Stückeinführung


Willkommen zum Einführungs-Podcast vom Theater Basel. In dieser Folge geht es um das Schauspielstück Das Narrenschiff, geschrieben 1494 von Sebastian Brant und erstmals erschienen in Basel. Inszeniert wird es im Schauspielhaus von Marius Schötz und Marthe Meinhold. Was das für eine Inszenierung ist und was das für ein Stoff ist, erzählt uns Anja Dirks, Dramaturgin und Co-Leiterin der Sparte Schauspiel hier am Theater Basel. Ich bin Mavi Behramoglu und ich freue mich, heute übernehmen zu dürfen. Hallo Anja.

Anja Dirks: Hallo Mavi!

Mavi Behramoglu:
Das Narrenschiff könnte man als den ersten deutschsprachigen Bestseller bezeichnen. Was ist denn das für ein Buch?

Anja Dirks:
Genau. Das ist ein Buch, das erschienen ist wenige Jahre nachdem der Buchdruck überhaupt erst erfunden wurde. Und man kann schon sagen, dass der Buchdruck, das war ein absolut boomendes Gewerbe damals, also kaum wurde es erfunden, hat es sich schon rasend schnell durchgesetzt. Basel war eine Hochburg des Buchdrucks und das Narrenschiff war tatsächlich eigentlich bis zu dem Werther von Goethe der Bestseller in deutscher Sprache, den es überhaupt gab. Es hat sich irrsinnig schnell verbreitet. Es ist ein Buch, das über 100 Närrinnen und Narren porträtiert, die zum Teil natürlich so die klassischen Laster darstellen wie Völlerei oder Trunksucht, aber eben auch ganz abseitige und eigentlich aus unserer Sicht eher normale Verhaltensweisen wie keinen Spass verstehen oder Bücher sammeln wird zum Beispiel auch als Narretei schon dargestellt. Und das war… es sind Verse. Es sind frühe hochdeutsche Knittelverse, die man so auch gar nicht mehr einfach versteht. Also üblicherweise kauft man das Buch in einer hochdeutschen Übertragung und es ist eine Moralsatire. Also es geht dem Autor darum, die Menschen zu bessern, ihnen ihre Fehler vor Augen zu führen, auf humorvolle Art und Weise und dadurch zu erreichen, dass die Menschen sich selbst erkennen und sich bessern. Es war auch deshalb so erfolgreich, weil es eine Kombination war von Bild und Text. Es gibt, glaube ich, hundertvierzig Holzschnitte, die zu dem Buch dazugehören und die diese verschiedenen Narreteien illustrieren. Interessanterweise geht man davon aus, dass ein Grossteil dieser Holzschnitte vom jungen Albrecht Dürer angefertigt wurden, der damals in Basel sich aufhielt. Also es war ein Werk, das einem heute vielleicht altmodisch vorkommt, aber damals irgendwie absolut die neueste Technologie benutzt hat, intermedial agiert hat und ein rasender Erfolg geworden ist.

Mavi Behramoglu:
Das klingt alles sehr spannend. Lasst uns doch am besten mal reinhören.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Mavi Behramoglu:
Jetzt haben wir Annika Meier als Sebastian Brant gehört. Kannst du uns denn ein bisschen etwas über den Autor erzählen? Wer war Sebastian Brant?

Anja Dirks:
Sebastian Brant war ein Professor an der Universität in Basel. Er ist 1457 in Strassburg geboren und hat dann seit 1475 in Basel angefangen zu studieren. Dazu muss man wissen, dass es, als er angefangen hat zu studieren, die Universität in Basel gerade mal 15 Jahre gab. Die wurde auch gerade erst gegründet. Also auch hier merkt man, es war eine Zeit des Aufbruchs. Der Buchdruck war neu, die Universität war frisch gegründet. Er hat dort sowohl einen Baccalaureus Artium, also einen Kunstabschluss gemacht, als auch dann das Studium der Rechtswissenschaften aufgenommen. Und er war dann eigentlich vor allem Jurist. Vor allem hat er sich aber auch früh im damals boomenden Gewerbe des Buchdrucks verdingt, weil er auch den Lebensunterhalt für seine Frau und seine sieben Kinder bestreiten musste. Und er hat eben da sehr früh schon mitgearbeitet, ähnlich wie ein heutiger Verlagslektor das machen würde. Also Texte ausgewählt, Übersetzungen kommentiert und hat so Vorreden und Widmungen geschrieben. Er hat auch Flugblätter produziert. Das war damals das allerneueste Medium. Und aber auch Fachliteratur oder Einblattdrucke über Naturereignisse veröffentlicht, also sehr vielfältige Erfahrungen gesammelt im Buchdruckgewerbe, das ihm natürlich dann zugute gekommen ist beim Narrenschiff, das er dann 1494 herausgebracht hat. Er ist dann an der Universität auch weitergekommen. Er hat dort eine besoldete Professur bekommen und hat dann aber trotzdem Basel verlassen. Im Jahr 1500, kurz bevor Basel sich der Eidgenossenschaft angeschlossen hat, denn da war er politisch komplett dagegen. Er war sehr kaisertreu, aber er gilt trotzdem als früher Humanist. Also da ging es ja um die Wiederentdeckung der Antike. Er hat eben auch erwiesenermassen antike Literatur gelesen, und das spürt man eben auch im Narrenschiff, dass er sich da auch auf die alten Texte von Terenz oder so bezogen hat. Und was natürlich auch auffallend ist, ist, dass das Narrenschiff nicht in der damaligen gelehrten Schrift Latein erschienen ist, sondern auf Deutsch, was auch ungewöhnlich war. Also man erinnert sich, die Bibel wurde von Luther dann erst Anfang des 16. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt. Also er war wirklich ein Pionier auf vielen Feldern.

Mavi Behramoglu:
Ich höre schon, Basel war ja im 15. Jahrhundert sozusagen das Zentrum der geistigen Welt Europas. Wie muss man sich Basel in dieser Zeit vorstellen?

Anja Dirks:
Also Basel war vor allem 17 Jahre lang das Zentrum der geistigen Welt Europas, weil in diesen 17 Jahren von 1431 bis 1448 das 17. Konzil in Basel tagte. Das war ein Treffen der obersten Kirchenvertreter, wo man dann neue Regeln aushandelte und neue Losungen sozusagen für die katholische Kirche. Und auf diese Art und Weise kamen. Eben. Also es war eine Tagung, die tatsächlich 17 Jahre gedauert hat. Und während dieser Zeit kam natürlich unglaublich viel internationales Publikum in die Stadt, und ich kann mir gut vorstellen, dass das eine ungeheure Bereicherung gewesen ist, diese ganzen internationalen Gäste hier zu empfangen. Und ich habe auch gelesen, dass die Gründung der Universität vielleicht auch auf diesen Impuls zurückgegangen ist. Man kann sich vorstellen, wenn da nach 17 Jahren all dieses illustre Volk wieder abzieht, dass es einem dann doch ganz schön langweilig wird. Und dass man dann nach Möglichkeiten sucht, diese geistigen Impulse auch weiterhin in die Stadt zu bekommen. Ja, 1471 hat Basel auch vom Kaiser Friedrich III das Privileg erhalten, auf ewige Zeiten Messen durchzuführen. Auch das ist bekanntermassen bis heute der Fall. Und eben 1501 tritt Basel in die Eidgenossenschaft ein. Damit verbunden war auch ein politischer Wechsel weg vom Adel, hin zu der Macht der Zünfte. Auch die Reformation lag schon in der Luft. Es war die Zeit des frühen Humanismus. Also es war wirklich eine aufregende Zeit, in der sich die Gesellschaft sehr grundlegend verändert hat.

Mavi Behramoglu:
Du hast es vorher schon erwähnt. Es gibt in dieser Zeit auch ein neues Gewerbe, nämlich den Buchdruck. Wie hat sich das in Basel entwickelt?

Anja Dirks:
Genau das ging in Basel eben sehr, sehr schnell. Ich habe gelesen, 1433 gab es die erste Papiermühle in Basel. Dann wurde eben 1440 etwa in Mainz der Buchdruck erfunden, und schon 1471 gab es in Basel einen Streik der Druckergesellen. Also schon 30 Jahre später muss es dieses Gewerbe als solches schon gegeben haben. Was interessant ist, ist damals war ja sämtliches Gewerbe in Zünften organisiert, mit strengen Regeln, aber der Buchdruck gehörte zu keiner Zunft. Er hatte also viele Freiheiten, und man konnte tatsächlich in diesem Gewerbe wirklich reich werden damals. Es gibt den ersten urkundlich erwähnten Buchdrucker in Basel, Berthold Ruppel, der vielleicht ein Gehilfe Gutenbergs gewesen ist, der jedenfalls in Basel als reicher Mann gestorben ist. Es war, wenn man so will, war es so das Start-up-Gewerbe, das Silicon Valley des 15. Jahrhunderts und eigentlich eine aufregende Zeit, auch wenn das natürlich Technologien sind, die aus unserer Perspektive jetzt schon sehr verstaubt und alt sind.

Mavi Behramoglu:
Wir haben jetzt sehr viel zu der Geschichte Basels im 15. Jahrhundert gehört. Was hat das alles mit uns heute zu tun?

Anja Dirks:
Eben. Ich denke, es gibt viele interessante Parallelen. Also wir haben ja auch eine Medienrevolution erlebt. Vor 60 Jahren wurde das Internet erfunden, vor 30 Jahren, als World Wide Web quasi der zivilen und allgemeinen Nutzung zugänglich gemacht. Und wir alle wissen, dass das unser Leben und unseren Alltag komplett auf den Kopf gestellt hat. Diese digitale Medienrevolution wurde auch schon oft mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Wir erleben auch ideologische Gräben und erbitterte Meinungskämpfe, die es natürlich damals auch gab. Wie gesagt, die Reformation kündigte sich an und damit gingen ja auch erhebliche Glaubenskriege einher. Und wir haben aber auch natürlich, wie damals, wo sozusagen das wissenschaftliche Denken sich anfing durchzusetzen in Europa, auch im Bereich der Wissenschaft, viele neue Erkenntnisse in den letzten Jahrzehnten erlebt, in der Genetik, in den Neurowissenschaften, in der Hirnforschung, die eben auch wie damals zu neuen Menschenbildern führen. Und so kommt es, dass wir heute zum Beispiel gar nicht mehr davon ausgehen, dass es eine klare Grenze gibt zwischen normal und verrückt, sondern die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse weisen eher darauf hin, dass wir alle eine leichte Anlage zu haben und dass die halt bei manchen Menschen mehr und bei anderen weniger ausgeprägt ist. Also ich denke, auch wenn das Narrenschiff ein sehr, sehr altes Buch ist, aus einer ganz, ganz anderen Zeit, kann man es doch so lesen, dass es uns heute noch sehr viel zu erzählen hat.

Mavi Behramoglu:
Kommen wir wieder zurück zum Stück. Wie habt ihr das Narrenschiff von Sebastian Brant auf die Bühne übertragen?

Anja Dirks:
Also es ist ganz wichtig, dass man das, so wie es von Sebastian Brant geschrieben ist, nicht auf die Bühne bringen kann. Also ich habe ja schon gesagt, die Originalverse sind in Frühhochdeutsch. Das versteht man überhaupt nicht auf den ersten Blick. Noch dazu sind es einfach teilweise sehr lange Moralgedichte. Man könnte das jetzt... niemand würde sich das, glaube ich, anschauen wollen, dass wir da jetzt einfach zwei Stunden lang auf der Bühne diese Verse aufsagen. Und so haben hat sich das Regieduo eigentlich einer ganz anderen Vorgehensweise bedient, nämlich sie haben sich erst mal zwei Monate vor dem Probenstart mit den Schauspielerinnen und Schauspielern getroffen und angefangen, sich kennenzulernen, indem man einfach Gespräche führte und einfach drauflos redete. Und auch einfach gar nicht im Hinblick auf das Narrenschiff, sondern wirklich eher: Was interessiert euch, was sind Themen, die euch wichtig sind? Was hättet ihr Lust, auf der Bühne zu spielen? Das waren so Fragen und diese Gespräche wurden alle aufgezeichnet und sind zum Teil wirklich genau so jetzt auch im Stück aufgenommen. Die beiden Künstler:innen haben das dann umgeschrieben und in Szenen quasi eingebettet. Aber es sind teilweise wirklich noch die wörtlichen mitgeschnitten Gespräche, die da in Szenen übersetzt wurden. Und dann haben sie das zusammengebaut zu einer Art Plot. Sie haben durchaus auch den einen oder anderen Originalvers noch benutzt von Sebastian Brant, aber sie haben im Grunde genommen ein ganz neues Stück geschrieben.

Mavi Behramoglu:
Es ist auch sehr viel Musik entstanden. Ein solches Musikstück hören wir uns jetzt mal an.

[Lied aus dem Stück]

Mavi Behramoglu:
Wir haben hier ein Lied über eine Reise gehört. Um was geht es in dem Stück? Um eine Reise?

Anja Dirks:
Ja. Also, es gibt tatsächlich Narren. Es gibt ein Schiff. Und das legt ja auch nahe, dass es eine Reise gibt. Der Plot, wenn man so will, ist das Sebastian Brant, der auch persönlich auftritt als Figur in diesem Stück, der recherchiert unter Närrischen und Narren für sein Buch, für seinen zukünftigen Bestseller und gerät dabei gemeinsam mit den Narren auf das Schiff. Und es ist ja so, kleiner Exkurs! Dass es diese Narrenschiffe wohl tatsächlich auch in früherer Zeit gegeben hat. Und das ist ja auch nicht nur, wie soll ich sagen, es ist ja nicht nur, hat nicht nur einen lustigen Aspekt, sondern das war ja auch eine Form von Ausgrenzung, dass man diejenigen, die in die Gesellschaft nicht reingepasst haben, versucht hat loszuwerden, indem man sie einfach auf ein Schiff setzt und den Rhein runter schickt und sagte: Hoffentlich sehen wir dich nie wieder. Also dieses, dieses Moment, dass man plötzlich merkt, ich bin ausgestossen, ich bin ausgegrenzt. Die Gesellschaft nimmt mich als anders wahr. Was ist denn das? Um Himmelswillen, was stimmt denn nicht mit mir? Das ist eigentlich so ein Motor für unser Stück, das Sebastian Brant sozusagen gemeinsam mit den Närrinnen und Narren erlebt. Was es heisst, plötzlich auf diesem Schiff allein auf hoher See zu sein, nicht zu wissen, wo es hingeht, nicht zu wissen, ob man jemals wieder zurück kann, ob man überhaupt jemals irgendwo ankommt. Und dann geht es durchaus abenteuerlich zu. Es gibt einen Schiffbruch, es gibt ein Liebesabenteuer und noch diverse andere Dinge mehr. Aber vor allem lernen sie einander und eben auch sich selbst besser kennen. Sie verstehen, was ihre Schwächen bzw was ihr Narrentum ist und lernen das zu akzeptieren. Und was ihnen dabei besonders hilft, ist Empathie untereinander und gegenseitige Solidarität.
Mavi Behramoglu: Es ist wie gesagt ein sehr musikalisches Stück. Welche Rolle spielt die Musik bei euch?

Anja Dirks:
Also ich glaube, dass in diesem Narrenschiff die Musik eine ähnliche Rolle spielt wie beim Original-Narrenschiff die Bilder. Diese Holzdecke, die ich auch schon erwähnt habe. Weil die nochmal eine emotionale Ebene hineinbringen, die man natürlich mit reinem Text so gar nicht herstellen kann. Das Tolle ist, diese zwölf Songs, die im Stück vorkommen, die hat tatsächlich alle Marius Schötz für dieses Stück komponiert. Und auch diese Lieder sind den, genau wie die Texte sind den Spielerinnen und Spielern wirklich auf den Leib geschrieben und werden fast alle von Jia Lim live begleitet. Dazu kommt auch, dass das gemeinsame Singen, das Singen im Chor, natürlich sofort eine Gemeinschaft herstellt, also wirklich eine ideale Gemeinschaft, wenn man so will, weil man kann vielstimmig sein und trotzdem harmonisch zusammen singen. Und dieses Moment, dass die Chöre die Darsteller:innen als Gruppe immer wieder zusammenbringen, das macht sich die Inszenierung auch zunutze.

Mavi Behramoglu:
Am besten hören wir gleich noch mal rein.

Anja Dirks:
Genau das ist jetzt ein Solo, das wir hören. Das ist Barbara Colceriu, die singt ‹Bist du nicht manchmal ein bisschen einsam?›

[Musik aus dem Stück]

Mavi Behramoglu:
Erwartet mich jetzt also ein Musical?

Anja Dirks:
Also nicht ganz. Es gibt Musical-Elemente. Aber es ist eigentlich eine sehr freie und sehr lustige Umsetzung von ganz, ganz alter Literatur. Es ist eine Geschichte, die viel mit Basel und auch durchaus auch noch viel mit uns heute zu tun hat. Und wir benutzen die Lieder im Stück dazu, die Menschen emotional in Bewegung zu setzen, aber nicht so wie im Musical um die, die Zuschauer:innen zu manipulieren in ihren Gefühlen, sondern eher darum, diesen Spass zu vermitteln, dass es Freude bereitet, emotionalisiert zu werden und sich dessen auch bewusst zu sein. Insofern ist es ein Singspiel, haben wir es genannt. Es ist tatsächlich ein sehr fröhliches Gutelaune-Stück mit viel Musik und durchaus auch einem ein bisschen tieferen Sinn.

Mavi Behramoglu:
Herzlichen Dank für diese interessante Einführung, Anja. Das Narrenschiff hat am 14. Oktober 20 22 Premiere im Schauspielhaus. Das Stück dauert zirka zwei Stunden und alle weiteren Informationen finden Sie auf www.Theater-Basel.ch