Stückeinführung

Nadja:
Hallo, willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Mit diesem Podcast können Sie sich flexibel und unabhängig von den Einführungen im Foyer über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus informieren. In dieser Folge sprechen wir über eine Winterreise. Das ist eine Produktion aus der Opernsparte, die aber streng genommen nicht so viel mit einer Oper gemein hat. Aber dazu gleich mehr. Mein Name ist Nadja Camesi und hier mit mir ist Niels Nuijten Operndramaturg am Theater Basel. Hallo Nils!

Niels:
Hey Nadja

[Musik]

Nadja:
Das war ‹Frühlingstraum›, ein Lied aus Franz Schuberts berühmtem Zyklus Winterreise. Jetzt hören wir aber an diesem Abend nicht nur Lieder aus Winterreise, sondern auch andere Werke Schuberts. Was erwartet uns?

Niels:
Das stimmt. Wir hören nicht diesen vollständigen Zyklus von ‹Gute Nacht› bis ‹Leiermann› oder von Beginn zum Ende. Das ist eigentlich so gekommen: Christof Loy, der Regisseur, hatte schon lange im Kopf, eine Inszenierung von oder basierend auf Winterreise zu machen. Und vor drei Jahren ungefähr hat er Anne Sofie von Otter, die Mezzosopranistin, getroffen, um darüber zu sprechen. Und sie waren eigentlich ziemlich schnell – in diesem Gespräch, war ziemlich schnell klar, dass sie beide so viele andere Schubert-Lieder und musikalische Werke schön finden, dass es vielleicht toll wäre, auch mal was anderes zu machen. Also nicht nur Winterreise, aber basierend auf den Themen von der Winterreise wie Sehnsucht, Entfremdung und Verlassenheit, eine Musiktheater-Vorstellung zu machen. Und seither haben sie sich ausgetauscht und viele Lieder besprochen und reingenommen, wieder rausgeschmissen und so weiter, und in diesem Prozess ist dann auch Christian Bezuidenhout dazugekommen, der Pianist. Und er hat sich dann auch mit ihnen ausgetauscht. Und so ist am Ende ein Szenario entstanden für diesen ganzen Abend.

Nadja:
Und dafür habt ihr aber auch eine Dramaturgie gebraucht, weil, ihr wolltet eben nicht einen Liederabend oder einen rein konzertanten Abend machen, sondern durchaus auch was erzählen und spielen. Was ist denn jetzt die Geschichte, die dabei herausgekommen ist?

Niels:
Das ist eine gute Frage. Wir wollten, wie du sagst, nicht, dass es ein konzertanter Liederabend ist, es ja inszeniert. Und für eine Inszenierung braucht man natürlich auch – zwar nicht immer eine Geschichte, natürlich – aber schon eine Dramaturgie, wie du sagst. Und wir sind dabei in erster Linie inspiriert von diesen Liedern und dieser Reihenfolge von Liedern. Da wir auch nicht nur Winterreise-Lieder nutzen, gibt es auch unterschiedliche Farben und Gefühle und Zustände in diesen Liedern. Und in dieser Reihenfolge ergibt sich dann auch eigentlich automatisch eine Dramaturgie. Daneben haben wir uns aber inspirieren lassen von Franz Schubert selber und von seiner Zeit. Also diese romantische Zeit, in der er gelebt hat und von verschiedenen Elementen aus seiner Biografie.

Nadja:
Und wie muss man sich das vorstellen? Was sind dafür Protagonistinnen und Protagonisten, was wird erzählt oder was stellt auch die Hauptsängerin Anne Sofie von Otter dar?

Niels:
Anne Sofie von Otter ist natürlich schon sehr wichtig bei diesem Abend und sie steht im Zentrum der Inszenierung. Und wir haben eigentlich gedacht – also sie ist für uns eigentlich eine fiktive Version von Franz Schubert, als wäre er nicht so jung gestorben und hätte länger weitergelebt. Und deswegen ist das eigentlich ein bisschen ein Rückblick auf sein Leben, aber auch auf ein Leben. Das ist also so ein bisschen doppelt gemeint, glaube ich.

Nadja:
Also Schubert in uns allen drin auch gewissermassen, oder..?

Niels:
Ja, ich glaube, Schubert steht auch für diese romantische Seele. Und das hört man natürlich auch in seinen Liedern. Und ja, das verkörpert eigentlich Anne Sofie, aber auch die anderen Figuren auf der Bühne. Weil es gibt neben Anne Sofie auch noch stumme Schauspieler:innen und ein Schauspieler spricht schon auch noch. Und Tänzer:innen, und ja, sie sind alle ein bisschen Schubert und ein bisschen eine Figur aus Schuberts Leben, eigentlich, also inspiriert davon, ja.

Nadja:
Da gibt es ja einerseits auch sehr viel historisches Material über Schuberts Biografie bzw. es gab damals so sogenannte Schubertiaden, wo in Wohnzimmern gespielt wurde. Und ich glaube, in dieser Zeit war das durchaus auch etwas Revolutionäres. Wie ist denn das bei euch eingeflossen in diese Inszenierung?

Niels:
Vielleicht kurz zu Franz Schubert: Viele Menschen wissen, dass er sehr jung gestorben ist, er war nur 31 Jahre alt. Und er lebte sein ganzes Leben in Wien und in seinem Erwachsenenleben, also so nach 1815 war es vorbei mit den Napoleonischen Kriegen. Und dann kam eine neue Zeit in Wien, die nennen wir jetzt die Biedermeier-Zeit. Und in dieser Zeit hat sich eigentlich das musikalische Leben verlegt von den Palästen und Konzerthäuser, in die Wohnungen der Leute. Und in dieser Atmosphäre muss man sich auch Schubert und seine Musik vorstellen, auch anders als seine Vorgänger Haydn und Mozart zum Beispiel, hat er nicht an Höfen gearbeitet und musste ohne Patron auskommen. Und er wird oft auch als der erste freischaffende Komponist bezeichnet. Er hat deswegen auch sehr fleissig gearbeitet. Er hat in seinem Leben über 600 Lieder geschrieben und noch viele, viele andere musikalische Werke und Opern und Sinfonien und Klaviersonaten. Er war also sehr fleissig und das war nicht nur seine Begeisterung für Musik, aber auch eine… das war auch notwendig, weil er musste damit sein Geld verdienen. Aber man muss sich diese Schubertiaden vorstellen, da wurden während seinem Leben – gab es diese Abende, wo Schubert viel gespielt hat, mit seinen Freunden und das haben sie damals schon Schubertiaden genannt. Und genau da hat er eigentlich seine neue Musik ausprobiert und gespielt und gesungen. Und er hat dann auch viele Lieder geschrieben auf Gedichte und teilweise wurden diese Gedichte auch von seinen Freunden geschrieben. Zum Beispiel ein wichtiger Freund für ihn war Franz von Schober und er vertonte, also Schubert vertonte unter anderem seine Gedichte an die Musik und Viola. Und letzteres ist auch in unserer Aufführung zu hören.

Nadja:
Da hören wir doch gleich mal rein.

[Musik]

Nadja:
Du hast gerade erzählt, wie das war zu Schuberts Zeiten und dass das da eigentlich auch so einen kleinen Kreis dann gefunden hat, die Musik, also das waren ja sehr intime Konzerte. Und das ist ja jetzt heute bei uns auch ähnlich, obwohl es auf der Grossen Bühne ist. Also es singt ja eigentlich nur Anne Sofie von Otter und sie wird begleitet vom Pianisten Christian Bezuidenhout. Also das ist ja eigentlich schon auch so sehr eine klassische Konzert-Anordnung, die wir hier haben. Aber wie müssen wir uns das vorstellen? Wie wirken diese Akteurinnen und Akteure zusammen?

Niels:
Genau. Das ist eine gute Frage. Auch, weil wir nicht wollten, dass es sich so wie ein Konzert anfühlt oder anschaut und weil Anne Sofie auch gerne mit anderen Leuten auf der Bühne ist. Und darum haben wir die vier anderen Performer:innen dazugeholt und sie sind inspiriert von – teilweise – von Personen aus Schuberts Leben. Ich habe bereits Franz von Schober erwähnt und er war ein sehr guter Freund von Franz Schubert. Und viele Biographen umschreiben ihn auch als eine sehr lockere, spontane Figur, ein bisschen Bohémien und damit war er eigentlich ein grosser Kontrast zu Schubert. Schubert war sehr klein und er wird oft als ein bisschen hässlich umschrieben. Und mit Schober hat man so ein bisschen so einen Superman-Freund. Die beiden hatten aber auch ein tiefe Freundschaft und hatten aber auch ihre Streitigkeiten. Und so haben wir jetzt diese Franz von Schober-Figur, wir nennen ihn in der Vorstellung Schober. Also es gibt einen Tänzer und seine Rolle ist inspiriert von dieser Figur. Schober wird auch vorgeworfen, dass er Schubert zu der Prostituierten gebracht hat, die ihn mit der für ihn tödlichen Syphilis infizierte. Und deswegen haben wir auch eine Tänzerin auf der Bühne, die wir die Kurtisane genannt haben. Das hat mit diesem biografischen Element zu tun. Und diese Figur ist dann auch immer verbunden mit dem Tod. Auf der anderen Seite hat sie auch eine grosse Lebensfreude. Dann gibt es auch noch den Doppelgänger, der ist eigentlich auch Schubert und und Anne Sofie. Also er spiegelt eigentlich Anne Sofie als eine jüngere Version von Schubert. Er hat dann auch auf der Bühne – haben sie so eine Connection, würde ich sagen. Und dann gibt es noch Viola, die wir nach diesem Lied von Franz von Schober genannt haben, die eher eine hoffnungsvolle Kraft auch immer wieder reinbringt. Und mit diesen Figuren, zusammen mit Anne Sofie stellen wir eigentlich so diese Atmosphäre dar und da kann es sehr schnell gehen von Leichtigkeit und Feier, dass dann plötzlich alle wieder super allein und einsam sind. So kommen wir so durch diese vielen Stimmungen. Und dann, genau, Kristian Bezuidenhout ist ja sehr, sehr wichtig, an diesem Abend, das ist der Pianist. Er ist ein Meister auf dem Hammerklavier und auch in diesem Genre und er ist natürlich musikalisch – er spielt das alles auf dem Klavier und ja, er ist da einfach sehr wichtig. Seinen Spielstil würde ich als sehr klar, aber auch sehr sensibel umschreiben. Und deswegen passt sein Spiel sehr gut zu Anne Sofie und ihrer Stimme.

Nadja:
Du hast gerade schon gesagt, er spielt das Hammerklavier. Heutzutage haben ja eigentlich alle Klaviere Hämmer. Warum heisst denn das so?

Niels:
Ich nenne das jetzt Hammerklavier, weil er auf einem historischen Instrument spielt. Aber du hast recht, ein moderner Flügel ist auch ein Hammerklavier, weil es hämmert und nicht zupft. Wie es vor ein paar Hundert Jahren üblich war, aber in der…

Nadja:
…das waren die Cembalos, zum Beispiel, die man aus der Barockmusik kennt.

Niels:
Genau, genau. Aber in Schuberts Zeit war es auch schon ein Hammerklavier, worauf Schubert auch gespielt hat. Und das passt einfach schön zum Bühnenbild dazu, das ist auch ein Grund, es ist ein sehr schönes Instrument. Aber auch klanglich macht es wirklich einen Unterschied zu einem modernen Flügel. Also ein modernes Klavier hat Metall drin und dieses Instrument ist ganz aus Holz gemacht. Und dann gibt es noch ein paar detaillierte technische Sachen, aber man kann sagen, dass der Klang von einem historischen Hammerklavier ein bisschen durchlässiger ist, aber auch viele Obertöne produziert. Und damit hat es auf der einen Seite also eine transparentere Farbe, aber klingt auch sehr voll und sehr reich. Und ja, das macht doch was aus. Und das spürt man, glaube ich, auch in der Vorstellung, das gibt noch mal ein bisschen eine andere Atmosphäre.

Nadja:
Und das trägt ja gewissermassen auch das Bühnenbild, weil dieses Klavier auf der Bühne steht. Wie sieht es denn sonst da aus, auf der Bühne? was ist das für ein Raum?

Niels:
Die Bühne und die Kostüme sind von Herbert Murauer und bei der Bühne hat er sich inspirieren lassen von Ballhäusern aus dem 19. Jahrhundert. Das heisst, zeitlich ist dieser Raum eigentlich auch ein bisschen eine Brücke zwischen Schuberts Zeit und unsere Zeit. So ein bisschen in der Mitte eigentlich. Und auch von ausgehend von diesem Gedanken, dass Anne Sofie eigentlich eine ältere Version von Schubert darstellt, ist es so ein Raum, wo, wenn Schubert viel weiter gelebt hätte, dann wäre er vielleicht auch da gewesen. Und es steht für diese Abende und natürlich Schubertiaden und Ballhäuser und wo es sonst noch Feste gab. Aber man sieht schon, die Stühle sind hochgestapelt, und die Decke ist ein bisschen baufällig und es ist schon ein bisschen ein kalter Raum geworden. Und in der Vorstellung, mit der Musik, kommt da auch wieder Leben in diesen Raum rein und es wird zum Leben erweckt, würde ich sagen. Und erinnert es an vielleicht an eine Schubertiade. Aber ja, vielleicht hat man auch andere Assoziationen dabei. Und in diesem Raum findet alles statt.

Nadja:
Vielen Dank für diese Einführung, Niels.

Niels:
Danke, Nadja!

Nadja:
Zum Schluss möchten wir nochmals reinhören in diesen Abend. Und zwar die Klaviersonate in a-Moll, gespielt von Kristian Bezuidenhout. 
[Musik]

Nadja:
‹Eine Winterreise› können Sie in der Spielzeit 21/22 noch bis Ende Februar auf der Grossen Bühne sehen. Das Stück dauert 1 Stunde, 40 Minuten ohne Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Website: www.theater-basel.ch