Stückeinführung

Hallo und willkommen zum neuen Einführungs-Podcast vom Theater Basel für alle, die sich unterwegs und vorab informieren möchten über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge sprechen wir über das Schauspielstück «Metamorphosen», inszeniert von Antú Romero Nunes und der Basler Schauspielcompagnie. Mir gegenüber sitzt Kris Merken, Schauspieldramaturg am Theater Basel. Und mein Name ist Nadja Camesi.

Hallo Kris.

Kris:
Hallo Nadja

Nadja:
Kris, die Metamorphosen stammen aus der römischen Antike. Sie sind eigentlich ein Jahrtausendwerk. Der Dichter Ovid hat diese Sammlung von Erzählungen vor ungefähr 2000 Jahren geschrieben. Was wird denn da erzählt, dass wir uns heute noch damit befassen?

Kris:
Zunächst einmal ist das kein Theaterstück, sondern so eine Art Enzyklopädie der griechisch-römischen Mythologie. Das Werk beinhaltet 254 Geschichten, die alle von einer Metamorphose, also von einer Verwandlung, einer Gestalt in eine andere Form erzählen. Das ist ein ganz fabelhaftes Buch, das steckt voller Rätsel und Geheimnisse und Wunder. Und gleichzeitig aber ist es auch ein Buch, in dem ganz oft Frauen von Männern gejagt werden, ihre Stimme verlieren und in Steine, Wasser und Tiere verwandelt werden. Und auch darin ist Ovid besonders zeitgenössisch. Die Darstellung patriarchaler Gewalt bei Ovid ist nämlich ein Problem, mit dem man wirklich umgehen muss. Das Schöne an dem Text ist aber auch, dass er uns all die Mittel an die Hand gibt, die wir brauchen, um die Welt auf eine völlig andere Weise anzugehen. Und deshalb ist es auch so reichhaltig und nützlich, mit so einem Schriftsteller wie Ovid zu arbeiten.

Nadja:
Da hören wir doch gleich mal rein.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Das Hörbeispiel, was wir gerade gehört haben, das war Anne Haug in ihrer Rolle als zornige, misogyne Gottheit Iuppiter.

Kris:
Ja, Iuppiter ist sozusagen der Regisseur des Götterhimmels, der allmählich die Kontrolle verliert, weil seine Kollegen aufbegehren. Und durch diese Gegenbesetzung von Iuppiter als weiblicher Darstellerin, aber auch durch das Stilmittel der Übertreibung können die patriarchalen Verhaltensmuster auf humorvolle und komische Art und Weise blossgestellt werden, von denen ich schon gesprochen habe.

Nadja:
Also du hast ja auch schon gesagt, wieviel Material das ist, diese Metamorphosen. Und ausserdem sind diese Geschichten von Ovid ja auch nicht für die Bühne geschrieben. Warum habt ihr euch denn gesagt «das müssen wir auf die Bühne bringen»?

Kris:
Also für uns Theatermacher ist so eine Sammlung von Verwandlungsgeschichten als Material und Vorlage natürlich interessant, weil genau darum geht es ja im Theater, um die Kunst der Verwandlung. Und die vielen Geschichten, die sind für uns das Material, um die spielerisch ins Werk zu setzen. Für uns war aber auch wichtig, dass wir nicht nur die einzelnen Episoden zum Ausgangspunkt nehmen, wie das in der Rezeptionsgeschichte oft geschehen ist, sondern wir wollten auch den Gesamtzusammenhang des Werkes nicht aus dem Auge verlieren. Also im Gesamtzusammenhang betrachtet erzählt Ovid die Geschichte der Welt von seinen mythologischen Ursprüngen, also der Entstehung der Welt aus dem Chaos bis in die römische Kaiserzeit. Das ist die historische Gegenwart des Autors. Das ist so der Faden, der die einzelnen Geschichten so lose miteinander verknüpft. Wir haben also die Episoden, die erzählen von lustigen, traurigen, fürchterlichen und glücklichen Einzelschicksalen, die alle am Faden der von Helden und grossen Männern geschriebenen Geschichten so aufgereiht werden. Der Regisseur Antú Romero Nunes hat es einmal ganz treffend formuliert, als er sagte «Ovid erzählt, was so rechts und links von der Weltgeschichte passiert», und wir wollten diesen Faden wieder aufnehmen und ihn bis ins Heute verlängern.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Die Szene, die wir gerade gehört haben, das ist Aenne Schwarz als Morpheus. Und solche Monologe gibt es immer wieder im Stück. Das Geschichtenerzählen ist ein ziemlich zentraler Aspekt dieser Inszenierung, oder?

Kris:
Ja, das war eine sehr wichtige Fragestellung. Also warum erzählen wir uns Geschichten? Und was passiert, wenn wir uns Geschichten erzählen? Das Erzählen, das ist ja ein ganz paradoxer Vorgang. Denn einerseits erzählen wir uns Geschichten, um uns in der Welt zu orientieren und um Wirklichkeit zu erzeugen. Und auf der anderen Seite gibt es aber eben auch diese Momente, in denen wir merken, dass diese Geschichten, die wir uns erzählen, nicht mehr stimmen, dass wir uns also mit diesen Geschichten über die Realität hinwegtäuschen und uns abschirmen vor der Realität. Und in diesem Moment, indem wir merken, dass die Geschichten ein Schirm sind, mit denen wir uns vor der Realität abschirmen, entsteht die Vermutung, dass etwas dahinter liegt. Hinter diesem Schirm etwas viel Reales, Wirkliches, Authentisches. Und das ist dann der Beweggrund dafür, dass wir anfangen, den Schirm zu zerreissen, um in dieses Unbekannte zu treten und eine neue Wirklichkeit zu erfahren. Noch dort fangen wir wieder an, uns Geschichten neu zu erzählen, eine neue Wirklichkeit zu konstruieren, bis auch diese Wahrheit wieder schal geworden ist und wir wieder anfangen, den Schirm zu zerreissen. Und dieses Prinzip von einer Wirklichkeit in die andere zu morphen, zu wechseln, ist das strukturierende Prinzip des Abends geworden.

Nadja:
Das sind ja geradezu intellektuelle Untiefen, die uns dieses Stück führt. Du hast vorhin ein paar der wenig erbaulichen Motive erwähnt, also Ovids Umgang mit seinen weiblichen Figuren. Beispiel Wie inszeniert man solchen Stoff auf visueller Ebene? Kannst du uns etwas zum Bühnenbild sagen?

Kris:
Also die Bühne ist von Matthias Koch und Matthias Koch macht allein durch den Einsatz von Licht ganz tolle Bühnenbilder. Eigentlich möchte ich auch nicht so viel verraten von dem Bühnenbild. Vielleicht so viel: Es verwandelt sich wie auch die Spielweisen, weil wir wechseln von einem Genre ins nächste.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Das war ein Ausschnitt, bei dem ein Götterrat zusammensitzt und diskutiert. Das sind sehr viele Stimmen, viele Figuren. Wie habt ihr das alles auseinander sortiert, was Ovid in diesen tausenden Seiten geschrieben hat?

Kris:
Also wir haben uns ganz zentralen Aspekt des Erzählens herausgearbeitet und als wir angefangen haben, das Stück zu entwickeln, haben wir auch erst einmal versucht, die ganzen Geschichten nachzuerzählen. Das Werk besteht ja aus 15 Büchern und ungefähr so viele Schauspieler und Schauspielerinnen stehen ja auch auf der Bühne. Und jede Spielerin und jeder Spieler hatte vor Probenbeginn ein Buch bekommen, das er den anderen vorstellen musste. Und nach einer Woche waren wir so vollgeladen mit Geschichten. Jeder kannte mindestens vier oder fünf Geschichten, gut genug, um damit arbeiten zu können. Wir sind also auf die Bühne gegangen und haben angefangen zu improvisieren. Und weil diese Geschichten ganz oft ähnliche Konstellation mit verwandten Handlungsstrukturen haben, die sich wiederholen und variieren, konnte jeder, sobald einer auf der Bühne angefangen hat, eine Geschichte zu erzählen. Durch die Improvisation immer einen Punkt finden, an dem er dann einhaken konnte, um sich dann mit dieser Geschichte zu verweben. Und auf diese Art und Weise haben wir also nicht nur angefangen, die Metamorphosen nachzuerzählen, sondern uns das Prinzip der Metamorphosen zu eigen gemacht und die Geschichten verändert und miteinander vermengt und eigene Geschichten erfunden.

Nadja:
Heißt das, dass alle Schauspieler:innen auch an der Bühnenfassung mitgearbeitet und mitgeschrieben haben?

Kris:
Ja, genau. Das ist eine Stückentwicklung, an der eigentlich alle als Autoren mitgewirkt haben. Deshalb haben wir es ja auch ein Ensemblestück genannt.

Nadja:
Nun, bei so viel episodischem Material muss man ja irgendwie darauf achten, dass man sein Publikum nicht mit Inhalt überfrachtet. Ihr habt als verbindendes und sinnliches Element auch viel mit Musik gearbeitet. Lass uns mal das musikalische Leitmotiv anhören. 

[Ausschnitt aus dem Stück]

Diese Melodie taucht im Laufe des Abends immer wieder auf. Das ist ein bisschen wie eine Titelmelodie einer Serie, die alle Episoden zusammenbindet. Welche Rolle schreibst denn du diesen Kompositionen zu?

Kris:
Also die Musik spielt eine ganz zentrale Rolle. Ovid versteht das Ganze der Metamorphosen als ein Gesang. Das Werk umfasst ca. 12000 Verse und Ovid nennt es ein Carmen Perpetuum, das es ein unendliches, niemals endendes, stetig neu ansetzendes Lied. Das ist ein Kerngedanke von Ovid und Antú Romero Nunes, der Regisseur des Abends, hatte ganz früh die Idee, dass die Spieler und Spielerinnen den ganzen Abend über ein Lied singen. Und die beiden Komponisten des Abends, Anna, Bauer und Johannes Hoffmann, haben daraufhin einen Soundtrack geschaffen, der unter dem ganzen Abend liegt und ihn strukturiert. Und dieser Soundtrack arbeitet mit den Mitteln der Wiederholung und der Variation. Bestimmte Motive und Muster kehren zurück, setzen wieder ein und verändern sich. Wir gehen sozusagen in Wellenbewegung durch den Abend. Und ein weiteres wirkliches Highlight des Abends sind aber vor allem die zahlreichen Songs, die Anna Bauer komponiert und getextet hat. Ich persönlich finde die so toll, man müsste eigentlich ein Album draus machen und finde auch, dass ich allein für diese Songs der Besuch bei uns am Theater schon lohnt.

Nadja:
Also du sprichst gerade von den zahlreichen Songs, die die Schauspielerinnen und Schauspieler zum Besten geben. Da sind auch ein paar stimmliche Überraschungen dabei, wie z.B. der ‹Song Boy Who Swallowed the Moon›, gesungen von Jonas Dassler.

[Ausschnitt aus dem Stück]

Nadja:
Das geht tief. Du hast ja jetzt die Musik schon als Highlight hervorgestrichen. Was gibt es denn noch für Gründe, warum man sich diese Inszenierung unbedingt ansehen sollte?

Kris:
Ich finde, das ist nicht nur ein sehr unterhaltsamer Abend geworden, sondern auch ein Abend, der einen das Staunen wieder lehrt. Und das Staunen ist ja bekanntlich die Voraussetzung für ein selbstständiges Denken. Ausserdem sehen Sie an diesem Abend ein Ensemble von 14 herausragenden Spielern und Spielerinnen und jeder einzelne hat ganz starke Glanzmomente. Und ich bin ganz sicher, dass man sich an dem Abend wirklich mehrfach verlieben kann. Das Faszinierendste an diesem Abend ist aber meiner Meinung nach die Art und Weise des Zusammenspiels. Das lässt sich gar nicht gut beschreiben. Das ist etwas, das zwischen den Spielern und Spielerinnen entsteht. Und das passiert wirklich nicht oft. Das ist zumindest mein Eindruck. Aber wenn es passiert, dann entsteht manchmal etwas, das grösser ist als die Beteiligten selbst. Und das ist Magie.

Nadja:
Das können wir doch wunderbar als Schlusswort stehen lassen und entlassen möchten wir unsere Hörerinnen nochmals mit etwas Musik aus dem Stück. Wir hören Nairi Hadodo mit ‹Niobe’s Requiem/Medea›.

«Metamorphosen» können Sie in der Spielzeit 21/22 ab dem 21. August im Schauspielhaus sehen. Das Stück dauert drei Stunden dreissig Minuten und es hat eine Pause. Mehr Infos gibt’s auf unserer Webseite. www.theater-basel.ch