Kaegis Klaenge: Mit Iryna Krasnovska und Domenico Melchiorre

Kaegis Klänge. Ein Podcast des Theater Basel

Gabriela Kaegi:
Die Nase, Nos auf Russisch, so heisst eine phantastische Erzählung von Nikolai Gogol, eine durch und durch absurde Geschichte von einer Nase, die sich selbstständig macht und auf ihrem Alleingang durch die Stadt viel Stress verbreitet. Der 22-jährige Dmitri Schostakowitsch schreibt zu dieser Groteske eine laute und freche Musik. Es ist sein Opernerstling und noch muss er kein Blatt vor den Mund nehmen und kann sich lustig machen über aufgeblasene Bürokraten und Polizisten im Besonderen und über das grassierende Bürgertum im Allgemeinen. Hallo, ich bin Gabriela Kaegi, Musikjournalistin, ziemlich begeistert von der kühnen Musik dieses jungen Komponisten und ich würde mich freuen, wenn ich sie damit anstecken könnte.

[Musik]

Gabriela:
Ein Galopp taucht da plötzlich auf. Eben noch waren wir im Schlafzimmer des Beamten Kowaljow, der gerade festgestellt hat, dass ihm die Nase abhandengekommen ist. Und dann geht's im Galopp durch die Stadt und dann wieder, ohne Überleitung oder gar Vorwarnung, sind wir auch schon in der Kathedrale; oder auf einer Zeitungsredaktion; oder am Stadtrand oder beim Barbier zu Hause. Ein Plot also, der ziemlich heftige Haken schlägt. Wie kommt das? Schostakowitsch, ziemlich mittellos in diesen jungen Jahren, muss sich sein Geld im Kino verdienen, wo er am Klavier Stummfilme begleitet und welche Bewandtnis der Film mit seiner ersten Oper hat, das erklärt uns Iryna Krasnovska. Sie ist Studienleiterin und Korrepetitorin am Theater Basel und betreut seit einem halben Jahr die Produktion musikalisch. Also Irina, wie ist das mit Schostakowitsch, der Nase und dem Kino?

Irina:
Seine Kino Erfahrung merkt man, weil er hat in dieser Oper eigentlich das Prinzip der freien Montage verwendet und die Szenen in der Oper wechseln sehr schnell und quasi fast ohne Zusammenhang. Das heisst, man hat wirklich das Gefühl, es ist ein Bild nach dem anderen, es wechselt sehr schnell und auch die Szene, wo der Kowaljow ganz am Ende seine Nase wieder hat, wird auch wie nicht vorbereitet. Das heisst, er wacht plötzlich auf und die Nase ist wieder da.

Gabriela:
Auch musikalisch macht es ihm Spass, Gegensätze aufeinander prallen zu lassen. So steht Triviales neben kunstvoll Gemachtem, Lustiges neben Dramatischem. Es klingt nach Grand Opéra, dann wieder nach Volkslied. Sogar eine Balalaika kommt bei ihm vor. Er parodiert, er karikiert und meint es dabei immer todernst. Ungeachtet, sagte Schostakowitsch…

Männerstimme:
Ungeachtet der komischen szenischen Vorgänge, die Musik selbst gibt sich nicht komisch. Ich setze auf den wahren Ton, so wie ja auch Gogol alle komischen Vorgänge in seriösem Ton wiedergibt. Gogol witzelt nicht, die Musik ebenfalls nicht.

Gabriela:
Ende Zitat und Irina ergänzt:

Irina:
Zum Beispiel Ist es verrückt, wie er verschiedene Stimmungen schafft. In einem Bild zum Beispiel, ein Bild der Kathedrale, wo man am Anfang eigentlich sehr schöne, stimmungsvolle Musik hat. Und wenn der Chor einsetzt, hat man wirklich das Gefühl, eine grosse Kathedrale vor sich zu haben mit einer Kuppel.

Gabriela:
Und weil sie gerade am Klavier sitzt, spielt sie die Szene an.

[Irina spielt Klavier]
Irina:
Und dann singt der Sopran. Eine wunderschöne Melodie. Und dann bricht diese Idylle, dieses Bild, und dann kommt der Kowaljow und kommt die Nase. Ja, der Kowaljow sieht seine Nase da in der Kathedrale beten und da wird es plötzlich atonal. 

[Musik]
Irina:
Also ist die Musik ist total atonal, man kann sich fast an keiner Melodie überhaupt halten und auch die Gesangslinie von ihm ist total zerrissen. 

[Musik]
Irina:
So, das ist die Gesangslinie. Aber auch die volkstümlichen Stimmungen drinnen, denke ich, um diese Menschen, diese Russen zu zeigen, die ihnen ihren Charakter und wenn es ironisch wird, wenn er richtige Satire schreiben möchte, an ein paar Stellen, wo der Doktor zum Beispiel kommt, dann wird es plötzlich ganz tänzerisch, wie zum Beispiel hier:

[Musik]
Gabriela:
Der Doktor, will ihm also die Nase wieder anmachen?

Irina:
Er will eben nicht. Der Kowaljow möchte, dass er die Nase anmacht. Er will dafür bezahlen und so, und ist ganz verzweifelt. Und der Doktor sagt, das würde noch viel schlimmer sein, wenn er die Nase anklebt. Und er würde einfach empfehlen, auf die Heilkunst der Natur zu vertrauen und mal kalte Bäder zu nehmen, ein, zweimal in der Woche Kräuter zu trinken und so weiter. Und dann plötzlich. Die Musik ist am Anfang etwas unsicher, sozusagen etwas suchend. Und dann plötzlich wird es so, wenn es um die Natur geht und die kalten Bäder.

[Musik]
Irina:
Und so weiter. Also das ist wirklich typisch für Schostakowitschs Satire, die auch dann in seinen späteren Werken zu beobachten ist.

Gabriela:
Auch bei den Personen greift Schostakowitsch in die Vollen. Insgesamt 68 Figuren kommen und gehen in dieser Oper, treten auf, singen und reden und verschwinden dann wieder. Es gibt kleine und ganz kleine Rollen, von denen plötzlich eine im Mittelpunkt steht, obschon sie nichts mit der Geschichte zu tun hat. Es gibt jede Menge anreisende, abreisende Spaziergänger, Gaffer und natürlich Polizisten. Und selbst die Nase, die sich aus dem Staub gemacht hat und von der man eigentlich keine so rechte Vorstellung hat, wie sie tönt. Selbst die Nase hat einen Auftritt. Irina Krasnovska:

Irina:
Der Schostakowitsch hat diese Partie einem hohen Tenor gegeben In russischer Sprache ist die Nase männlich. Nos, im Russischen, das ist männlich, ein Mann, und wir machen diese Oper auf Deutsch. Und in der deutschen Sprache ist die Nase weiblich. Und wir haben einen Sänger bei uns, Hubert Wild, der das sehr toll mixen kann, der kann als Countertenor, aber auch so als Tenor kann er diese Partie auf verschiedene Arten singen, je nach Stimmung und ist dann als Frau verkleidet, sozusagen. Es ist eine kleine Überraschung. Das klingt dann sehr, sehr schrill. Die Nase kommt sozusagen durch das ganze Orchester. Da ist es eine recht schrille Partie.

[Irina singt]
Irina:
Und so weiter. Es ist eine ganz pathetische Musik, würde ich sagen. Es hat ganz, ganz viele hohe Töne.

Gabirela:
Zur Montagetechnik von Schostakowitsch gehört auch, dass er Zwischenspiele zwischen einzelnen Szenen hängt.

Irina:
Ja, die sind meistens sehr schnell, diese Zwischenspiele, nicht sehr lang. Aber da hat man die Möglichkeit, von einem Bild ins nächste zu wechseln, vor allem auch fürs Bühnenbild oder vielleicht auch das frei zu inszenieren, dass man sieht: Aha, da gibt es eine Verbindung von einem Bild ins nächste. Er hat es szenisch gedacht. Ja, auf jeden Fall.

Gabriela:
Mal ist das Zwischenspiel ein wilder Galopp, mal ein Trommelwirbel mit Fanfare, mal ein kunstvoll gemachtes Fugato. Und einmal, und darum geht es jetzt gleich einmal, schreibt Schostakowitsch eine Instrumentalnummer für Perkussion, die erste Solo-Perkussionsnummer der Operngeschichte.

[Musik]
Gabriela:
Und wie immer gibt es bei Schostakowitsch keine Petitessen. Für diese knapp 5 Minuten Musik braucht es jede Menge Instrumente und jede Menge Spielerinnen, neun Leute insgesamt. Das ist spektakulär fürs Auge und genauso fürs Ohr. 

[Musik]
Gabriela:
Darum stehe ich jetzt hier im Proberaum des Basler Sinfonieorchester vor diesen ganzen Instrumenten, Perkussionsinstrumenten und einer der Perkussionisten ist auch hier: Domenico Melchiorre. Danke, dass du dir Zeit dafür nimmst. Ja, fünf Minuten Perkussion allein in der Oper ist eine ziemlich aussergewöhnliche Sache, kann man sagen. Als Perkussionist studiert man das schon im Studium? Hat man das einfach so drauf, diese Nasen- Solonummer von Schostakowitsch?

Domenico:
Ja, dieses Solo, diese fünf Minuten Musik, die sind eigentlich von der Struktur her nicht sehr komplex geschrieben. Was es nicht einfach macht, weil es sind einfache rhythmische Motive, die ziemlich verschachtelt übereinander liegen. Das heisst, man muss sehr gut aufeinander hören und zusammenspielen als Ensemble. Aber das funktioniert sehr gut.

[Musik]
Gabriela:
Ja, 9 Perkussionisten spielen zusammen, man könnte jetzt auch mal denken: Ui, jetzt wird's laut?

Domenico:
Nein, wir können auch sehr leise. Er verlangt das auch sehr klar und wohl durchdacht.

Gabriela:
Also hatte er eine konkrete klangliche Vorstellung, wie das tönen muss…

Domenico:
Das merkt man, wenn man diese Musik spielt, aber auch, wenn man sie so in der Partitur liest.

[Musik]
Gabriela:
Also jetzt liegt hier die ganze Pracht ausgebreitet, das ist wirklich Schlaraffia, dieses Perkussions-Set, das hier herumstehet. Können wir mal ein bisschen durchgehen und du sagst uns, was es alles braucht.

Domenico:
Ja, das ist die grosse Trommel, die beginnt ziemlich laut. Ich mache jetzt mal ein bisschen sachte.

Gabriela:
Schreibt er da vor, dass du Schlegel brauchen sollst?

Domenico:
Hier steht jetzt nichts, aber man kann der Partitur entnehmen, dass man das sehr deutlich spielen muss, und das kriegt man mit sehr weichen Schlägern nicht hin. Deshalb ein bisschen dämpfen und mit dicken Schlägern und dann kommt das gut.

Gabriela:
Gehen wir zum nächsten.

Domenico:
Das wäre dann meine Stimme. Ich spiele die hängenden Becken und einfach mal, dass man das mal hört, diesen Unterschied. Er schreibt Con la bacchetta del triangolo. Das ist mit einem Triangel-Schlägel gespielt.

Gabriela:
Das heisst Metall

Domenico:
Metall, ja. Ich kann ja mal zeigen wie das klingt. Wenn man mit Metallschlägel auf dem Becken spielt, klingt das so… und wenn ich dann nachher mit weichen Schlägen spielte, klingt das dann so. Und diese Angaben, das sind wirklich klare Anweisungen und das macht das Ganze auch interessant, weil man dann die Vorstellung, die Schostakowitsch hatte, besser deuten kann.

Gabriela:
Nebendran steht..

Domenico:
…die kleine Trommel.

Gabriela:
Mit oder ohne Snare?

Domenico:
Hier mit. Die hat auf jeden Fall eine führende Funktion. Und ohne Schnarrsaite klingt es dann so. Also da merkt man ein riesen Unterschied, wenn man das gesamte Orchester anführen möchte und sie das wirklich hören müssen, dann hilft so eine Schnarrsaite sehr, weil es sehr viel knackiger und satter klingt. Und wenn man das wohl einsetzt, dann hilft das, dass man diese Stimme verfolgen kann im Ohr.

Gabriela:
Nebenan?

Domenico:
Da gibt es immer mal wieder so Schachtelungen mit einem TomTom. Das ist eine Trommel, die ist ähnlich von der Bauart wie eine kleine Trommel, ist einfach ein bisschen tiefer und hat einen runden Klang. Das tönt so.

Gabriela:
Oh, jetzt liegen hier ganz schön viele kleine Dinge liegen herum.

Domenico:
Genau, also hier haben wir dann noch Maracas. Wir haben auch Tamburin.

Gabriela:
Da ist noch ein ganz lautes Teil. Achtung, ich mache ein bisschen Distanz. Das ist eine Ratsche. Okay, das ist Fasnacht.

Domenico:
Das ist, das geht in diese Richtung. Und dann nehmen wir die Kastagnetten zum Beispiel, die kommen, die sind auch ganz knackig, die kommen da vor.

Gabriela:
Ja, es gibt noch ein Instrument, das wir noch nicht angeschaut haben.

Domenico:
Das wäre das Tamtam.

Gabriela:
Klingt so harmlos ein Tamtam, aber es ist ein riesen Teil. Sieht aus wie ein Gong, ist aber keiner.

Domenico:
Es ist wie ein Gong bearbeitet, es ist gehämmertes Metall und unter Feuer hat man das weich geschlagen, das Metall, und hat eine einen Meter grosse Fläche daraus gemacht. Und wenn man das anschlägt, gibt es eben keinen Ton wie beim Gong, sondern ein Geräusch, was man nicht einem Ton zuordnen kann, aber tiefe oder höhere Oberton-Spektren abdeckt.

Gabriela:
Es tönt nach ganz grossem Kino, der Ton. 

[Musik]
Gabriela:
Schostakowitsch geht gerne an Grenzen, hat Domenico Melchiorre über das grosse Percussions-Solo gesagt, auch seine Figuren führt er gerne an Grenzen, hat man den Eindruck. Immer wieder kommt es vor, dass sie nur mehr stottern oder lachen können. Oder dass sie in ihrer Erregung ein und dasselbe Wort immer und immer wiederholen. Zurück ins Theater Basel, wo wir von Iryna Krasnovska eine Erklärung dafür bekommen.

Irina:
Schostakowitsch wollte ein Theaterstück schreiben. Der Text ist überhaupt nicht angepasst. Jetzt sagen wir, so eine Oper, in der Form, wie wir sie kennen. Es gibt keine grossen Arien, oder die Sprache ist nicht poetisch. Er hat einfach das Libretto dann vertont, dem Sprachrhythmus nach, und ansonsten wollte er eben alle möglichen Stimmungen der Menschen zeigen und auch Hysterie. Und es gibt sehr viel Hysterie in diesem Stück. Ein Beispiel? Na ja, zum Beispiel in der ersten Szene, wo der Friseur Iwan Jakowlew die Nase findet, im Original im Brot. Die Nase von Kowaljow, und seine Frau sieht es und schreit rum sehr, sehr hoch. Es ist eine extrem hohe Partie. Also es ist wirklich ganz, ganz hysterisch geschrieben für eine hohe Frauenstimme. Bis sie dann so hysterisch singt, dass sie nur noch weg, weg, weg, weg, weg schreien kann. Drei Seiten lang. Und das klingt dann so. Ich kann es nicht singen, ich kann es aber auf dem Klavier vorspielen. Das ist sozusagen die Stimmlage und auch der Originalrhythmus. Es wird dann mit Worten gesungen, sehr, sehr anspruchsvoll und so klingt zum Beispiel die Hysterie.

Gabriela:
Ja, also, so entre nous muss man doch auch schon sagen, dass es eher eine Männeroper ist, diese Nase. Und eben wenn eine Frau auftritt, dann schreit sie schnell mal rum.

Irina:
Ja, das stimmt schon. Gut, vielleicht gibt es eine Frau, die nicht ganz hysterisch ist. Es ist die junge Tochter der Podtotschina. Das ist die Braut vom Kowaljow, die dann am Ende doch nicht Braut wird, weil er dann keine Lust hat zu heiraten. Und sie singt eine schöne Romanze, die etwa so klingt. 

[Musik]
Irina:
Das ist sehr schön, aber da geht es darum, dass die Frauen zu Hause sitzen und Karten spielen, also sozusagen in die Zukunft vorausschauen wollen. Und er war da auch ziemlich ungnädig. Im Prinzip eine Frau in dieser Oper kann entweder rumschreien oder ein bisschen kochen und dann rumschreien oder eben irgendwie zu Hause hocken, essen und so weiter. Es ist, ja, recht beschränkt.

Gabriela:
Ja, und wie hören wir jetzt mit diesem Podcast auf. Vielleicht mit einem Zitat des sowjetischen Theater- und Filmregisseurs Grigori Kojinzev, der von der Radikalität und der Frische der Musik überaus angetan war und von dem verwegenen Galopp und den tollkühnen Polkas sprach, zu denen sich die Dekorationen drehten und durcheinander wirbelten. Es war, als stürme die junge russische Kunst ins Reich der Aida und des Troubadour, und sein Text schliesst mit der Bemerkung: Alles in allem war es eine sehr lustige Aufführung. 
Sehr lustig wird es auch im Theater Basel. 
Die Nase ist zu sehen und zu hören ab dem 27. November 2021auf der grossen Bühne.