Stückeinführung

Hallo. Wir begrüssen Sie zu einer neuen Folge des Einführungs-Podcasts vom Theater Basel. Mit dieser Einführung zum Mitnehmen können Sie sich überall und jederzeit über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus informieren. In dieser Folge geht es um die Oper Salome von Richard Strauss, inszeniert von Herbert Fritsch. Es spielt das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Clemens Heil. Mein Name ist Nadja Camesi und heute spreche ich mit Roman Reeger, leitender Operndramaturg am Theater Basel. Hi, Roman.

Roman Reeger: 
Hallo Nadja!

Nadja Camesi: 
Nun also Salome. Das ist ein biblischer Stoff, der schon in allen möglichen Formen erzählt wurde, verwendet wurde. Es ist ein Motiv und eine Geschichte, die eigentlich die Künste schon sehr oft beschäftigt hat. Was passiert da?

Roman Reeger: 
Ja, es geht um die Geschichte von Herodes, der damals Tetrarch in Galiläa war und Johannes den Täufer enthauptet haben soll. Und in dieser Oper wird die Geschichte erzählt um die besagte Prinzessin Salome, die ja von allen als Schönheit besungen wird, ein 17-jähriges Mädchen, das sich verliebt in diesen geheimnisvollen Jochanaan, so heisst Johannes der Täufer in dieser Oper, und verlangt, ihn küssen zu dürfen. Und es gibt gleichzeitig ein Begehren auf Seiten ihres Stiefvaters, eben König Herodes, der bereit ist, alles für sie zu tun. Und es kommt dann am Schluss zu einer ungeheuerlichen Begebenheit: für einen Schleiertanz erlaubt ihr oder gewährt ihr Herodes einen Wunsch und Salome begehrt den Kopf des Jochanaan, damit sie ihn in den Händen halten und küssen kann. Das ist die Geschichte. Es ist ein unglaublich düsterer Stoff, gleichzeitig ein Stoff, der sich sehr stark mit diesen tiefen psychologischen Ebenen des Menschen beschäftigt. Und Oscar Wilde hat daraus ja einen Text gemacht, der seinerzeit für sehr grosses Aufsehen gesorgt hat. Und Richard Strauss hat sich interessanterweise dann genau diesem Stoff zugewandt, über Umwege und Zufälle und eine Oper daraus komponiert, die wahrscheinlich so eine der wichtigsten der frühen Moderne ist, also zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Ein Stück, das diese musikalische Moderne unglaublich gerüttelt hat.

Nadja Camesi: 
Genau. Und die Oper hatte es auch am Anfang nicht leicht. Die Uraufführung war in Dresden am 9. Dezember 1905, und die hat gleich mal zu einem Skandal geführt. Warum?

Roman Reeger: 
Ja, also wie man sich vielleicht vorstellen kann, diese Szene, eine junge Frau, die sich sehr, sehr stark ihr Begehren und ihr sexuelles Begehren sehr stark exponiert. Daran hat man sehr grossen Anstoss genommen. Aber auch natürlich dieses schockierende Ende der Oper, also der abgeschlagene Kopf und all diese Elemente, das war etwas, was auf der Opernbühne überhaupt nicht üblich war und auch an manchen Theatern durchaus zu Problemen führte. Es gibt die wunderbare Anekdote an der Königlichen Hofoper in Berlin, wo Strauss die Aufführung selbst dirigierte, weil er damals auch dort Generalmusikdirektor war, hat der Kaiser höchstselbst verlangt, dass man am Ende doch den Stern von Bethlehem als Vorboten der Heiligen Drei Könige aufhängen soll, um auf den biblischen Zusammenhang zu verweisen, aber auch natürlich, um vor allem diesen grauenhaften Schluss etwas abzumildern. Und also es gibt einige Anekdoten zu der Salome und zur Aufführungsgeschichte, aber trotzdem ist es ein unglaublich erfolgreiches Stück geworden. Gleich in den nächsten Jahren gab es 14 neue Produktionen in verschiedenen Theatern in Deutschland und in Italien. Und auch danach ist das Stück eigentlich nicht mehr wegzudenken aus den Spielplänen.

Nadja Camesi: 
Vielleicht trotzdem nochmals… also man denkt doch, die Leute hätten diese Geschichte vielleicht schon gekannt. Und wenn Salome draufsteht, kann man ja auch erwarten, dass sie drin ist. Also man kann sich fast nicht vorstellen, dass die Leute dann so geschockt gewesen sein sollen, dass auch wirklich das gezeigt wird. Gab es denn noch mehr Aspekte, die die Leute so aufgerüttelt haben?

Roman Reeger: 
Ja, also grundsätzlich kann man sagen, dieses Stück… es gibt die wunderbare Bezeichnung, das ist eine Oper ohne Moral. Es geht eigentlich… Es gibt keine positiv besetzten Helden oder Heldinnen. Es ist so, dass eigentlich alle in dieser Oper nur getrieben werden von ihrem unmittelbaren Begehren. Es geht ganz stark natürlich um Geschlechterverhältnisse. Es geht auch um eben das Nichtgelingen von Beziehungen. Also ganz konkret ist es so, dass Salome natürlich Jochanaan sich zu eigen machen möchte. Gleichzeitig gibt es Herodes, der so einen unglaublichen Blick geworfen hat auf Salome, und all das wird sehr explizit im Text, aber noch viel mehr in der Musik. Man hört an vielen, vielen Stellen diese so eine schwüle, fin-de-sièiecle-artige Stimmung, die eben sehr stark auf Sexualität auch verweist. Und all diese Themen waren natürlich durchaus problematisch. Also in einer Gesellschaft, die alles andere als frei war, wo es eine sehr starke Zensur gab. Galt natürlich, etwas derart auf die Bühne zu bringen, als ungeheuer anstössig, auch im bürgerlichen Publikum.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja Camesi: 
Die Textbasis hast du vorhin schon erwähnt, das literarische Vorbild ist von Oscar Wilde und das ist wiederum auch ein Mann, der für seine Zeit ein unerhörtes Leben geführt hat. Wir würden es heute wahrscheinlich als befreit betrachten. Dennoch passt das ja auch ganz gut und sein Leben wiederum ist ein starker Kontrast zu dem, was Strauss geführt hat.

Roman Reeger: 
Ja, das kann man sagen. Es ist schon erstaunlich, dass Oscar Wilde und Richard Strauss in diesem Werk so zusammengefunden haben. Also Oscar Wilde, 1854 geboren in Dublin, hatte ja schon sehr früh so den Ruf eines Dandys und Skandalautors erworben. Er hat dann auch eine sehr offene homosexuelle Beziehung geführt und da war vor allem auch dieser Lord Douglas, mit dem er zusammen war, eine ganz wichtige Figur eben auch für die Oper. Denn es gibt nicht wenige, die sagen, das ist dieses Verhältnis, also Salome und Herodes, dass ist eigentlich Lord Douglas und Oscar Wilde, also diese Beziehung, die sich dort abbildet. Und auch sein Einakter Salome wurde zunächst zensiert, den er geschrieben hat. Er musste dann auch zwei Jahre ins Zuchthaus und Zwangsarbeit verrichten aufgrund eben seiner Sexualität und war am Ende ja eine sehr auch gebrochene Figur. In Frankreich hat er sehr verarmt, isoliert gelebt und starb im Alter von 46 Jahren. Also ein, man könnte sagen ein schillerndes Leben also mit extremen Höhen und Tiefen. Und Richard Strauss ist da das genaue Gegenteil. Also ein… der ist etwas jünger, kommt aus einer sehr bürgerlichen Familie, hat einen sehr bildungsbürgerlichen Hintergrund, den er auch sehr gepflegt hat. Und man könnte sagen, er war so ein bisschen ein Spiesser. Etwas, was jetzt kein Problem ist, aber es ist schon interessant, weil eben doch dieses bedachte, dieses bürgerliche Leben in einem grossen Widerspruch steht, besonders zu diesen ersten Opern. Salome und Elektra ist da auch noch zu nennen. Also das war etwas, was ihn in dieser Zeit als junger Komponist wahnsinnig interessiert hat, also das genaue Gegenteil seines eigenen Lebens.

Nadja Camesi: 
Was ist denn für dich an Salome, an der Komposition zentral?

Roman Reeger: 
Ja, also es ist ein Stück, das wie so ein Rausch funktioniert. Also es ist relativ kurz mit einer Stunde vierzig, also für Opern auch des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ein wirklich sehr kompaktes Stück. Und Strauss hat sich sehr in den Text hineingearbeitet, hat eigentlich alle Texte gestrichen, die irgendwie diese Vorgeschichte von Herodes erläutern. Er hat sehr lange und gleichzeitig sehr dichte Monologe dann gekürzt. Er stellt dieses Verhältnis von Salome und Jochanaan absolut in den Fokus. Und das Tolle ist, dass sich die Oper einerseits textlich immer weiter so in so einen delirischen Rausch steigert, aber gleichzeitig hat es auch so eine sehr klare Form. Also er hat die Salome eigentlich angelegt als, man könnte sagen als Sinfonie. Also es gibt so die typischen Merkmale einer Sinfonie – Wiederholungen, Variationen, Steigerungen von Material und eine sehr klare, auch formale Führung des Materials. Also es gibt so eine vierteilige Gliederung der Szenen, die es in dem Text nicht so gibt. Aber all das, diese äussere Form, die ja dem Text, der so was Wildes hat, im wahrsten Sinn des Wortes, die führt dann dazu, dass er eben sehr viel mit Farben und Ideen experimentieren kann. Also auf jeder Seite von Salome findet man neue musikalische Ideen, ein unglaubliches Gefühl auch für Instrumentation und ja, auch auch wie er mit musikalischen Motiven arbeitet und die ausarbeitet. Das ist extrem faszinierend in dieser Oper. Also es gibt in dieser ganzen Musik, könnte man sagen, gibt es einen emotionalen Reichtum, der etwas zeigt und etwas spürbar macht, was es im Text so erst mal gar nicht gibt. Also eine gelungene Ergänzung.

Nadja Camesi: 
Da möchten wir gleich mal reinhören. 

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja Camesi: 
Hier in Basel sehen wir die Inszenierung von Herbert Fritsch. Die hatte in der Spielzeit 19/20 am Luzerner Theater Premiere. Fritsch ist ein wiederkehrender und auch gern gesehener Gast hier in Basel. Was macht denn seine Arbeiten aus?

Roman Reeger: 
Ja, Herbert Fritsch ist ja Schauspieler und Regisseur und es ist toll, dass er jetzt zum dritten Mal bereits bei uns ist. Was ihn auszeichnet, ist diese Arbeit mit Darstellerinnen und Darstellern, also diese extreme Körperlichkeit und dieses virtuose, wirklich ins Extreme gehende von darstellerischem Ausdruck, was er so freisetzen kann, nicht nur bei Schauspielerinnen, sondern auch bei Sängern. Und das ist etwas, was ja wenige so können, wie eher also Menschen auch so zu befreien und ihnen so einen Mut zu geben, aus sich selbst herauszugehen. Und natürlich ist er erst mal bekannt für Komödien und komische Stoffe. Da hat er sich in den letzten 15 Jahren eben einen grossen Ruf erworben. Und das Schöne ist aber, dass wir mit Salome das erste Mal das genaue Gegenteil eigentlich eines komischen Stoffes haben. Es ist natürlich ein Drama, ein sehr blutrünstiges Drama. Aber Herbert Fritsch hat auch hier so eine Form von verzerrter Komik, wie er es nennt, gefunden. Es ist so eine, und ich finde das stimmt auch in dem Text, das es so eine Mischung aus Komik und Tragik gibt. Und er bringt es, als man könnte sagen, extrem verdichtetes Kammerspiel auf die Bühne. Also es gibt so eine Art Familienaufstellung, so könnte man es fast nennen, also diese Konstellation. Auch das Verhältnis zwischen Herodes und seiner Stieftochter Salome ist so etwas, was so einem Psychothriller gleicht. Und das ist bei ihm sehr klar und deutlich auf der Bühne zu erleben und zu sehen. Das ist ein sehr reduziertes Bühnenbild mit zwei Thronen, die natürlich so diese Herrschaft repräsentieren. Und der Kopf des Jochanaan, der so präsent bleibt auf der Bühne, die ganze Zeit also, der singt quasi aus dem Boden heraus, ist die ganze Zeit wie so ein Radio dort zu hören. Und das zeigt eigentlich schon die Konstellation, die Problematik des Stückes sehr deutlich. Und das ist etwas, was auch so diese Inszenierung von Herbert Fritsch auszeichnet, dass sie so klar eigentlich sich auf eine Konstellation fokussiert, die im Zentrum, könnte man sagen, des Stückes steht.

Nadja Camesi: 
Ja, vielen Dank für diese Einführung, Roman 

Roman Reeger: 
Sehr gerne. 

Nadja Camesi: 
Und zum Ende hören wir noch mal ins Stück rein.

Roman Reeger: 
Ja, hier hören wir eine eben auch sehr zentrale Stelle der Salome «Lass mich deinen Mund küssen, Jochanaan» die genau die hier interpretiert wird durch die Darstellerin Heather Engebretson, die wir am Theater Basel haben für diese Rolle. Wir freuen uns da sehr, weil das eine Inszenierung ist, die sehr mit ihr und für sie irgendwo auch entstanden ist. Also sie hat eine extreme Spielweise hier entwickelt. Gehört mittlerweile ja auch auf den grösseren Opernbühnen mit zu den Ensembles, immer wieder. Und ja, es ist sehr schön, dass sie den Weg nach Basel gefunden hat und diese Salome auf ihre sehr eigene Art und Weise singt. 

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja Camesi: 
Salome können Sie vom 2. Oktober 2022 bis zum 26. März 2023 auf der Grossen Bühne sehen. Das Stück dauert 1 Stunde 45 Minuten ohne Pause. Mehr Infos finden Sie auf www.Theater-Basel.ch