Hallo, willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Das hier ist ein Podcast für alle, die sich unterwegs informieren möchten über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über die Barockoper ‹Il ritorno d’Ulisse in patria› von Claudio Monteverdi. Hier in Basel wurde das Werk inszeniert von Kristian Lada. Johannes Keller dirigiert die Musici de la Cetra. Mein Name ist Nadja Camesi und mir gegenüber sitzt Meret Kündig, Operndramaturgin am Theater Basel. 

Hallo Meret!
Hallo Nadja!

Nadja:
Lass uns jetzt gleich mal ganz am Anfang beginnen. Was ist das für ein Stück, das hier im Schauspielhaus inszeniert wird?

Meret:
Also Il ritorno dulisse in Patria ist eine der nur drei erhaltenen Opern von Claudio Monteverdi. Man nimmt an, dass er ungefähr 18 Opern geschrieben hat, aber es sind eben nur drei überliefert. Diese wurde 1640 uraufgeführt in Venedig, und zwar in einem der allerersten öffentlichen Opernhäuser überhaupt. Damals war das noch nicht so üblich, dass man gegen Bezahlung in die Oper gehen konnte, dass ein normaler Bürger, normale Bürgerin sich eine Oper anschauen konnte. Weil davor wurde das eher am Hof aufgeführt und war dem Adel quasi vorbehalten.

Nadja:
Jetzt wird der Komponist Claudio Monteverdi, der, wie du gesagt hast, das Werk 1640 geschrieben hat, immer wieder als Erfinder der Oper bezeichnet.

Meret:
Ja, das stimmt. Er hat auch die Gattung der Oper sehr stark geprägt. Aber es ist nicht ganz wahr, dass er der alleinige Erfinder von der Oper ist. Er stand in einer Tradition einer ganzen Generation, die sich schon am Ende des 16. Jahrhunderts formiert hat und die sich stark abgegrenzt hat gegenüber einer Komposition, die damals sehr komplex war. Da hat man sehr viele komplexe Vokalwerke komponiert, mehrstimmig, polyfon, auch mit Text, aber so kompliziert und immer komplizierter, dass man den Text irgendwann gar nicht mehr verstand. Das war auch gar nicht im Interesse der Komponisten. Und da hat sich dann eine neue Bewegung formiert, die sich stark an der griechischen Antike orientiert hat und da eben auch diese Musiktradition des antiken Dramas aufgegriffen hat, also eine Singstimme, die von Instrumentalmusik begleitet war. Und so rückte eben auch der Text wieder in den Vordergrund, was für uns heute selbstverständlich ist in der Oper. Aber das war damals ganz neu.
Nadja:
Wie nähert man sich denn einem Werk, das so alt ist von der musikalischen Seite her?

Meret:
Il musici de la Cetra, das ist ja ein Musiker:inen-Ensemble aus den Reihen vom Barockorchester La Cetra. Die sind auf Alte Musik spezialisiert und betreiben die sogenannte historische Aufführungspraxis. Das heisst, sie versuchen möglichst genau zu rekonstruieren, wie man damals musiziert hat und benutzen teilweise originale Instrumente aus der Zeit oder nachgebaute Instrumente aus den Materialien, die damals benutzt werden. Zum Beispiel haben teilweise die Streicher Darmsaiten anstelle von Metallsaiten und der musikalische Leiter Johannes Keller hat sehr viel Recherche betrieben und auch mit sehr viel Kreativität aus dem Manuskript, das überliefert ist, eine Partitur erstellt, notiert, weil in dem Manuskript selber sind grösstenteils nur Singstimmen notiert und Harmonien, aber eben nicht die Instrumentierung. Es steht nirgendwo, welche Instrumente wann spielen und das hat er dann selber quasi rekonstruiert.

Nadja:
Dann hören wir doch da gleich mal rein.

[Musik]

Nadja:
Du hast doch gerade schon angedeutet, dass das Werk aus einer Zeit stammt, wo man sich gerne mit der griechischen Antike befasst hat. Der Titel besagt es ja eigentlich auch. Also die Übersetzung davon ist Odysseus Rückkehr in die Heimat. Was wird denn hier für eine Geschichte erzählt?

Meret:
Ja, genau wie der Titel sagt, geht es da um den Helden Odysseus nach dem Epos von Homer, also in der Odyssee geht es ja darum, dass der Held Odysseus nach zehn Jahren Trojanischem Krieg weitere zehn Jahre auf Irrfahrt ist und im Versuch, nach Hause zurückzukehren, immer wieder aufgehalten wird und dann erst im letzten Teil der Odyssee zu Hause in Ithaka, wo er König ist, ankommt. Und auf diesem letzten Teil basiert auch die Oper. Es erzählt eben von der Ankunft von Odysseus und der Wiedervereinigung mit seiner Familie und der Rückeroberung von seinem Platz, quasi. Als Odysseus ankommt in Ithaka ist die Situation da ziemlich festgefahren. Seine Frau Penelope wartet schon seit 20 Jahren auf ihn, wird von Bewerbern umschwärmt und die möchten sie zur Frau haben. Aber auch natürlich in die Fussstapfen von Odysseus treten, sein Erbe, sein Königreich übernehmen. Und sie ist permanent damit beschäftigt, sich diese Freier vom Hals zu halten. Und in diese Situation hinein wird Odysseus an Land gespült. Die Göttin Minerva, wie sie in der Oper heisst, das ist quasi der römische Name der der Göttin Athene. Die ist die Beschützerin von Odysseus, und sie verwandelt ihn in einen alten Bettler, damit er unerkannt bleibt, damit er sich in den Hof einschleichen kann, ohne sich in Gefahr zu begeben. Natürlich haben die Freier kein Interesse daran, dass er zurückkommt, und in dieser Gestalt kommt er dann im Palast an, und Minerva gibt Penelope den Gedanken ein, einen Bogenwettkampf zu veranstalten unter den Freiern, und derjenige, der es schafft, den Bogen von Odysseus zu spannen, der soll sie zur Frau erhalten und auch sein Königreich. Und nacheinander probieren sie das, und keiner aber ist in der Lage, diesen Bogen zu spannen. Da bittet Odysseus in Gestalt des Bettlers darum, dass auch versuchen zu dürfen, und Penelope, barmherzig wie sie ist, erlaubt ihm dieses diesen Versuch. Und er schafft es auch, und er spannt den Bogen und bringt alle Freier um. Und bei Homer ist es noch ein bisschen extremer, weil das sind an die hundert Freier. Es ist ein wahres Schlachtfeld. In der Oper sind es nur drei und er tötet diese Freier. Aber immer noch kann Penelope es nicht glauben, dass das wirklich Odysseus war, der das gerade gemacht hat und erkennt ihn immer noch nicht. Und erst nachdem er ihr Details zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer, zu dem gemeinsamen Bett schildert, erkennt sie ihn dann wieder. Und so endet die Oper.

Nadja:
Kuriose Geschichte aus der heutigen Zeit betrachtet…
Gehen wir weiter zum Regisseur des Stücks, Krystian Lada. Magst du ihn kurz vorstellen?

Meret:
Krystian Lada ist ein polnischer Regisseur der jüngeren Generation, der auch erst seit ein paar Jahren angefangen hat zu inszenieren. Davor war er vor allen Dingen als Dramaturg tätig, an verschiedenen Opernhäusern in Europa und war auch fest am La Monnaie in Brüssel, im Opernhaus, engagiert als leitender Dramaturg und hat jetzt angefangen zu inszenieren. Und er hat in seinen Inszenierungen schon öfters auch mit diesen partizipativen Formen gearbeitet, das heisst mit Laien oder Communities

Nadja:
Über den partizipativen Aspekt des Stücks, werden wir auch gleich nochmals eingehen. Aber ich möchte noch über Penelope sprechen. Dafür, für diese Rolle, haben wir eine gefeierte Sängerin nach Basel geholt.

Meret:
Ja, genau, Katarina Bradic. Vielleicht kennen sie die einen oder anderen aus dem Publikum schon, weil sie war schon mal hier zu Gast im Theater Basel 2017 in Händels Alcina. Und sie ist gegenwärtig eine der wahrscheinlich renommiertesten Barock-Interpretinnen.

Nadja:
Wir hören uns einen Ausschnitt an aus dem berühmten Lamento.

[Musik]

Nadja:
Die Inszenierung hier in Basel hat ja eine Art Twist, also eine spezielle Regiesetzung. Odysseus, der zwar die Hauptfigur ist, tritt als Figur gar nicht auf. Er wird auch nicht von einem bestimmten Darsteller verkörpert und seine Partien werden ausgelassen. Wie ist denn der Regisseur Christian Lada auf diese Idee gekommen?

Meret:
Also am Anfang des Prozesses hat sich der Regisseur natürlich gefragt: Was für eine Figur ist Odysseus? Wer ist das? Und er kam dann zu dem Schluss, dass es für ihn gar nicht wirklich eine Figur ist, oder eine sehr schwer greifbare Figur. Und das hat zum einen damit zu tun, dass Odysseus in der Kulturgeschichte sehr oft mit unterschiedlichen Zuschreibungen aufgeladen wurde und auf ganz unterschiedliche Art und Weise dargestellt wurde. Aber auch innerhalb der Geschichte. Er ist ja 20 Jahre weg. Also er ist eigentlich der Abwesende. Und die Zurückgebliebenen kennen ihn eigentlich eher als Vorstellung oder Erinnerung, als wirklich als Person und projizieren ihre unterschiedlichen Ideale auf ihn oder auch ihre…

Nadja:
Erwartungen?

Meret:
…oder Eigeninteressen oder was auch immer. Hoffnungen. Und deswegen fühlt sich das für den Regisseur wie eine Art Projektionsfläche eher an als eine wirklich dreidimensionale Figur.

Nadja:
Und übersetzt hat er das jetzt in eine kollektive Besetzung, quasi. Also hier spielen eine ganze Gruppe von Basler Männern mit. Die stehen auf der Bühne. Das sind Männer, die hier in Basel leben. Manche sind hier aufgewachsen, andere sind erst seit kürzerem hier. Was ist denn Ihr gemeinsamer Nenner? Warum stehen genau diese Männer auf der Bühne?

Meret:
Also zum einen: dass es mehrere sind, hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass es eben diese Vielschichtigkeit oder diese Vielstimmigkeit irgendwie abbilden soll. Was sie oder ihre Biografien für stian leider mit diesem mit dieser Figur Odysseus auch verbindet, ist, dass sie eben auch dieses Projizieren kennen, also dass andere Leute etwas auf sie projizieren oder ihnen zuschreiben. Und sie alle bezeichnen Basel als ihr Zuhause. Das verbindet sie. Sie leben hier, aber sie haben trotzdem die Erfahrung gemacht, dass sie als fremd wahrgenommen werden. Und das haben sie uns auch erzählt und es auch beschrieben, dass sie das Gefühl kennen, dass andere quasi erzählen, wer sie sind, anstelle davon, dass sie das selber erzählen. Und so kam dann die dokumentarische Ebene dazu. Also wir haben im Vorfeld der Produktion Interviews gemacht, Workshops mit der Gruppe, uns mit dem Stück beschäftigt, zusammen Audioaufnahmen gemacht, die jetzt auch in eine Form von Einspielungen in der Inszenierung vorkommen. Die werden auch von einem Sounddesigner Nicolas Buzzi eingebunden in elektronische Sounds.

Nadja:
Und was kannst du uns über die Bühne und die Ästhetik dieses Abends denn erzählen?

Meret:
Also ich finde, es gibt eine Art doppelte Ästhetik. Zum einen gibt es viele poetische Bilder, die schön anzuschauen sind und die eine Theaterillusion erzeugen. Aber auf der anderen Seite ist auch die Bühnenrealität bereits sehr präsent. Es gibt zum Beispiel viele offene Umbauten, wo die Bühnentechnik nicht versteckt wird. Und das korrespondiert ja auch mit dieser inhaltlichen, also auch inhaltlich, weil auch da gibt es zwei Ebenen die Geschichte und auch diese dokumentarische Seite von diesen Einspielern oder von diesen Menschen, die da beteiligt sind. Und das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus einem grossen Regal mit Requisiten und grossen Frachtkisten aus Holz. Und die Götter nehmen aus diesen Kisten die menschlichen Figuren. Also es sind eine Art Spielfiguren auf einem Spielbrett, könnte man sagen. Also da gibt es eine klare Machtposition von den Göttern, die diese Geschichte dann erzählen und über sie bestimmen. Das ist, es kann auch als Bild verstanden werden für das Thema: Wer erzählt eigentlich die Geschichte? Wer erzählt, wer bestimmt, wer Odysseus ist? Wer bestimmt, wer diese Männer auch sind? Am Anfang, kommen die eben als Projektionsfläche selber auch vor, man erfährt nicht viel über sie oder immer nur Fragmente und nur mit der Zeit nach und nach werden die plastischer und erhalten ihre eigene Stimme und stellen sich auch dann vor als Individuen. Und auch das, dass es dieses Erkennungszeichen am Ende der Oper wird, wo Penelope Odysseus dann erkennt, da geht es in der Inszenierung eher um das Erkennen von Menschen oder Individuen hinter holzschnittartigen Stereotypen.

Nadja:
Ja, vielen Dank für diese Einführung. 

Meret:
Sehr gerne 


Nadja:
Il ritorno dulisse in patria können Sie in dieser Spielzeit noch bis Februar 22 im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert 2 Stunden, 20 Minuten ohne Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Website www.theater-basel.ch