Nadja
Hallo, willkommen zum Podcast vom Theater Basel. Das hier ist die Einführung zum Mitnehmen für alle, die sich unterwegs informieren möchten über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus. In dieser Folge wird es um ein Handlungsballett auf der Grossen Bühne gehen, nämlich ‹La fille mal gardée›, neu choreografiert von Jeroen Verbruggen. Thomas Herzog und Georg Köhler dirigieren das Sinfonieorchester Basel. Ich heisse Nadja Camesi und mit mir hier sitzt Sarah Brusis Ballettdramaturgin am Theater Basel. 

Hallo Sarah!
Hallo Nadja!

Nadja:
Lass uns gleich mal die Geschichte von La fille mal gardée Revue passieren lassen. Worum geht es im Originalstoff?

Sarah:
Es geht primär um Lise. Das ist eine kecke Bauerntochter und die pflegt eine geheime Liebschaft mit dem armen Bauernjungen Colas. Das gefällt aber ihrer Mutter Simone gar nicht. Die hat nämlich andere Pläne mit ihrer Tochter. Simon ist Witwe und für eine Bäuerin, relativ reich, eine strenge Mutter und was die Zukunft ihrer Tochter angeht, sehr ambitioniert. Sie will nämlich Lise nicht ganz ohne Hintergedanken an den Sohn des reichen Winzers Tomas verheiraten: Alain, ein weltfremder, tollpatschiger, nicht besonders attraktiver und ziemlich seltsamer Kauz. Es geht aber da natürlich alles schief, weil Lise gar kein braves Mädchen ist. Gerade in dem Moment, als es ums Unterzeichnen der Ehepapiere geht, wird Lise mit Colas im Schlafzimmer erwischt. Tja, was bleibt dann da der Mutter anderes übrig, als nachzugeben? Angesichts dieser Lage willigt sie dann doch ein, dass Lies anstatt den Reichen allein ihren geliebten Cola heiratet. Alain und Tomàs verschwinden wutentbrannt und es wird eine fröhliche Hochzeit gefeiert.

Nadja:
Das klingt ja erst mal schon sehr traditionell und altbekannt. Was hat denn dieses Stück an sich, dass man es seit Jahrhunderten aufführt und auch weiterhin auf die Bühne bringt?

Sarah:
Ja, der Stoff ist tatsächlich sehr alt. Also es ist das älteste Handlungsballett, das bis heute aufgeführt wird. Die Uraufführung war sogar zu Beginn der Französischen Revolution 1789 in Bordeaux. Das Libretto und die Choreografie sind von Jean Bercher Dauberval. Das Revolutionäre daran ist, dass es eine Komödie ist, eher untypisch für Handlungsballette klassischer Art und was auch ungewöhnlich ist: Es gibt keine Märchen, Parallelwelt, keine Götterwelt. Es spielt auch nicht von Adligen, sondern vom ganz einfachen Bauernvolk und dem realen Leben. Und der ursprüngliche Titel war auch nicht La Fille mal gardée, sondern ‹Le Ballet de la paille, ou il n’est qu’un pas du mal au bien›. Also ein wahnsinnig langer Titel.

Nadja:
Und die Übersetzung davon, kurz dazwischen geschoben, ist ‹Das Strohballett, oder: es ist nur ein kleiner Schritt vom Bösen zum Guten›.

Sarah:
Also ziemlich philosophisch auch und eben das Strohballett im Sinne von das Ballett direkt aus dem Volk, aus dem Bauernvolk. Die Inspiration für das Stück oder das Libretto hat J ein Gemälde entnommen von Pierre-Antoine Baudouin. Und darauf ist ein Mädchen abgebildet, das von ihrer Mutter gescholten wird, während im Hintergrund ihr Liebhaber sich davonstiehlt. Und deswegen kam wahrscheinlich auch danach dann der Titel La fille mal gardée und das geht wahrscheinlich auf dieses Gemälde zurück. Die ursprüngliche Musik war aber kein zusammenhängendes Werk, sondern ein sogenanntes Pasticcio, also eine Zusammensetzung von verschiedenen, bereits existierenden Melodien, also Volkslieder und Melodien und andere populäre Musikstücke. Und die hat ein gewisser Franz Ignaz Beck zusammengestellt für die Uraufführung. Dann gab es aber später auch mehrere Anpassungen der Musik, und eine sehr bekannte, noch bis heute verwendet, ist die von Louis Joseph Ferdinand Herold. Die wurde 1828 komponiert und es gibt auch noch eine Bearbeitung, die man heute vor allem noch kennt von John Lanchberry. Die hat er für Frederick Ashtons Choreografie gemacht, die 1960 am Royal Ballet in London uraufgeführt wurde. Und die ist auch bis heute noch sehr bekannt und populär wird auch von vielen Ballettinstitutionen überall auf der Welt noch getanzt. Und ich glaube, das ist auch, weil die so humorvoll und so ein bisschen slapstick-artig, fast ein bisschen Disney-artig ist. Eine weitere sehr berühmte choreografische Version hat Heinz Spoerrli hier in Basel 1981 mit der damaligen Ballettkompanie kreiert. Und dafür hat er dann die musikalische Version von Herold vermischt mit der von Peter Ludwig Hertel. Jetzt in dieser Version hier von Jeoren Verbruggen, wird aber die Version von Herold überarbeitet von Lanchberry, also die Ashton-Version, verwendet.

Nadja:
Da hören wir doch gleich mal kurz rein. 

[Musik]

Nadja:
Sarah, du hast gerade schon erzählt, wie viele Versionen von diesem Ballettstück es gibt und welche wir jetzt hier in Basel hören. Wie hat sich das denn im Stück, das wir am Ende fertig auf der Bühne sehen, so niedergeschlagen, wie es der Choreograf vorgegangen?

Sarah:
Ja, Verbruggen ist eigentlich sehr nah an dieser originalen Version geblieben hat auch sogar so eine Aufnahme, die Langberry selbst dirigiert hat, als Vorlage genommen und wollte auch, dass Thomas Herzog, der musikalische Leiter, bei den Tempi und bei der Dynamik, so nah wie möglich an dieser Version bleibt. Er hat, glaube ich, ein paar Kürzungen und leichte Verschiebungen gemacht, aber wirklich nur sehr minim, damit er bei seiner Storyline bleiben konnte. Etwas, was aber ein bisschen auffällig ist: Er hat zwischendurch die Musik unterbrochen und arbeitet dann mit Vogelgeräuschen und Wassergeräuschen, die die Musik sozusagen ablösen. Das bringt uns dann in so ein bisschen ein realistischeres Setting. Können wir vielleicht auch mal noch kurz ein Ohr davon nehmen?

Nadja:
Gerne.

[Geräusche]

Nadja:
Das waren die Naturgeräusche, die da eingeflochten wurden.

Sarah:
Ja. Aber abgesehen davon ist auch die Choreografie sehr neu und contemporary, also nicht wie dieses klassische Handlungsballett. Und auch die Story hat er etwas modernisiert und auf heute übertragen.

Nadja:
Genau. Verbruggen ist ja nicht ganz bei dieser traditionellen Geschichte geblieben. Statt des heimlichen Geliebten Colas sehen wir, dass sich Lise eigentlich in ihre beste Freundin Colette verliebt. Und es gab auch noch ein paar andere Anpassungen, mit der die Geschichte in die Gegenwart geholt wurde.

Sarah:
Genau. Also das Motto von Jeroen war eigentlich «lets queer it up!» Das war so ein bisschen sein Ansatz und er hat dann auch gedacht, dieses Thema der arrangierten Hochzeit, diese geheime Liebschaft, wie kann man das ein bisschen mehr auf heute übertragen und dachte sich: Nehmen wir doch einfach dieses Geldargument raus und ersetzen es mit dem Thema sexuelle Orientierung oder auch Erwartungen diesbezüglich, dass die Mutter nicht den Colas auswählt wegen seinem Geld, sondern eigentlich weil sie einfach möchte, dass ihre Tochter einen Mann heiratet und auf keinen Fall eine Frau. Ja und dann entfernte er das eigentlich ein bisschen von dieser Klassengrenzen Thematik zu diesen Erwartungen betreffend sexuelle Orientierung. Und es gibt auch so eine ganz berühmte Szene im Original, «Der Sturm», der auch so ein bisschen den dramatischen Höhepunkt darstellt. Bei der ersten Version zum Beispiel fliegt da dann auch der Erzähler Alain mit seinem Regenschirm davon, vom Wind getragen sozusagen. Und hier ist aber dieser Sturm so ein bisschen wie ein Bild für das Coming-out von Lise. Und das wird dann auch die ganze Bühne mit so pinkem Schaum überschwemmt und sehr bombastisch und sehr verbildlicht, dieses Psychologische. Ja, vielleicht können wir da auch mal reinhören, wie das klingt.

Nadja:
Ja, unbedingt. 

[Musik]

Nadja:
Und dann gibt es noch eine zentrale Figur, die auch ein bisschen angepasst wurde?

Sarah:
Genau, die Mutter, die Mutter Simone, die wird ja in der traditionellen Version von einem Mann getanzt. Das soll dem auch so ein bisschen etwas humorvolles, Slapstick-artiges oder Überzeichnetes geben. Jeroen wollte sie aber bewusst hier mit einer Frau besetzen, weil er auch irgendwie der Meinung ist, dass man das heute jetzt nicht mehr unbedingt machen sollte oder nicht mehr machen kann. So ein Mann spielt eine Frau, damit es lustig ist oder nur damit es lustig ist. Aber dennoch spielt er schon sehr mit diesen Gender-Klischees und überzeichneten Genderrollen. Diese Mutter hat nämlich eben auch so vergrösserte Brüste und einen riesigen Hintern und kokettiert auch ein bisschen damit. Sie verliert dann aber ihre Brüste im Sturm. Er bricht das dann auch wieder und im Sturm verliert sie auch sowieso ein bisschen so ihre Kontrolle. Weil das ist ja eine sehr strenge Mutter, die alles immer kontrollieren möchte. Aber im Sturm wird sie dann auch so ein bisschen von ihren fixen Ideen, was ihre Tochter betrifft, gedriftet sozusagen.

Nadja:
Und dann gibt es noch eine Vogelscheuche…

Sarah:
Genau, die Vogelscheuche, die hat Jeoren dazuerfunden. Die gibt es so nicht im Original. Und das kam daher – Alain ist im Original immer so ein bisschen obsessed, könnte man sagen, mit einem Regenschirm, den er immer dabei hat und nicht verlieren möchte. Und das wollte er nicht machen, dieses klassische Bild. Und er dachte sich: Warum nehmen wir da nicht einfach eine Art Figur? Und die Vogelscheuche ist ja dann so ein Zwischending zwischen Figur und Objekt und passt natürlich auch sehr gut in dieses ländliche Setting rein. Das ist auch ein bisschen so wie ein Freak, wo man irgendwie nicht so ganz weiss – gehört die zu der Gesellschaft dazu oder nicht? Und Alain ist auf jeden Fall sehr fasziniert von ihr und beschäftigt sich auch die ganze Zeit mit ihr und möchte irgendwie rausfinden, ob das lebendig ist oder nicht. Und die Vogelscheuche interessiert sich vor allem sehr für Alain und es entsteht dann so eine Art Beziehung zwischen denen. Man könnte also auch sagen, dass diese Vogelscheuche ein bisschen ein Bild ist für das Anderssein oder das nicht Reinpassen in die Gesellschaft, was ja sowohl Lise als auch Alain erfahren in diesem Stück.

Nadja:
Du hast vorhin das Bühnenbild schon ein bisschen angedeutet, also rosa Schaum, der rumfliegt überall. Was kannst du uns denn zur Ästhetik erzählen? Wie sieht die Bühne aus? Wie sind die Kostüme?

Sarah:
Der Ausgangspunkt war natürlich das Landleben. Irgendwie so ein Setting auf dem Feld, Bauernhof. Aber sie dachten sich, sie wollen nicht so in diese klassische Schiene gehen, sondern so ein bisschen mehr die industrielle Note von der Landwirtschaft betonen. Deswegen gibt es eben zum einen so in Plastik verpackte Heuballen, die in Pink sind und aus Plastik. Wenn man die aufschneidet, kommt so das Pinke hervor. Dann gibt es auch noch eine Windmühle, die manchmal ganz klein ist und manchmal ganz gross. Da wird auch so ein bisschen mit diesen Grössenverhältnissen gespielt. Es gibt so ein bisschen so was Surrealistisches. Und aus dieser Windmühle kommt auch eine riesige Picknickdecke heraus, die sich dann so wie so ein Feld über das ganze Bühnenbild erstreckt. Und das ist auch ein bisschen ein Bild für diesen gesellschaftlichen Meeting Point, wo Leute zusammenkommen und sich sozialen Konventionen unterwerfen, wie man sich zu verhalten hat bei so einem Picknick, welche Volkstänze man macht und so weiter. Genau. Da gibt es diesen pinken Schaum, den du erwähnt hast. Der sieht so ein bisschen aus wie so pinke Marshmallow-Würfel und die fallen dann auf die Bühne runter im Sturm eine Art wie Regen oder das sieht auch ein bisschen aus wie so Korn auf dem Bauernhof, aber halt pink und viereckig. Und es ist ein bisschen ein Bild, glaube ich für das Coming-out von Lise. Da entlädt sich so die ganze Frustration und Wut, die sich angestaut hat und das Echte kommt sozusagen hervor, wie bei den Heuballen auch das Pinke zeigt sich irgendwie so. Und das Lustige ist auch, dass ab diesem Moment die ganze Bühne verwandelt, ist vielleicht auch wie bei einem Coming-out, das man dann auf einmal die ganze Umgebung anders sieht. Man sieht sich anders, man sieht seine Umgebung anders, man wird anders gesehen und man bewegt sich so ein bisschen auf einem unsicheren Terrain in diesem Marshmallow-Boden, was auch etwas sehr befreiendes, beflügeltes hat und Spass machen kann, da herumzutollen in diesen Marshmallows, aber halt auch etwas ein bisschen destabilisierend ist.

[Musik]

Nadja
Und warum soll denn Basel oder sollen wir uns dieses Stück unbedingt angucken?

Sarah:
Für Basel ist natürlich toll, dass dieses Stück jetzt zurückkommt nach 40 Jahren von der Spoerrli Version 1980. Dort hat er den Fokus auch stark auf diesen historischen Kontext der Französischen Revolution gelegt. Also einmal singen die Tänzerinnen dieses Carmagnole, dieses revolutionäre Lied. Und es gibt auch mal Revolutionäre, die hereinstürmen und darüber diskutieren, wer jetzt geköpft werden soll. Das wird dann aber vom Sturm unterbrochen und es scheint auch so ein bisschen so, als ob die Landleute sich da nicht so richtig dafür interessieren und das Landleben eigentlich so bleibt, wie es ist. Und vielleicht könnte man sich jetzt auch fragen heute, in welcher Revolution stecken wir denn jetzt? Es ist auch immer schwierig, das so aus der Gegenwart zu beurteilen. Aber ich glaube schon, dieses Thema, was Jeroen hier anspricht, ist sehr aktuell, das Thema Gender, das Thema sexuelle Orientierung in punkto Umgang mit der Sprache oder der Akzeptanz von unterschiedlichen Orientierungen. Vielleicht hatte auch die Revolution, die sexuelle Revolution der 68er Jahre ein bisschen Vorarbeit geleistet. Immerhin können ja jetzt in der Schweiz alle, also auch gleichgeschlechtliche Paare, heiraten. Ich würde sagen, das ist schon mal ein Fortschritt!

Nadja:
Und ein neuer Fortschritt, da ist das Timing um so besser gerade. Mit welchem Gefühl geht man denn aus diesem Abend heraus?

Sarah:
Was mir persönlich sehr gut gefällt ist, dass diese Themen ja sehr wichtig sind und sehr präsent sind, aber keineswegs moralisch oder bedrückend rüberkommen, sondern es bleibt alles sehr spielerisch und humorvoll, teilweise auch ein bisschen zynisch vielleicht. Und auch diese absurden, skurrilen Momente mit dem pinken Schaum im Bühnenbild, zum Beispiel dieser Marshmallow-Boden, auf dem sich die Figuren dann so unsicher bewegen nach dem Sturm, das hat auch etwas sehr Unterhaltsames und ich finde es auch wirklich sehr berührend, diese Liebe der zwei Frauen. Weil ich finde, es ist sehr ästhetisch dargestellt, aber trotzdem nicht kitschig oder klischeehaft, sondern sehr echt. Ich finde, das wirklich sehr gut getroffen. Vielleicht ist ja auch die Frage in unserer Gesellschaft viel wichtiger, was denn eigentlich wahre Liebe ist, habe ich manchmal das Gefühl. Das geht dann fast so ein bisschen unter in diesem ganzen Urwald von diesem Gender-Diskurs. Das klingt jetzt ein bisschen einfach, aber ich finde, das auf jeden Fall die in dieser Darstellung der beiden Frauen sehr gut getroffen. Dieses wahre Liebespaar, so bisschen aller nach dem Motto «Love is love.»

Nadja:
Das ist doch ein schönes Schlussstatement. Vielen Dank für diese Einführung, Sarah.

Sarah:
Danke dir für das Gespräch.

Nadja:
La fille mal gardée können Sie während der ganzen aktuellen Spielzeit auf der Grossen Bühne sehen. Das Stück dauert eine Stunde 45 Minuten mit Pause. Mehr Infos gibt es auf unserer Website www.theater-basel.ch