Stückeinführung

Hallo und Willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Das hier ist die Einführung zum Mitnehmen für alle, die sich unterwegs und vorab informieren möchten über unsere Stücke auf der großen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über einen großen Schweizer Theater Klassiker, nämlich die Physiker von Friedrich Dürrenmatt. Die Inszenierung hier in Basel kommt ohne Regisseur*in aus. Das Schauspiel Ensemble, die Basler Compagnie, hat sich selber inszeniert. Ich heiße Nadja Camesiund mir gegenüber sitzt Julian Anatol Schneider, Schauspieler am Theater Basel. Hallo Julian. 

Hallo Nadja.

Nadja:
Wir hören direkt einmal ins Stück rein.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Julian, für diese Inszenierung habt ihr euch im Schauspielensemble eigentlich gleich mehrfach etwas Besonderes ausgedacht. Ihr habt ohne Regisseurin oder Regisseur gearbeitet. Ihr habt das alte Regiebuch von der Uraufführung 1962 ausgegraben und zur Vorlage genommen. Und ihr habt am Originalstoff eigentlich nichts verändert. Was gab den Anstoss für dieses Projekt, um es so zu machen?

Julian:
Also da gab es mehrere Faktoren. Einerseits, ganz pragmatisch, ist es in diesem Jahr ja der hundertste Geburtstag von Dürrenmatt. Das war auf jeden Fall ein Anlass, Dürrenmatt zu machen in dieser Spielzeit. Warum die Physiker? Das war eine Entscheidung der Leitung, die anhand von ihren Erläuterungen geguckt haben. Dieses Konzept der Eigenregie – du hast es ja auch in der Einleitung kurz gesagt – das ist ein Konzept, was wir hier in der Basler Compagnie versuchen zu kultivieren. Also das ist eher eine kollegiale Führung, dass wir Mitspracherecht kultivieren. Und das ist auf jeden Fall ein Grund, warum dieses Projekt jetzt auch hier so gemacht wurde, weil in der ersten Spielzeit gab es die erste Produktion, die in einer solchen Anlehnung gemacht wurde, ‹Das Ende der Welt, wie wir es kennen›. Und das hier ist jetzt sozusagen die Fortsetzung davon.

Nadja:
Dann lass uns mal kurz rekapitulieren, worum es eigentlich in diesem Stück geht bzw. was ist die Geschichte, die da erzählt wird?

Julian:
Also im Endeffekt geht es um einen Physiker namens Johann Wilhelm Möbius, der eine Entdeckung gemacht hat. Nach seinen Aussagen hat er die Weltformel entdeckt, also eine bahnbrechende Entdeckung, die die Welt verändern würde. Und er selbst liefert sich ins Irrenhaus ein, weil er das Gefühl hat, zu wissen, dass mit seinen Entdeckungen, die er da macht, die Welt in ein komplettes Chaos gestürzt würde. Weil wenn diese Entdeckung in die falschen Hände gerät, was auf jeden Fall passieren wird, weil das ganz viele machtpolitischen Elemente beinhaltet und Präsidenten und Präsidentinnen dieser Welt sich um diese diese Formel töten würden, geht er ins Irrenhaus. Nach seiner Aussage sind seine Gedanken oder die Gedanken, die man im Irrenhaus hat, nicht so gefährlich, weil man da noch frei denken kann. Und dann kommen zwei weitere Physiker, die sich auch als Verrückte ausgeben, in dieses Sanatorium, in dieses Irrenhaus. Beide kommen aber von verschiedenen Geheimdiensten sozusagen. Da kann man auch sehen, wie Dürrenmatt das auf jeden Fall so angelegt hat, in der Zeit des Kalten Krieges auch Ost gegen West, und die versuchen, diesen Möbius auf ihre Seite zu kriegen. Und im Endeffekt ist das dann die Prämisse. Drei Physiker, die sich eigentlich alle als verrückt ausgeben, aber noch nicht wissen, dass sie jeweils den anderen ihre Verrücktheit vorspielen und alles, was drum herum passiert – diese Irrenärztin Frau Zand und diese Krankenschwestern, die da auch auftauchen und die Familie von Johann Wilhelm Möbius, die auch noch auftaucht –schlussendlich ist das mit den Leuten, die selbst im Irrenhaus sind, der Kontrast dazu, dass alle anderen rund um die drei eigentlich verrückt sind und die drei ihre, ihre, ihre Berufung darin gefunden haben, verrückt zu spielen, damit sie die Welt retten.

[Auschnnitt aus dem Stück]

Nadja:
Du hast bereits gesagt: Dürrenmatts 100. Geburtstag war jetzt, da waren natürlich die Schauspielleitung involviert in die Entscheidung, die Physiker überhaupt aufzuführen. Und aber am Ende habt ihr euch dafür entschieden, die Uraufführung von 1962 zu reinszenieren. Wie muss man sich das denn vorstellen?

Julian:
Ja, also mit dieser Rekonstruktion, also mit dieser Herangehensweise, die Uraufführung 1962 neu zu inszenieren, damit versuchen wir zu überprüfen, ob dieses Stück heute tatsächlich noch relevant ist und vor allem halt nicht aus der Perspektive, die wir heute dem Stück überstülpen, sondern wie es damals aufgeführt wurde, in einem ganz klar politischen Setting. Also da war die Atombombe etwas vom Schrecklichsten, was man gesehen hat, heute immer noch so. Das ist ja wirklich eine Entdeckung, die ganz viel verändert hat. Und das war damals wahnsinnig politisch. Und wir heute haben wie versucht zu gucken, ob diese Themen, die damals so aufreibend waren und die Bevölkerung wirklich beschäftigt hat, ob das heute genauso ist. Und deswegen kam die die Entscheidung dann auch, die Uraufführung von 1961 nachzuinszenieren.

Nadja.
Rekonstruktion klingt jetzt aber erst mal nach sehr archäologischer, steriler, historischer Arbeit. Aber eigentlich sollen Theaterstücke ja leben. Wie hat sich denn dieser Prozess abgespielt?

Julian:
Ja, das ist eine interessante Frage. Wir haben ja tatsächlich dieses Regiebuch von 1962 vorliegen. Und das heisst wir haben das Stück in seiner Originalfassung und das Regiebuch 1962. Da steht immer wieder drin, wo die Figuren jeweils auf der Bühne positioniert sind. Bei welchem Satz diese jeweiligen Figuren einen Schritt machen, auf welche neue Position sie sich begeben. Also das ist alles in diesem Regiebuch vorhanden. Das haben wir uns angeeignet. Also vor allem aber auch das Bühnenbild haben wir so rekonstruiert, wie wir das auf Fotos wiedergefunden haben. Da gab es eine grosse Recherchearbeit, die voranging, wo wir Fotos und Videoaufnahmen von tatsächlichen Proben, die stattgefunden haben. Es gibt nicht wahnsinnig viele. Aber es gibt ein paar Aufnahmen, anhand derer hat man erst mal auch dieses Bühnenbild rekonstruiert. Also das ist jetzt wie 1962, das sieht genauso aus. Aber es ist halt alles schwarzweiss, weil wir keine Farbfotografie haben. Das heißt, es kam dann auch die Idee: Wir müssen auch schwarzweiß sein in dieser Konsequenz, wenn wir das wirklich als Rekonstruktion ansehen, weil wir so vieles nicht wissen.» Was hatten die denn für Anzüge an? Waren die farbig? Wie waren die geschminkt? Was war die Haarfarbe von den Leuten? Das heisst, das war erst mal tatsächlich archäologisch. Wir haben geguckt: Okay, was haben wir für Material? Wir wissen gewisse Dinge nicht. Das heisst, wir rechnen auch ganz viel rein von unserer Perspektive heute. Das hat aber tatsächlich mehr mit dem Spiel zu tun. Aber das mit dem Leben ist auf jeden Fall ein interessanter Punkt, weil die anfängliche Arbeit – wir haben ja echt auch versucht, die Spieler und Spielerinnen von damals nachzuspielen.

[Auschnitt aus dem Stück]

Julian:
Also das Konzept war irgendwie auch, äh, wir wollen eine Geisterbeschwörung machen. Also im Sinne von die Schauspieler und Schauspielerinnen von damals haben das gespielt. Wir heute spielen diese Spieler und Spielerinnen nach in den jeweiligen Rollen. Klingt erst sehr, sehr Inception-mässig, dass das irgendwie so auf vielen Ebenen ist – das war es tatsächlich auch. Ich habe jetzt zum Beispiel für meine Interpretation des Uwe Sievers den Typen aus dem Fernsehspiel genommen, der halt absolut kein Schauspieler ist. Der ist irgendwie ein Edelstatist, sagen wir es mal so, er überhaupt nicht weiss... Also es ist wahnsinnig lustig gewesen, dem beim Spielen zuzuschauen, weil er sehr unbeholfen wirkt. Und er hatte auch so ein so einen ganz komischen Akzent, den ich jetzt halt auch übernommen habe. Ich habe jetzt wie meine Figur Uwe Sievers anhand von diesem Fernsehspiel gemacht. Das war natürlich dann auch noch mal so ein Gleichgewicht, das wir suchen mussten. Gehen wir jetzt anhand von Theaterspiel, Fernsehspiel, von einigen gibt es mehr Material, von anderen weniger. Also es war nicht ganz einfach, das das auszuklammern. Aber das war eine sehr oberflächliche Arbeit erst.

Nadja:
Du hast eigentlich ja auch sogar einen persönlichen Bezug zur Uraufführung 1961. Wie ich erfahren habe, habt ihr nach Zeitzeugen gesucht, die damals dabei waren. Leute, die sich das dieses Stück im Schauspielhaus in Zürich angeschaut haben. Was ist denn da rausgekommen?

Julian:
Was ist herausgekommen? Na ja, tatsächlich hat mein Onkel Matthew Gurevitch die Uraufführung 1962 gesehen. Er ist in Zürich aufgewachsen, war gerade junger Teenie und hat diese Uraufführung gesehen. Er wurde später Opernkritiker für die New York Times. Der ist dann – meine Familie mütterlicherseits, stammt aus den USA, und das heisst, seine Familie war dann in Zürich, hat sich niedergelassen. Er ist dann halt auch in Zürich gross geworden, ist aber dann wieder zurück in die USA ausgewandert, und wurde da Opernkritiker, also hatte er einen grossen Bezug zu Theater, eh schon die ganze Zeit. Und dann, als herauskam, dass wir hier die Physiker machen und dass ich dabei bin und dass wir eine Rekonstruktion dieser Uraufführung machen, kam heraus, dass er diese Uraufführung gesehen hat und tatsächlich auch Tagebucheinträge gemacht hat mit Kritiken zu dieser Uraufführung, wo auch eine eine Zeichnung des Bühnenbildes zu sehen ist, wo Dinge, die wir nicht gesehen haben oder nicht wussten, von Fotografien plötzlich in dieser Zeichnung zu sehen waren. Zum Beispiel die Decke. Wir wussten nicht, wie die Decke aussah in der Uraufführung, und er hatte einfach eine Zeichnung von der Decke auch gemacht. Also es war ein wahnsinnig lustiger Moment und das ist schon irgendwie ganz, ganz spannend gewesen, dass er diese Uraufführung gesehen hat, die wir jetzt wieder rekonstruieren. Und ja, irgendwie verrückt.

Nadja:
Wird er Gelegenheit haben, um es sich hier in Basel anzugucken?

Julian:
Ja, das ist eine grosse Frage. Ich habe jetzt auch schon wieder mit ihm telefoniert. Und jetzt, gerade während Corona, ist es natürlich schwer. Er hat grosse Lust, das zu sehen und hierher zu kommen. Er ist auch immer wieder mal hier und die Chancen stehen, glaube ich, nicht schlecht, dass er das tatsächlich noch schafft, herzukommen, um sich diese Inszenierung anzusehen. Das wäre wahnsinnig wünschenswert. Ich wäre sehr, sehr gespannt und ich bin gespannt, was er dazu sagt.

Nadja:
Also ja, ich würde sagen, wir drücken alle die Daumen. Herzlichen Dank für diese Einführung, Julian.

Julian:
Dankeschön, dass ich hier sein durfte.

Nadja:
Die Physiker können Sie in der Spielzeit 21/22 noch bis Anfang 2022 im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert in etwa zwei Stunden 15 Minuten mit einer Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Website www.theater-basel.ch