Stückeinführung

Hallo und willkommen zum neuen Einführungs-Podcast vom Theater Basel für alle, die sich unterwegs und vorab informieren möchten über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über das Ballettstück «COW», choreographiert von Alexander Ekman. Mir gegenüber sitzt Bettina Fischer, Ballettdramaturgin am Theater Basel. Mein Name ist Nadja Camesi.

Bettina, das Stück, über das wir heute reden, heisst «COW», englisch für Kuh. Ein etwas seltsamer Titel, findest du nicht?

Bettina: Ja, absolut - es gibt zwar in der Ballettgeschichte den berühmten Titel ‹Schwanensee›, aber sonst haben, soweit ich weiss, keine (oder kaum) Tiere Einzug ins Ballettrepertoire gehalten.

Nadja: Und warum hat es jetzt die Kuh da hingeschafft?

Bettina: Das ist eben genau typisch für den Choreographen Alexander Ekman: Er hat eine rein klassische Ballettausbildung - tanzte beim Königlich Schwedischen Ballett, beim Cullberg Ballett und beim Nederlands Dans Theater, bevor er vor etwa zehn Jahren – noch recht jung –  seine Tänzerkarriere beendete, um sich ganz auf das Choreografieren zu konzentrieren. 
Seitdem sind seine Arbeiten international gefragt und repräsentieren in ihrer Verbindung von Entertainment, Überraschung und Irritation einen einmaligen, und recht originellen Stil - er wird in der internationalen Tanzpresse gerne das Enfant Terrible der Ballettweltgenannt.

Nadja: Was macht ihn denn zum Enfant Terrible und seine Stücke so besonders?

Bettina: Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass er keine Scheu davor hat, das Publikum zu unterhalten - er will die Sinne ansprechen, nicht belehren und er geht mit einer besonderen Spielfreude an seine Stücke heran: Mal setzt er für seine ‹SCHWANENSEE›-Version die Bühne des Opernhauses in Oslo komplett unter Wasser, oder er lässt hunderte apfelgrosser Plastikbälle auf die Tänzerinnen und Tänzer der Pariser Oper regnen -  das war ein Ballett mit dem Titel ‹PLAY›.

Auch unser Basler Ballettensemble hat schon zwei  Arbeiten von ihm hier in Basel  getanzt: «Flockwork» (2013) auf der GB und «Cacti» im SSH (2016) –:  CACTI – ein Stück, bei dem mit viel Humor und überbordender Bewegungsfreude jede Menge Kakteen, und eine tote Katze eine Rolle spielten. 

Nadja: «COW» ist jetzt bei uns in Basel im Programm für die Spielzeit 21/22 als Wiederaufnahme. Das Stück hat Ekmann im Jahr 2016 für das Ballettensemble der Semperoper Dresden kreiert und dort wurde es auch uraufgeführt. 

Bettina: genau - Für dieses Ballett erhielt Ekman den Deutschen Theaterpreis «Der Faust». und wir hier in Basel hatten im November 2019 Premiere und konnten dann aber leider Pandemie bedingt nicht alle geplanten Vorstellungen spielen - und darum haben wir es jetzt wiederaufgenommen.

Nadja: Und was erwartet bei diesem Abend. Vermutlich eher kein «Handlungsballett» oder?

Bettina: Nein - es ist ein abendfüllendes Stück ohne Handlung und ohne erzählte Geschichte, aber mit viel Freude an der Bewegung. Ein Fantasievolles Stück!
Es erwartet uns in COW jede Menge abstrakter Tanz von dynamischen Tänzerinnen und Tänzer in zum Teil eigenwilligen Kostümen die, das liegt auf der Hand, auch schon mal auf allen Vieren über die Bühne wandern. 
Man kann sagen: COW ist ein abstrakter und auch ein klein wenig verrückter Tanzabend in elf Szenen, in denen es weisse Kühe aus Plastik gibt, eine bewegte Bühne, (man könnte fast sagen: für die Bühnenelemente wurde auch eine Choreographie erschaffen) ein streitendes Pärchen, das vom Bühnenhimmel herab- und wieder hinauffährt. Und es taucht ein Fnerf auf.

Nadja: Ein Fnerf? Was ist denn bitte ein Fnerf?

Bettina: Das ist eine Figur, die Ekman sich ausgedacht hat: Es ist eine Ballerina auf Spitze - mit Geweih! 

Nadja: Womit wir bei den Kostümen wären - die sind ja teilweise recht extravagant, besonders die Kopfbedeckungen. Entworfen hat sie der Däne Henrik Vibskov, einer der bekanntesten skandinavischen Modedesigner.

Bettina: Henrik Vibskov führt sein eigenes Fashion Label - entwirft da also regelmässig  seine Kollektionen und er hat zahlreiche Preise für seine aussergewöhnlichen Mode-Kreationen erhalten und ist ausserdem noch Schlagzeuger in der Band Trentemøller. Darüber hinaus präsentiert seine vielseitige Kunst in renommierten Museen wie dem MoMA in New York, dem Palais de Tokyo in Paris, dem ICA in London, oder dem Textile Museum in Washington.  Zuletzt gab es eine grosse Retrospektive seines CEuvres im Designmuseum Helsinki. (farbenfrohe Skulpturen aus Holz oder Stoff). In COW fallen vor allem seine Hüte auf - das sind fast schon surreale Gebilde - oder auch fantasievolle Körpererweiterungen - einmal trägt das gesamte Ensemble nur Unterwäsche und dazu Turmhohe Kappen mit langen roten Fransen. - Ach ja: dazu dann Schuhe, die wie Hufe aussehen … Da gibt es dann schon mal ein rechtes Getrampel auf der Bühne.

[Hörbeispiel.]

Nadja: Lass uns über die Musik sprechen. Sie wurde von Mikael Karlsson extra für dieses Ballett komponiert. Im Theater wird die Musik aber nicht live gespielt, sondern ab Tonträger.

Bettina:Es ist  Aufnahme des Bundesjugendorchesters der Bundesrepublik Deutschland unter der Leitung von Johannes Klumpp.
Karlsson und Ekman haben schon mehrfach zusammengearbeitet und das Besondere daran ist, dass sich hier die Musik absolut den Bedürfnissen des Choreographen anpasst: Ekman kann genau sagen was er wo und wie lange will - eine sehr enge Zusammenarbeit also - wir kennen das aus der Ballettgeschichte: Marius Petipa und Tschaikowsky haben so zusammengearbeitet.
Nadja: Nun heisst das Stück ja ‹Cow›. Finden wir denn die Kuh auch in der Musik?

Bettina: tatsächlich hat Mikael Karlsson eine Sequenz von «Kuhmuhs» aufgenommen, die dann zeitlich ausgedehnt und er sagt, ihm ist aufgefallen, dass eine Kuh ziemlich musikalisch ist! Kühe scheinen eine tonale Beziehung zueinander aufzubauen, wenn sie muhen; es wirkt so, als würden sie sich alle in bestimmten Tonabständen zueinander einpendeln. ER hat einen Teil seiner Musik mit diesen lntervallen im Kopf komponiert. Mikael Karlsson sagt: «Die Kühe erzeugen  Harmonien, die westlich klingen. Ich würde sagen, die meisten Muhs, die wir aufgenommen haben, starten bei B oder F…» 

Nadja: Was ist denn das für eine Person, ein Komponist, der sich von muhenden Kühen inspirieren lässt?

Bettina: Mikael Karlsson ist auch Schwede, er studierte klassische Komposition in New York City und schloss sein Studium 2005 mit Summa Cum Laude ab. Karlssons Kompositionen stehen für ein breites musikalisches Spektrum, das von Pop- und Filmmusik über Soundcollagen bis zu Ballettmusik und zeitgenössischer Konzertmusik reicht. Er veröffentlichte zahlreiche kammermusikalische Alben, komponierte den Soundtrack für Videospiele «Battlefield Bad Company» I und II.

Nadja: Das künstlerische Team von COW ist offensichtlich eine sehr vielfältige Truppe…

Bettina: Es ist ein Stück, das von der Ironischen Übersteigerung lebt:
 Witzig, hintergründig und absurd feiert Ekman (mit dem für ihn typischen Augenzwinkern)  wieder einmal ausgelassen den Tanz und - wenn man so will - auch eine Satire auf den Kunstbettrieb. 

Nadja: ‹COW› können Sie in der Spielzeit 21/22 ab dem 20. August auf der Grossen Bühne sehen. Das Stück dauert eine Stunde dreissig Minuten, ohne Pause. Mehr Infos gibt’s auf unserer Webseite. www.theater-basel.ch

Herzlichen Dank für die Einführung, Bettina.