Nachruf Werner Düggelin

Werner Düggelin ist am letzten Donnerstag im Alter von 90 Jahren im Claraspital verstorben. Das Theater Basel trauert um ihn.

Die Stadt Basel hat ihren Dügg verloren. Er hinterlässt einen sehr grossen und sehr feinen Theaterschatz. Und er hinterlässt Kolleg*innen, Freunde und Vertraute, die froh sind, ihm in der Arbeit und als Mensch begegnet zu sein. Mit dem Satz ‹Theater für Basel, Theater für diese Stadt› läutete er die Ära ein, die er als Intendant zwischen 1968 und 1975 angeführt und für alle Zeiten geprägt hat. Die Frage, ob das Theater die Welt verändern kann, hätte er vermutlich den Idealisten überlassen. Auf jeden Fall hat Werner Düggelin das Theater verändert. Weil er es genau genommen hat. Seine minimalistischen Textarbeiten und sein lebendiges Theaterverständnis haben ihn in der Schweiz und in der internationalen Theaterszene legendär gemacht.

Am Theater Basel eröffnete er seine erste Spielzeit mit ‹König Johann› von Dürrenmatt. Mozarts ‹Entführung aus dem Serail› war seine erste Oper. Es folgten im Schauspiel Büchners ‹Woyzeck› und ‹Leonce und Lena›, ‹Verbannte› von Joyce, viel später Laura de Wecks ‹Lieblingsmenschen› (2007), Camus’ ‹Der Fremde› (2008), Ionescos ‹Unterrichtsstunde› (2011) und viele andere. Seine Aufführungen bleiben in Erinnerung, weil er sie auf den Punkt gebracht, weil er seine Kunst notwendig gemacht hat. 1995 wurde er mit dem Kulturpreis der Stadt Basel und 2014 mit dem Zürcher Kunstpreis gewürdigt. In seiner Laudatio zitiert Peter von Matt Werner Düggelin mit dem Satz: ‹Das Schlimmste am Theater sind die Erklärungen.› Fragezeichen verboten, auf Punkt sprechen, hiess das für die Schauspielkolleg*innen.

1929 in Siebnen geboren, kam er eigentlich zum Studieren nach Zürich. Doch das gab er bald auf, als er im Pfauen die Arbeit als Beleuchter annahm und von da an die Proben und Aufführungen kritisch beleuchtete. Bei einer Premiere fand er einen der Schauspieler so eitel, dass er ihn einfach im Schatten liess. Auch nach der Zurechtweisung in der Pause machte er so weiter. Erstaunlicherweise schickte ihn Intendant Leopold Lindtberg danach nicht zum Teufel, sondern beförderte ihn zu seinem Assistenten, der ihm ständig in die Proben quatschte. Als gradlinig, wach, leidenschaftlich, neugierig wird er beschrieben. Siebzig Jahre seines Lebens hat er inszeniert. Mit 21 Jahren und 500 Franken in der Tasche schickte ihn Lindtberg weg aus Zürich nach Paris – in den 50ern die Stadt der internationalen Avantgarde, der Bildenden Kunst und Anti-Reaktion. Mit einem verblüffenden Selbstbewusstsein stellte er sich als Regisseur vor und baute dort innerhalb eines halben Jahres mit Schauspielstudierenden eine kleine Compagnie auf. Trotz Erfolgs waren sie nach fünf Produktionen pleite. Aber für Düggelin ging es immer weiter. Regisseur Roger Blin förderte ihn, dem er zeitlebens verbunden blieb. Über ihn lernte er Beckett kennen und erlebte seine Uraufführung von ‹Warten auf Godot›.

Für das Theater Basel wurde seine Benennung 1968 zum Intendanten zum grösstmöglichen Glücksfall, und auch Werner Düggelin wusste die Aufgabe wohl sehr zu schätzen. Er war ein Intendant auf der Höhe der Zeit. Er machte genau das, was andere sich nur vornehmen. Er förderte die jungen Autorinnen und Autoren, no names, die durch ihn, mit ihm zu Bekanntheit fanden. Er hatte den Mut, sich zu irren. Er machte das Haus zum öffentlichen Debattierort. Er veranstaltete Konzerte mit internationalen, angesagten Bands. Jugendliche waren bis dahin kaum ins Theater Basel gegangen. ‹Jeans erlaubt, Haarspray verboten› stand auf den Plakaten. Er erreichte eine Steigerung der Zuschauer*innenzahlen beim jungen Publikum von 0,5 auf 37%. Er machte das Theater zum Hotspot, zum Ort, an dem sich Kunst, Nachtleben und politisches Bewusstsein befruchteten. Er machte das Haus voll, weil er nicht angstvoll versuchte, die Erwartungen zu erfüllen. Nach seiner Basler Zeit leitete er das ‹centre culturel suisse› in Paris und arbeitete wieder als freier Regisseur. Von der Bühne verabschiedete er sich 2018 mit Büchners ‹Lenz› am Schauspielhaus Zürich.

Er macht es uns nicht leicht, in seine Fussstapfen zu treten. Aber warum sollte es das auch sein, wir hätten ihn nur sehr gerne gelegentlich zu Rate gezogen. Das Schönste am Theater, sagte Werner Düggelin, ist die Arbeit mit den Schauspieler*innen. Und das ist es ja, wohin seine vielgepriesene Reduktion führt, ein Tisch, ein Stuhl, ein Scheinwerfer: Es geht um menschliche Naharbeit, darum dass mindestens zwei Menschen - oder zwei für alle anderen - den Punkt aushandeln, den sie gemeinsam wahr finden.

Theater Basel, 9. August 2020



«Ich durfte mit Werner Düggelin vor dem Sommer noch im Les Trois Rois brunchen, er war liebenswürdig, lebendig und neugierig wie ein junger Mann. Er war bei allen Empfehlungen für das Theater Basel mit der erste Name, der mir genannt wurde. Man kann ihn wohl als ‹Grandseigneur des Theaters in Basel› bezeichnen. Ich bedaure es zutiefst, dass Basel und die Schweizer Theaterwelt Werner Düggelin verloren hat.» Benedikt von Peter, Intendant am Theater Basel

«Wir haben mit Dügg einen großen Theatermacher verloren, einen Komiker und Puristen, einen Gentlemen und Rebellen, einen Genussmenschen und Liebhaber der Künste. Das Basler Theater verdankt ihm viel. Dügg wird uns fehlen. Aber wir gehen weiter auf den Pfaden, die er geebnet hat.» Jörg Pohl für die Schauspieldirektion am Theater Basel