Hallo, willkommen beim Einführungs-Podcast vom Theater Basel. Dieser Podcast ist unser Angebot an Sie, sich jederzeit, überall und so gründlich wie Sie es möchten, über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus zu informieren. Heute spreche ich mit Michael Gmaj, Schauspieldramaturg hier am Theater Basel, über das Stück Der Phönix aus der Währung von Bonn Park und Ben Roessler. Mein Name ist Nadja Camesi und ich freue mich, dass Sie zuhören. Hallo, Michael.

Michael Gmaj:
Hallo, Nadja.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Wir haben gerade einen Song aus dem Stück gehört. Der hat den Titel La Bubblé Cassé.

Michael Gmaj:
Genau.

Nadja Camesi:
Das ist ja eine kreative Französisch-Interpretation. Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass wir mit aufgesetztem Französisch begrüsst werden?

Michael Gmaj:
Aufgesetzt? Ja, vielleicht stimmt das, weil Bonn Park, der Autor des Stückes, hat sich sehr kreativ mit Französismen, würde ich sagen, beschäftigt. Nämlich wenn man jetzt in unserem Alltag oder vielleicht auch Jugendliche oder in Banken im Geschäftsbereich oft Anglizismen verwendet, wird in diesem Stück sehr frei und alltäglich mit gewissen französischen Wörtern umgegangen, zum Beispiel achetten, eingedeutscht, was übersetzt kaufen bedeutet natürlich falsch in Französisch.

Nadja Camesi:
Aber man kann auch sagen, dass jetzt vom Song, den wir gehört haben, die Finanzblase eigentlich ganz harmonisch klingen kann oder in diesem Fall klingt. Aber es wird ja nicht nur über Geld gesprochen, sondern eben auch gesungen. Was für Songs erwarten uns noch?

Michael Gmaj:
Die, die über Geld und Reichtum erzählen. Monte Carlo zum Beispiel, von Money Boy oder Millionaire von Kelis, um nur zwei zu nennen. Und dann gibt es zwischendurch auch immer mal wieder neu komponierter Rezitative, eben mit diesem neuen Text.

Nadja Camesi:
Und auch passend dazu: Ihr habt ein Barockensemble auf der Bühne in einer Sechserbesetzung. Aber was du jetzt gerade genannt hast, ist ja alles andere als Barockmusik.

Michael Gmaj:
Ja, also auf der Bühne gibt es ein Cembalo, zwei Violinen, eine Bratsche, ein Cello und eine Theorbe, was eine Laute ist aus der Barockzeit. Und du hast vollkommen recht, es ist ein Barockensemble, was aber nicht wirklich Barockmusik spielt. Ben Roessler, der schon mehrmals mit Bonn gearbeitet hat, hat die Komposition übernommen. Und ich möchte entwarnen, wenn jemand nicht gern eine Barockoper hört, der soll sehr gern in diesen Abend gehen. Hier kann man rein. Ben hat nämlich bekannte Songs genommen und sie umgeschrieben, sodass sie nach Barock klingen. Also er hat sich auch mit dem Notensystem von damals beschäftigt, mit der Instrumentierung und hat sie halt auf diesen Instrumenten spielbar gemacht. Dann gibt es aber natürlich neue Kompositionen, die unterhaltsam sind und in diesem Stil, also mit Rezitativen, was anderes versuchen. Vielleicht eine melancholische Pop-Oper.

Nadja Camesi:
Was macht Sie denn melancholisch?

Michael Gmaj:
In der Geschichte geht es darum, dass da drinnen, also an diesem Ort, wo alle sind, alles in Ordnung ist. Aber draussen tobt gerade eine Naturkatastrophe. Ascheregen sieht man stellenweise und hört, dass es sehr heiss sei draussen. Vielleicht ist das der Klimawandel, vielleicht auch was ganz anderes. Wir sehen also eine Gesellschaft, die in einer Dekadenz nah am Abgrund steht und anscheinend mit der gleichen Frage konfrontiert ist wie wir: Wie retten wir unsere Welt, unseren Planeten? Und wer zahlt das? Das wird hier mit den Mitteln einer, ja vielleicht Zauberoper erzählt.

Nadja Camesi:
Wir hören gleich mal kurz ins Stück rein.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Ja, das klingt ja schon nach schwarzer Magie, oder wie ihr wahrscheinlich sie nennt. Magie Noir. Kannst du uns auch eine kurze Zusammenfassung geben, was da für eine Geschichte erzählt wird?

Michael Gmaj:
Wir befinden uns in einer Börse, in einer Börse aus der Barockzeit, aber sehr fantastisch. Banker und Financiers versammeln sich, alle sind im Barockkostüm. Also die Ausstattung ist sehr reichhaltig mit sehr vielen kleinen Ideen. Und die stellen fest: Wieder gibt es eine Blase, eine Bubble ist am Platzen. Die Gruppe verkauft möglichst alles, damit es sie sich nicht den Abgrund reisst. Das kennen wir vielleicht auch aus 2008 und aus diversen Finanzthrillern, wie es uns danach erzählt wurde und überlebt so den Crash, wie schon vorhergesagt habe. Draussen findet aber eine Katastrophe statt, die unaufhaltsam voranschreitet und niemand unternimmt was dagegen. Es braucht neue Ideen, doch die Privilegierten haben sie nicht. Dann taucht ein Kind auf, das davon berichtet, wie die Welt auch einmal ohne Geld funktioniert hat und sehr gut funktioniert hat. Und dass diese Gesellschaft ein neues, besseres Geld bräuchte, einen Neustart. Er nennt sie die Legende vom Phönix aus der Währung, also dass sozusagen aus dem Alten etwas Neues entsteigen muss. Doch eine solche massive Änderung, so was Revolutionäres bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Für die Wohlhabenden bedeutet es, eine Zukunft in Zukunft ein Leben in Elend zu führen, während es dem Rest der Welt gut gehen wird. Einer aus der Gruppe wehrt sich dagegen, ein Saboteur, der natürlich alles dagegen unternimmt, der nicht sein Geld verlieren möchte. Und so stellt sich dann zum Ende hin die Frage: Werden Sie es wagen, diesen Schritt zu gehen?

Nadja Camesi:
Ja, und das Ausgangsthema war offensichtlich Geld. Es heisst ja auch Der Phönix aus der Währung. Im Untertitel steht ein Finanzthriller. Aber es ist auch eine Zauberoper, hast du gerade vorhin gesagt. Hat das Stück denn ein Genre?

Michael Gmaj:
Ich würde jetzt nach den Proben sagen, es ist eine Komödie zum Thema Geld geworden, also sehr unterhaltsam, sehr lustig. Und wenn wir derzeit auf die Weltlage blicken, dann scheint mir dieses Thema mit der herrschenden Inflation auch ein sehr dringliches. Doch Bonn Park, den Autor und Regisseur, interessiert nicht die simple Kritik an einem Geldsystem oder was man so oft an deutschsprachigen Theatern sieht, diese immergleiche und ziemlich naive Kritik am Kapitalismus. Ihn interessiert vielmehr unser Verhältnis zu Geld, unsere Emotionen, unser Gefühl dazu. Wir haben tagtäglich damit zu tun. Wir erhalten so unsere Gehälter, zahlen unsere Rechnungen. Und trotzdem, wenn man mal genauer nachfragt, sind die wenigsten Bürger:innen in der Lage, gewisse Begriffe korrekt zu erklären. Also mir fällt jetzt spontan Bären- oder Bullenmarkt ein oder Blockchain beim Bitcoin. Diese Begriffe sind zwar tagtäglich in den Nachrichten und alle tun so, als wäre es auch the next big thing, jetzt was den Bitcoin angeht, aber keiner kann dann so richtig erklären, was das mit uns zu tun hat und wie man genau damit umgeht. Ausser natürlich Fachleute. Und so können sich natürlich dann die meisten in der durchschnittlichen Gesellschaft gar nicht dazu verhalten, wissen nicht, wie unser Geldsystem funktioniert.

Nadja Camesi:
Und uns all das zu erklären, setzt ihr jetzt an mit der Phönix aus der Währung?

Michael Gmaj:
Nein, das ist nicht die Aufgabe des Theaters. Und es kann auch nicht die Aufgabe sein, Besucher:innen, die sich unterhalten lassen möchten, etwas zu erklären. Wir sind auch, wie gesagt, nicht die Fachleute. Aber durch diese Erzählung von dieser fiktiven Gesellschaft, die mit diesem Problem konfrontiert ist und eben ihren Bezug zu Geld verloren hat, wollen wir vielleicht dazu einladen, sich genau mit dieser Frage zu befassen. Was müssen wir tun, damit wir den Bezug zu Geld wieder herstellen? Und ist das Geld so, wie es jetzt funktioniert und in welchen Händen es auch liegt, ist es so richtig? Diese Fragen kann ich auch nicht beantworten. Und den Autor Bonn Park interessiert es auch nicht, diese Fragen zu beantworten, sondern diese Fragen zu stellen und vielleicht auch damit Hoffnung zu wecken. Es geht um einen hoffnungsvollen Gedanken und die Frage, ob wir nicht ein besseres Geld erschaffen können, das uns allen dient und nicht nur einigen wenigen, zu denen wir Schweizerinnen und Schweizer natürlich auch gehören. Und da gibt es auch zahlreiche Geldtheorien, die gerade auch in den letzten Jahren versuchen, dazu eine Position zu entwickeln.

Nadja Camesi:
Wir hören uns nochmals einen Ausschnitt aus dem Stück an.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Wir haben ja schon kurz über die Ästhetik des Abends gesprochen, oder du hast uns erzählt, dass der Barock da eine Rolle spielt. Wieso? Warum findet dieses Stück in einer Barock Welt statt?

Michael Gmaj:
Erst mal, weil es Spass macht. Barock feiert den Überfluss. Ein simpler Raum hat an allen Ecken und Enden Verzierungen, die es eigentlich gar nicht bräuchte. Und weil diese Dekadenz wunderbar zu zur Idee einer Börse passt, in der wir uns befinden, in der das alles spielt, einem Palast der Finanzwelt. Börsen gibt es in der Wirklichkeit ja gar nicht mehr in dieser Form. Das ist ja mittlerweile alles technisch und digital. Und wir erinnern hier an einen Raum, wo da wirklich noch live getradet worden ist. Gerade zum Ende des Barock wurde die erste Form des Papiergeldes erfunden in Frankreich, als der Staat bankrott war. Nach dem Tod von Louis XIV wurde zum ersten Mal, also einige Jahre später, Papiergeld ausgegeben, dessen Wert der König mit seiner Unterschrift garantiert hat. Also mitunter die Geburtsstunde unseres heutigen Geldes, so wie wir es jetzt über die letzten Jahrzehnte noch verwendet haben.

Nadja Camesi:
Ja, und Szenen aus solchen Trading Rooms kennen wir wahrscheinlich vor allem aus Filmen. Also spätestens seit den Achtzigerjahren ist das ja schon fast ein eigenes Genre, der Börsen-Thriller. Also wir erinnern uns wahrscheinlich alle an Michael Douglas als Gordon Gekko in Wall Street. Vor ein paar weniger Jahren ist der Wolf of Wall Street im Kino gewesen. Waren das auch Referenzen für euch? Solche Filme?

Michael Gmaj:
Wir haben in der Recherchephase all diese Filme geguckt, also haben uns wirklich konfrontieren lassen auch damit und haben versucht rauszufinden, wie die funktionieren. Also wie ist deren Dramaturgie, wie sind die aufgebaut, was für Geschichten erzählen sie? Weil es spannend war, rauszufinden, was für erzählerische Mittel nutzen Sie, um diese Finanzwelt spannend zu machen? Und das Mash-up von Genres, das hast ja auch vorher gesagt, hier kommt ziemlich viel, was nicht zusammenpasst, zusammen. Das ist etwas, was Bonn interessiert. Barock und Finanzen sind zwei ziemlich weit voneinander entfernte Pole, die nicht zusammenpassen, und dann aber wieder doch. Das ist das Überraschende. Zitiert werden diese Filme nicht wirklich. Aber einige Ideen werden übernommen. Zum Beispiel sind alle Figuren nur Männer. Das wird am Anfang gesagt. Man wird auch Frauen auf der Bühne sehen. Aber es sind nur Männer, weil in diesen Filmen in Banken vor allem Männer arbeiten. Das hat auch mit der damaligen Zeit zu tun. Aber auch heute noch werden viele Banken von Männern dominiert. Es gibt eine Szene ziemlich zu Beginn, in der alle an die Telefone müssen, um so schnell wie möglich alles zu verkaufen, alles abzustossen. Und das ist natürlich auch inspiriert von einer Nacherzählung der Finanzkrise 2008. Und diese Dringlichkeit, diese Nervosität des Marktes, das Aufregende dieser Arbeit, dafür haben wir versucht, eine Form zu finden. Und da haben wir uns davon inspirieren lassen.

Nadja Camesi:
Ich möchte noch auf diesen sprichwörtlichen Phönix kurz zu sprechen kommen, der ja eigentlich, wie man es kennt, aus der Asche aufsteigt. Asche, so nennen wir ja Geld manchmal auch. Habt ihr jetzt bewusst dieses Wortspiel vermeiden wollen, in dem ihr es der Phönix aus der Währung genannt habt? Das ja so ein bisschen wie Sidestep eigentlich.

Michael Gmaj:
Eigentlich ja. Vielleicht wurde das vermieden. Ich kann jetzt nicht für den Autor sprechen, nicht für Bonn sprechen, aber dieser Begriff der Währung ist auch ganz spannend, weil sozusagen ganz viele aktuelle Geldtheorien sich darauf beziehen. Das eine, dass es die Sicherheit der Währung eines Staates benötigt in der Form dieses Papiergeldes. Und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass dieses Wort sozusagen, dass man noch mal drüber stolpern muss, drüber nachdenken muss.

Nadja Camesi:
Es ist ziemlich technisch, eigentlich als Begriff, ja.

Michael Gmaj:
Es ist jetzt nicht emotional aufgeladen, aber du hast ja auch noch mal nach dem Phönix gefragt, der sozusagen nicht aus der Asche, sondern aus der aus den Währungen, aus den verbrannten Währungen aufsteigt. Alles Geld nämlich, das ist die Legende, wenn man alle Währungen, die auf der Welt existieren, verbrennt, dann steigt ein Phönix auf für den letzten Kampf mit dem Aschemonster, das für den Geiz, die Niedertracht, halt für alles Schlechte des Geldes steht. Und der Phönix ist diese Idee eines Neuanfangs, eines echten Neuanfangs. Nicht so einen, wie wir 2008 erlebt haben, nachdem einige Banken wieder angefangen haben, trotz neuen Kontrollen, trotz neuen Richtlinien wieder neue fragwürdige Finanzprodukte zu entwickeln und mit ihnen Geld zu machen, weil das das Hauptinteresse einer Bank ist, natürlich.

Nadja Camesi:
Ist das aber nicht ein wenig einfach? Erst muss alles niedergebrannt werden, damit es dann neu geboren werden kann?

Michael Gmaj:
Vielleicht, aber der Abend spielt mit dem Genre der Oper oder wie es auch vorhin hiess Zauberoper. Da sind die Erzählungen auch einfach und manchmal aber dann doch berührend und bestechend klug. Und es geht vor allem auch um das Berührende.

Nadja Camesi:
Vielen Dank für diese Einführung, Michael.

Michael Gmaj:
Vielen Dank dir, Nadja.

[Musik aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Der Phönix aus der Währung können Sie ab dem 16. September im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert ungefähr anderthalb Stunden ohne Pause. Mehr Infos finden Sie auf www.Theater-Basel.ch