Stückeinführung

Hallo und herzlich willkommen zu diesem Podcast vom Theater Basel für alle, die sich informieren möchten über unsere Stücke auf der grossen Bühne und im Schauspielhaus. Heute sprechen wir über Dmitri Schostakowitschs ‹Die Nase›, eine Oper, die hier in Basel von Herbert Fritsch inszeniert wird. Clemens Heil dirigiert das Sinfonieorchester Basel und es singt auch der Theaterchor. Mein Name ist Nadja Camesi. Und hier mit mir ist Roman Reeger, leitender Operndramaturg am Theater Basel. 

Hallo Roman!
Hallo Nadja!

Nadja:
Erzähl uns doch gleich mal die Basics. Worum geht es in dieser Geschichte?

Roman:
In der Nase geht es um einen Mann, der seine Nase eines Morgens nicht mehr wiederfindet. Er ist daraufhin verzweifelt, läuft in die Stadt und versucht, sie zu finden. Nach einiger Zeit sieht er sie dann lebensgross umherlaufen. Und nicht nur er hat die Nase bemerkt, nein, auch die ganze Stadt ist in Aufruhr versetzt und versucht diese Nase zu fangen. Das gelingt ihm ganz am Schluss und man hat so den Eindruck, am Ende der Geschichte, ach, das Ganze könnte vielleicht auch nur ein Traum gewesen sein.

Nadja:
Die Basis dafür war eine Novelle von Nikolai Gogol. Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Schostakowitsch diese Novelle vertont hat?

Roman:
Schostakowitsch hat die Novelle von Gogol von 1836 sehr intensiv gelesen und war in dieser Zeit begeistert von dem Werk. Er hat sich zusammengetan mit drei jungen Schriftstellern, und sie haben versucht, ein Libretto zu konzipieren und haben sich dabei nicht nur auf die Geschichte von Gogol bezogen, sondern haben auch andere Texte hineingebracht von Gogol und sogar einen Abschnitt aus «Die Brüder Karamasow» von Dostojewski. Er hat dann eine Opernform daraus gestaltet, drei Akte mit sechzehn Szenen, inklusive Zwischenspielen. Und es ist ein Stück voller Lebendigkeit, voller Energie in der jede Szene musikalisch einen anderen Zugriff zeigt. Und ein unglaublich überbordendes Werk.

Nadja:
Wir hören gleich mal in die Ouvertüre rein.

[Musik]

Nadja:
Lass uns mal darüber sprechen, was das eigentlich für eine Zeit war, in der die Nase erschienen ist oder uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war am 18. Januar 1930 und das Werk hat durchaus auch seine Zeit kommentiert.

Roman:
Ja, schon. Es war die Zeit der 20er Jahre in der noch jungen Sowjetunion. Und nach diesen Jahren des Aufbruchs zeigte sich so langsam wieder ein Spiessbürgertum, das interessanterweise auch in der Novelle von Gogol schon so eine Rolle spielt als Feindbild. Und Schostakowitsch hat sich ganz stark inspirieren lassen noch von diesem Aufbruchsgeist der frühen 20er Jahre, der zu Zeiten des der Komposition 21 Jahre alt und hat sich viel beschäftigt mit zeitgenössischer Musik, auch aus den westlichen Ländern und hat sich beschäftigt mit der zeitgenössischen Literatur, der Kunst, die geprägt war von Künstlern wie Malewitsch. Und all diese Einflüsse, diese unterschiedlichsten Einflüsse, westlich wie auch in der russischen Avantgarde, haben sich in der Nase dann wiedergefunden. Gleichzeitig ist das Stück so ein Zeuge einer Zeitenwende, könnte man sagen. Denn man merkte in der Sowjetunion, unter Stalins Herrschaft wurde es zunehmend schwierig für Künstler wie Schostakowitsch zu arbeiten. Und so hat die Nase nach der ersten Aufführung, also nach der Premiere erst mal für fast 40 Jahre keine neue Aufführung in der Sowjetunion erlebt.

Nadja:
Was war denn das Problem der sowjetischen Führer mit diesem Werk?

Roman:
Schostakowitsch hat, wie ich angedeutet habe, sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse verwendet und stellt die sehr, sehr hart gegeneinander. Wir hören Unterhaltungsmusik, wir hören Elemente, dieser typischen Avantgarde-Musik, also atonale Klänge, Schichtungen, sehr extreme Klänge auch an einigen Punkten, aber auch ganz viel typische Opernzitate. Es gibt auch so ein paar spätromantische Anklänge. Man könnte sagen, diese Collagen-Technik, die das zum Teil darstellt, war in der Sowjetunion, wo es sehr darum ging, einen neuen Stil und sowjetischen Stil zu schaffen, der die Revolution voranbringt und auch die Arbeiter voranbringt, diese vielen Elemente, die hier zusammenkommen in der Musik von Schostakowitsch, waren ein Problem in Bezug auf die ästhetische Vorstellung in der Sowjetunion, wo man so nach einem genuinen sowjetischen Stil suchte. Der Nase wurde vorgeworfen unsowjetisch zu sein. Und so kam es eben zu Problemen, die Schostakowitsch einen Grossteil seines Lebens beschäftigt haben.

Nadja:
Wie wurde das Werk denn von Publikum und Kritik aufgenommen?

Roman:
Ja, sehr, sehr unterschiedlich. Es gab doch einige im Publikum und auch bei den Kritikern damals, die es sehr geschätzt haben, gerade für diese innovative Kraft und diese Power, die so dahintersteht. Gleichzeitig gab es aber natürlich auch viele, gerade aus dem konservativen Spektrum, die das Werk sehr kritisiert haben. Es gab so eine Zeile, eine Überschrift, die bezeichnete die Nase und den Komponisten als die Handgranate eines Anarchisten. Und das war so ganz eine ganz typische Äusserung über diese Oper. Wie gesagt, es dauerte etwas, bis das Stück rehabilitiert werden konnte. Interessanterweise ist es dann in den frühen 60er Jahren zunächst in Deutschland wieder aufgeführt worden, also überhaupt nicht in der Sowjetunion und kam dann auch in anderen Städten und Ländern Europas wieder auf die Spielpläne. Und das ist wahrscheinlich auch ein bisschen die Rettung gewesen und der Grund dafür, dass wir das Stück heute noch hören.

Nadja:
Und wir hören uns gleich einen Ausschnitt an aus dem Stück an. Was ist das für eine Szene, die wir gleich hören werden?

Roman:
Ja, hier ist eine Szene, die ganz typisch ist und auch kritisches Potenzial birgt. In dieser Szene begegnet Kowaljow, also der Protagonist, seiner Nase, die mittlerweile lebensgross umherläuft, und er begegnet ihr in einer Kathedrale. Diese Szene wurde noch bei Gogol gestrichen. Schostakowitsch hat sie auf sehr spektakuläre Art und Weise vertont, mit einem grossen Chor, der so den Hintergrund bildet für diese Szene. Und da werden wir uns jetzt mal hineinhören.

[Musik]

Nadja:
Nochmals zur Musik. Also Du hast gerade schon gesagt, dass diese Oper in drei Akte aufgeteilt ist, was eigentlich sehr klassisch ist und gleichzeitig ein bisschen darüber hinwegtäuscht, wie untypisch und eigenwillig dieses Werk eigentlich ist. Was hatte denn Schostakowitsch mit dieser Oper vor?

Roman:
Ja, er orientiert sich gar nicht so sehr an einer klassischen Opernform, sondern an sehr zeitgenössischen Medien und Einflüssen. Er war in dieser Zeit Stummfilmpianist. Man merkt an vielen Szenen, dass er sich durchaus an diesem Medium Film orientiert hat. Also wir haben so sehr harte szenische Schnitte, auch sehr harte, unterschiedliche Stimmungen, die so nacheinander erklingen. Ich habe sie bereits angesprochen, diese verschiedenen Elemente aus der Unterhaltungsmusik. Wir hören zum Beispiel so ganz oft folkloristische Klänge. Also vier Balalaikas, die spielen in einer Szene. Wir hören aber auch so sehr harte Märsche. Wir hören ganz viele komplexe rhythmische Strukturen. Wir merken, dass Schostakowitsch versucht hat, in dieser Oper diese – diesen Vielklang seiner Welt und seiner Erfahrung in dieses Stück hineinzubringen. Und das ist etwas, was in der Oper zu dieser Zeit doch sehr neu war.

Nadja:
Du hast ja die Handlung vorhin schon zusammengefasst, und das ist ja eigentlich total komisch und schräg. Also die Vorstellung, dass eine Nase durch die Gegend läuft. Und auch «Nase», nur das Wort an sich ist schon relativ lustig eigentlich. War denn das auch eine Absicht? Also wollte Schostakowitsch unterhalten und lustig sein?

Roman:
Ja, man hört es, glaube ich, auf jeder Seite der Partitur, wie stark dieser Witz und auch dieses Spiel mit Parodie in dem Stück eine Rolle spielt. Interessanterweise hat Schostakowitsch später immer behauptet, die Nase sei eigentlich eine ernste Oper und auch die Geschichte eine ernste, eine tragische Geschichte. Aber wir hören gleich an ganz vielen Stellen, zum Beispiel am Beginn der Ouvertüre, dass dieses Stück eigentlich eine Satire ist. Diese Ouvertüre beginnt zum Beispiel überhaupt nicht mit seinem klassischen Ouvertüren Gestus, sondern mit einer gestopften Trompetenfanfare, die sich verliert. Und das ist so ganz typisch für Schostakowitsch in dieser Zeit und in diesem Werk, dass er musikalisch illustriert, spielt, kommentiert, auch die Figuren immer wieder sehr humorvoll darstellt.

Nadja:
Und dann gab es auch noch eine andere musikalische Neuerung eigentlich. Das ist die erste Oper gewesen, in der es ein ausgedehntes Schlagzeugsolo gegeben hat.

Roman:
Ja, das ist ganz richtig. Dieses Schlagzeugsolo ist das erste in einer Oper und es hat diese Oper auch zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Dahinter steht natürlich einerseits dieser musikalische Ausdruckswille, eine solche Form zu schreiben in der Oper. Gleichzeitig aber spiegelt sich hier auch etwas der Geist der Zeit und des Werkes. Es geht in dem Stück ganz stark darum, dass alle Figuren ständig getrieben sind, gehetzt sind. Und man erkennt hierin auch die Gehetztheit, die Getriebenheit dieser industriellen Moderne der 20er Jahre. Das ist in vielen Werken, auch in der Kunst, ein grosses Thema. Und Schostakowitsch hat es mit diesem Schlagzeugsolo ganz phantastisch auf den Punkt gebracht.

Nadja:
Wer sich für das Schlagzeugsolo interessiert, kann zur Vertiefung auch den anderen Podcast, den wir haben, anhören. Kaegis Klaenge. Da kommt die Repetitorin Iryna Krasnovska zu Wort und der Perkussionist Domenico Melchiorre. Was Iryna auch erzählt, ist eine gewisse Parallele zwischen dem damaligen Film und wie diese Oper so Szenen aneinanderreiht. Das hast du gerade auch schon erwähnt und da kommen wir vielleicht auch zum Regisseur und was er gemacht hat. Das ist jetzt die zweite Oper von Herbert Fritsch hier auf der grossen Bühne in Basel. In der letzten Spielzeit hatte er Intermezzo von Richard Strauss inszeniert und es gibt durchaus Parallelen zwischen diesen zwei Stücken und auch den Inszenierungen, die Fritsch daraus gemacht hat. Kannst du uns etwas dazu erzählen?

Roman:
Ja, beide Stücke stammen aus den 1920er Jahren, also beschäftigen sich mit der Moderne und den Themen der Moderne. Strauss ist natürlich ganz anders als Komponist zu hören, als Schostakowitsch. Aber trotzdem haben diese Stücke, die beide ja etwas Humorvolles haben, viel miteinander gemeinsam. In der Nase geht es ja um diese herumirrende, herumlaufende Nase und den ihr folgenden Protagonisten Kowaljow und Herbert Fritsch macht in seiner ganz typischen Art und Weise etwas, dass er den Slapstick und das Parodistische Und das Spielerische dieser Oper betont. Also alles drückt sich aus über die Spiellust, über auch die körperliche, artistische Spielweise der Darstellerinnen und Darsteller. Und es passt sehr wunderbar zu dieser Oper, die ja sehr viel über Rhythmus funktioniert und über so eine, wie wir gesagt hatten, Getriebenheit funktioniert. Und gleichzeitig ist da natürlich auch die bereits angesprochene Nähe zum Film. Also auch Herbert Fritsch bezieht sich sehr stark auf den Stummfilm dieser Zeit. Er hat sich sehr viel auch mit diesem russischen Stummfilm der 20er Jahre unabhängig von der Nase beschäftigt. Und die Körperlichkeit der Darsteller:innen auf der Bühne, die entspricht doch irgendwie sehr dieser Idee von Schostakowitschs Musik. Interessanterweise war Schostakowitsch auch ein grosser Anhänger des Theater Meyerhold und auch das hört man an ganz vielen Stellen. Und Herbert Fritsch ist natürlich auch sehr vertraut mit dieser anti-naturalistischen extremen Darstellungsweise, die er immer wieder sucht und einfordert.

Nadja:
Und vielleicht zum Abschluss auch noch etwas zur Ästhetik, zum Visuellen. Was erwartet uns da auf der Bühne und an Kostümen?

Nadja:
Ja, die Bühne ist ein ineinander geschachtelt Raum, also wie eine Matrjoschka, gleichzeitig ästhetisch sehr erinnernd an den russischen Konstruktivismus, der ohnehin eine eine grosse Rolle spielt für Herbert Fritsch. Die Kostüme beziehen sich auch stark auf diese dieses frühe 20. Jahrhundert in Russland. Wir sehen die Hierarchie der Gesellschaft, ein Gesellschaftsbild, das so Puppen erinnert, die auf der Bühne sind. Und gleichzeitig hat die Ästhetik so eine wunderbare Mischung wie ich finde aus Alptraum, Komik und auch grotesken Elementen. Eine wichtige Geschichte ist in diesem Zusammenhang auch zu erwähnen, dass die Nase nicht wie klassischerweise ein großes Nasen Kostüm trägt, sondern die Figur, die von Hubert Wild gesungen wird und dargestellt wird, ist eine Frau, eine in verschiedenen Kostümen auftretende Frau und wird für diesen Kowaljow zu einem ja zu einem merkwürdigen Gegenpart. Und da kann man sich glaube ich sehr darauf freuen, die Nase hier in einer sehr anderen Gestalt zu sehen und zu hören.

Nadja:
Vielen Dank für diese Einführung.

Roman:
Vielen Dank!

Nadja
Die Produktion, die Nase können Sie in dieser Spielzeit noch bis Ende März auf der großen Bühne sehen. Mehr Infos und Tickets gibt es auf unserer Website www.theater-basel.ch