Stückeinführung


Nadja Camesi:
Willkommen zum Einführungs-Podcast vom Theater Basel. Mit diesem Podcast können Sie sich wann und wo Sie möchten über unsere Stücke auf der Grossen Bühne und im Schauspielhaus informieren. Heute haben wir für Sie eine Folge zum Tanzstück ‹Grand Finale› vom Choreographen Hofesh Shechter. Mehr dazu weiss die Ballett-Dramaturgin Sarah Brusis. Ich heisse Nadja Camesi. Hallo, Sarah.

Sarah Brusis:
Hallo, Nadja.

[Musik aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Ja, wir fangen ganz basic an: Was ist denn speziell an diesem Stück und was hat es für eine Geschichte?

Sarah Brusis:
Ja, es ist ein sehr erfolgreiches Stück und ich würde auch sagen, es zieht einen sehr in den Bann. In einer Kritik wurde es auch als «Urknall aus Tanz und Musik» beschrieben und ich finde, das bringt es ziemlich gut auf den Punkt. Das Stück wurde auch generell von den Kritiken sehr gelobt. 2017 wurde es auch für den Olivier Award als beste neue Tanzproduktion nominiert und in der deutschen Fachzeitschrift TANZ zum Stück des Jahres 2018 gekürt. Das Stück wurde ja bereits 2017 in Paris uraufgeführt und ursprünglich von der Hofesh Shechter Company getanzt. Es ist also eine Übernahme hier am Theater Basel. Und das Ballett Theater Basel ist auch bisher das einzige Ensemble, welches das Stück tanzt, ausser der Hofesh Shechter Company. Hier in Basel hatte es vorletzte Spielzeit Premiere, also im April 2021 im Rahmen von ‹Ballett auf allen Bühnen›. Das war ein Format für das 20-jährige Jubiläum von Richard Wherlock. Und aufgrund des grossen Erfolgs auch hier in Basel wird es nun diese Spielzeit wieder aufgenommen.

[Musik aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Hofesh Shechter ist ja jetzt in der zeitgenössischen Tanzwelt überhaupt kein unbekannter Name. Was zeichnet denn seinen Stil und seine Arbeit aus?

Sarah Brusis:
Ja, Hofesh Shechter kreiert bei seinen Stücken jeweils nicht nur die Choreographie, sondern auch die Musik, wobei er in seine Klangwelt teilweise auch bereits existierende Melodien mischt. Das ist zum Beispiel etwas, was sehr besonders ist bei seinem Stil. Und das trifft auch hier auf ‹Grand Finale› zu. Neben seinem Tanzstudium und seiner langjährigen Erfahrung als Tänzer unter anderem bei Batscheva Dance Company, studiert er nämlich auch Schlagzeug und Perkussion in Tel Aviv und Paris. Und bereits mit seiner ersten choreografischen Arbeit, Fragments hiess die, für die er auch die Musik kreierte, gelang ihm der Durchbruch und seither choreographiert er weltweit. Und 2008 hat er dann auch seine eigene Company gegründet, in London, die Hofesh Shechter Company, die nun auch sehr erfolgreich ist. Seine Stücke, die zeichnen so eine gewisse Totalität aus, das heisst eine Ganzheitlichkeit. Choreographie und Licht und Musik, aber auch die Bühne und die Kostüme sind sehr eng miteinander verbunden, sie komplementieren sich gegenseitig. Also das eine funktioniert wie nicht ohne das andere. Und das gilt auch für das Tanzensemble: Es gibt eine enorme Verbundenheit der Tänzer und Tänzerinnen und die Körpersprache hat auch eine Ganzheitlichkeit in dem Sinne, dass alle Körperteile gleichermassen eingebunden sind und sich die Tänzer und Tänzerinnen auch enorm verausgaben, körperlich und emotional. Und dabei hat aber auch jeder Tänzer und jede Tänzerin einen ganz individuellen Ausdruck und es gibt auch innerhalb der Stücke sehr viel Raum für persönliche Interpretation, was nicht nur für die Tänzer und Tänzerinnen gilt, sondern auch für das Publikum. Also man kann sagen, seine Stücke sind sehr intensiv energetisch und gehen wirklich unter die Haut.

[Musik aus dem Stück]

Nadja Camesi: In der Süddeutschen Zeitung wurde Hofesh Shechter auch schon beschrieben als unbarmherziger Beobachter dieser Gegenwart.

Sarah Brusis:
Ja, das stimmt. Und ich finde, seine Stücke sind auch wirklich auf eine gewisse Weise politisch und öffnen einem die Augen über gesellschaftliche Dynamiken, über die Menschen und ihre Abgründe. Aber dabei beziehen sie sich jetzt nicht direkt auf ein konkretes politisches Ereignis, sondern fangen vielmehr eine Grundstimmung ein, die sich auch auf vieles übertragen lässt oder zeigt, was in unserer Welt geschieht. Und er lässt sich auch jeweils von Phänomenen in seinem Umfeld oder in seiner Zeit beeinflussen, die ihn nicht loslassen.

Nadja Camesi:
Und was ist denn das im Beispiel von ‹Grand Finale›? Was ist da das Motiv oder das Thema?

Sarah Brusis:
Ihn interessierte es, wie die Menschen auf Krisen reagieren. Und ihm fiel auf, dass es in chaotischen und unruhigen Zeiten so ist, dass die Menschen zwar einerseits in Panik verfallen und dann auch schnell das Ende der Welt voraussehen, dass aber andererseits dieser Ausnahmezustand auch ein bisschen zelebriert wird, fast als hätte es etwas Feierliches an sich. Und dieser Widerspruch, der interessierte ihn und das ist auch ein bisschen das Grundmotiv in ‹Grand Finale›, was sich durchzieht. Also ‹Grand Finale› befasst sich mit dem Zu-Ende-gehen der Dinge in einer instabilen Welt. Und es ist ein gewaltiges Finale, das sowohl feierlich als auch düster und abgründig ist.

Nadja Camesi:
Wir hören noch mal rein ins Stück.

[Musik aus dem Stück]

Sarah Brusis:
Ja, wir befinden uns hier in einer Welt im freien Fall, in denen die Körper in völliger körperlicher Verausgabung ihrem eigenen Untergang entgegen hetzen. Wir sehen verzweifelten Menschen zu in einer chaotischen Welt, die im Begriff ist unterzugehen oder in der zumindest alle davon ausgehen, dass sie demnächst untergeht. Und dabei durchlaufen die Tänzer und Tänzerinnen ganz unterschiedliche Stufen, Emotionen und Zustände, die auch extrem schnell umschlagen und teilweise auch in sich selbst etwas sehr kontrastreiches haben. So schwenken sie von zärtlicher Liebkosung oder innere Ruhe und Sich-gegenseitig-helfen in exzessive rituelle Totentänze und gewaltvolle Kämpfe um. Oder exzessives Feiern geht auf einmal in grössenwahnsinnige Selbstermächtigung über. Also ganz düstere Szenen wechseln sich auch mit absurden und humorvollen Momenten ab. Und teilweise sind da auch sehr konkrete, aber oszillierende Bilder dabei. Zum Beispiel sieht man eine standbildartige Kriegsszene, die aber zugeschneit ist und dadurch wirkt sie auf einmal wunderschön oder fast romantisch. Zum Beispiel schleppen die Tänzer und Tänzerinnen auch oft Leichen umher, die immer wieder lebendig werden und dann wieder leblos zusammensacken. Und mit denen tanzen sie dann auch auf einmal fröhlich und feierlich zu einer Walzermusik aus der Operette ‹Die lustige Witwe›. Vielleicht können wir da auch kurz reinhören.

[Walzermusik]

Sarah Brusis:
Hofesh Shechter spielt hier also sehr mit diesen Kontrasten und provoziert auch, indem er sehr konkrete Assoziationen weckt. Aber durch das ständige Wechseln vom einen ins andere lässt er den Zuschauern auch sehr viel Raum. Sich hier also eine eigene Geschichte dazu auszumalen.

Nadja Camesi:
Was kannst du uns zur Ästhetik auf visueller Ebene erzählen, zu diesem Stück? Was erwartet uns da? Was sehen wir?

Sarah Brusis:
Besonders ist auf alle Fälle auch das Licht. Hofesh Shechter arbeitet hier mit dem angesagten Lichtdesigner Tom Visser zusammen. Und er verwendet sehr viele Lichtkegel mit scharfen Kanten, die extrem starke und aufgeladene Bilder schaffen, also auch eine gewisse apokalyptische Stimmung. Und die beleuchten dann jeweils auch immer nur einen Teil der Bühne. Und in Kombination mit dem Bühnenbild von Tom Scutt, das aus betonartigen Wänden besteht, wird so die Bühne immer wieder neu unterteilt und es entstehen immer wieder neue Räume, aus denen dann die zehn Tänzer und Tänzerinnen auftauchen und wieder in der Dunkelheit verschwinden. Und dasselbe gilt auch für das fünfköpfige Mini-Orchester. Über den digital eingespielten Soundteppich spielt nämlich immer wieder oder fast durchgängig ein Live-Orchester. Es besteht aus zwei Celli, einer Viola, einer Gitarre und einer Trompete, wobei der Gitarrist auch mal ein Harmonium spielt und der Trompeter eine Trommel. Und das ist auch etwas, was sehr besonders ist an diesem Stück oder an der Ästhetik, dass dieses Live-Orchester, diese Liveband mit auf der Bühne ist und so eigentlich auch gewisserweise als Performande fungiert. Sie tauchen immer wieder auf hinter den Wänden und sind plötzlich wieder an einer anderen Stelle auf der Bühne zu sehen und verschwinden wieder im Nebel. Und sie sind auch ein bisschen wie der feste Anker in dieser dem Untergang geweihten Welt. Also wie die Band auf der sinkenden Titanic kann sie nichts aus der Fassung bringen und sie spielen immer weiter bis zum bitteren Ende.

[Musik aus dem Stück]

Nadja Camesi:
Und vielleicht noch zum Abschluss, abgesehen natürlich von den vielen Sachen, die du jetzt schon erzählt hast, was ist vielleicht noch so ein Knackpunkt, warum soll man dieses Stück unbedingt sehen?

Sarah Brusis:
Ja, es ist definitiv ein sehr intensives Erlebnis und ein besonderes Stück, das sowohl emotional als auch auf einer intellektuellen oder geistigen Ebene wachrüttelt. Was ich auch finde, dass das diesem Stück aussergewöhnlich gut gelingt für ein abstraktes Tanzstück. Und es ist durchaus nicht nur düster, sondern wir werden auch immer wieder mit humorvollen Momenten aufgefangen und mit einem Funken Hoffnung entlassen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man ja so schön. Und das ist vielleicht genauso ein menschlicher Grundsatz wie das immer wiederkehrende Voraussagen der Apokalypse. Und ein Untergang ist ja auch immer die Möglichkeit für einen Neuanfang.

Nadja Camesi:
Vielen Dank für die Einführung, Sarah.

[Musik aus dem Stück]

Nadja Camesi:
‹Grand Finale› sehen Sie auf der grossen Bühne noch bis zum 25. Februar 2023. Achtung, es ist ein recht lautes Stück, es werden auch Oropax verteilt. Das Stück dauert eine Stunde und 10 Minuten ohne Pause. Mehr Infos finden Sie auf www.theater-basel.ch