Impulskontrolle. Also es geht darum, dass wir eigentlich unseren Impuls, immer wieder den nächsten Kick, das nächste Bild zu suchen, aber eben auch beim Glücksspiel den nächsten Aufreger. Dass wir diese, dass es diese Impulskontrolle eigentlich einschränkt und wie die Kontrolle darüber verlieren und abhängig werden. Man kann ja auch von diesen sozialen Medien abhängig werden. Das ist ja erwiesen inzwischen. Insofern finde ich das eine ganz interessante Parallele. Und Pinar Karabulut hat sich inspiriert bei der Ästhetik eigentlich dieser Social Media Welt. Also sie zitiert auch Rapsongs. Sie hat auch was die Sprache betrifft, sich da sehr stark bedient in einem sehr heutigen Slang, wobei sie damit Dostojewski näher ist, als man denken könnte. Denn auch der Übersetzer, den wir hier benutzt haben, für die Textvorlage Alexander Nitzwerk hat geschrieben dass man dazu neigt, Dostojewski immer zu sehr zu literarisieren. Und besonders im Spieler ist die Ausdrucksweise im Original sehr derb, sehr direkt. Und das hat Pinar zu 100 % ins Heute übersetzt. Also sehr viel Englisch, sehr viel, ja sehr viel coole Sprüche. Sie hat im Prinzip diese mondäne, glamouröse Welt von damals übersetzt in die schnelle Social Media Welt von heute.

Nadja:
Und wie bringt man denn diese eigentlich so überästhetisierte Welt von Social Media rüber? Das ist ja eigentlich nichts wirklich echt. Also es gibt ja Filter, es gibt irgendwie lauter Tutorials, wie man sich vorteilhaft zum Posieren hinstellen sollen. So, da ist ja viel Schein, wenig Sein. Wie hat sich denn das übersetzt jetzt in der Ästhetik dieses Stücks? Wie sieht die Bühne? Wie sehen die Kostüme aus?

Anja:
Also es übersetzt sich vor allem in das Tempo, finde ich. Es geht sehr schnell, sowie die schnellen Schnitte eigentlich auch heutzutage ja Standard sind und natürlich auch sehr viel Kostümwechsel. Eine Bühne, die glitzert und funkelt und sich ständig dreht. Also dieses Gefühl auch, dass es keinen fixen Ort gibt, keinen klaren Halt. Man weiss gar nicht so genau, wo. Bin ich eigentlich jetzt hier? Das hat wirklich was leicht schwindelerregender. Also dieses poppig glitzernde, glamouröse, das ist ganz klar auch in der Ästhetik der Bühne umgesetzt.

Nadja:
Nebst der visuellen Ästhetik und der Sprache hat sich jetzt aber auch Pinar Karabulut bei der Besetzung der Figuren etwas Besonderes überlegt. Also die sind jetzt zum Teil auch geschlechtsspezifisch so über Kreuz besetzt. Aber eigentlich will man das nicht überbetonen, nehme ich an was, was ist da die Idee dahinter?

Anja:
Das ist ja auch nicht das erste Mal, dass wir das jetzt hier gemacht haben. In dem Schauspiel in den letzten anderthalb Jahren haben wir schon häufiger klassische Männerrollen einfach mit Frauen besetzt. Und ich glaube, der Punkt dabei ist, dass es eigentlich gar nicht so sehr als Statement gemeint ist, sondern das eigentliche Statement dahinter ist, dass jede und jeder theoretisch alles spielen kann. Wir haben jetzt – hier Pinar Karabulut hat ganz klar die Hauptfigur, Aleksej, wird gespielt von Elmira Bahrami und das liegt einfach daran, dass Elmira Bahrami die tollste Spielerin ist für diese Figur. Also damit ist jetzt keine Aussage gemeint, dass Alexej plötzlich eine Frau ist oder so. Und ich glaube, das ist eigentlich auch toll, weil im Theater ist man ja sowieso im ‹Als ob›. Ähm. Und wenn jetzt die Schauspieler hier aus Basel russische Generäle spielen können, warum soll dann auch nicht eine Frau einen Mann spielen können? Das ist eigentlich eher so gedacht.

Nadja:
Vielleicht wollen wir ja noch ein paar andere Leute der Besetzung mitnennen, jetzt haben wir in Elmira natürlich, als Alexej.

Anja:
Genau. Ähm. Dann gibt es eben den sogenannten Love-Interest, das ist Polina. Auch da ist interessant: Dostojewski selbst hatte eine ein bisschen zweifelhafte Beziehung zu einer russischen Schriftstellerin namens Polina Suslowa, also die Namensähnlichkeit ist sicher kein Zufall. Das fiel auch genau in die Zeit seiner Spielsucht, wo er ja mehrfach da in den Spielcasinos war. Und mit der hatte er das, was wir heute wirklich eine toxische Beziehung nennen würden. Das ging also ständig on off. Es war immer Melodrama auf höchster Stufe. Er hat ihr mehrere Anträge gemacht, die sie abgelehnt hat und so weiter. Und das übersetzt sich so ein bisschen in die Beziehung zwischen Polina und Alexej. Er ist unglücklich in sie verliebt und sie, man weiss es nicht so genau, aber sie spielt mit ihm. Ja, und natürlich spielt da auch sofort herein – er ist zwar mit dabei da in Roulettenburg, aber er gehört halt nicht dazu, weil er kein Geld hat. Und in dem Moment, wo er dann plötzlich das kann, den ganz grossen Gewinn einstreicht, wird er natürlich sofort aufgenommen in diese, in diese schillernde Gesellschaft, muss aber dann sehr schnell feststellen, dass er dort eigentlich nichts findet als Oberflächlichkeit und Depression. Und dann gibt es noch einen Freund von Alexej, Mister Astley, das ist Peter Knaack.

Nadja:
Noch kurz: Polina, haben wir nicht erwähnt, wird gespielt von Annika Meier

Anja:
Ja, richtig, genau. Polina wird gespielt von Annika Meier, Mister Astley, von Peter Knaack. Und dann gibt es eben den General, der ja schon erwähnt wurde, der unglücklich verliebte General, Jan Bluthard. Der Mademoiselle Blanche hinterher schwärmt, das ist Nairi Hadodo und natürlich die Baboulinka, Barbara Colceriu, die da einen grossen Auftritt hat mit zwei Bodybuildern, wenn sie eben anstelle des Telegramms plötzlich herein platzt.

Nadja:
Vielen Dank für diese Einführung, Anja.

Anja:
Sehr gerne.

Nadja:
Der Spieler können Sie noch während der gesamten Spielzeit 21/22 im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert eine Stunde, 50 Minuten ohne Pause. Mehr gibt es auf unserer Website www.theater-basel.ch