Kaegis Klaenge: Mit Dirigent Thomas Wise

Kaegis Klaenge Ein Podcast des Theater Basel

Gabriela Kägi:
Hallo! Schön, klickt mich jemand an, denn es gibt noch mehr zu erzählen von der Schauspieloper Die Mühle von Saint Pain, zu der Anna Bauer neue Musik komponiert hat. Sie hat im ersten Podcast davon erzählt. Bis vor kurzem wurde auf den Proben die Musik noch per Computer zugespielt. aber seit ca. einer Woche ist das Orchester, die Basel Sinfonietta, an der Arbeit und mit ihm der Dirigent Thomas Wise, er erzählt heute davon. Denn auch für ihn, seit bald vier Jahren am Theater Basel und vertraut mit Musiktheatern aller Art und Gattungen, ist es eine ziemlich ungewöhnliche Situation, dass er nicht von Anfang an mit einer fertigen Partitur an die Arbeit gehen kann. Die gibt es erst in Teilen, so wie auch das Stück erst in Teilen besteht und erst auf den Proben nach und nach zusammenwächst. So arbeitet eben der Regisseur Antú Romero Nunes in und mit seinem Team. Thomas Wise dazu:
Thomas Wise:
Ich habe noch nie erlebt, dass so viel herumgedreht, das so viel ausprobiert, dass so viel Ungereimt, dass so viel eigentlich, um den Kern des Stoffes zu finden, um die beste Erzählung zu finden, um das schlüssigste zu finden, um das genaueste zu finden. Ich habe noch nie erlebt, dass so lange herum, ich sage nicht gerne, dass wurde experimentiert. Aber ist es ein Suchen, ein künstlerisches Suchen mit sehr vielen verschiedenen Mitteln, das habe ich noch nicht erlebt. Tatsächlich viele verschiedene Teile. Wir haben sehr, sehr viele verschiedene Elemente und Möglichkeiten. Das macht es natürlich sehr schwer. Wir haben natürlich zu viele Elemente und wir müssen von liebgewonnenen Objekten auch Abschied nehmen. 
Gabriela:
Das tut manchmal ein bisschen weh oder?
Thomas:
Das ist ein schmerzhafter Prozess, denn wie gesagt, man hat die Dinge liebgewonnen. Man hat auch Szenen auf der Probe erlebt, die wahnsinnig lustig waren und wahnsinnig rührend und vielleicht aber gehören die nicht zur Erzählung wirklich. Und dann müssen die weichen, da muss man knallhart sein.
Gabriela:
Auch fürs Orchester läuft es etwas anders als bisher. Darum setzt Thomas Weiss erst einmal zu einer Hymne an.
Thomas:
Das erzähle ich auch sehr gerne, übrigens mit einem großen Lob an die Basler Sinfonietta, die wirklich mit großer Gelassenheit und Geduld dieses Projekt und mit großer Freude und Motivation an dieses Projekt rangehen. Die bekommen Noten von uns, die ungeordnet sind. Das heißt, man hat diese Nummer, aber man hat keine Reihenfolge. Und die wissen, dass die Reihenfolge erst mit dem ersten Orchester erste Probe kommt und proben die Musik sozusagen einfach als Einzelstücke mit mir. Also das gibt es normalerweise nicht in Betrieb. Man kommt zur Probe als Orchester, man hat seine Noten vor sich, die Reihenfolge stimmt und man spielt das. Und Protest, das ist wirklich fabelhaft.
Gabriela:
Und so tönt es von Seiten des Orchesters zu dieser etwas anderen Arbeitsweise. Daniela Müller, die Konzertmeisterin der Basel Sinfonietta:
Daniela Müller:
Dass man bei so einem Theaterprojekt nicht ein fixfertiges Notenbuch in die Hand bekommt, das ist ja irgendwie klar. Das war uns ja schon klar von anderen Projekten beim Theater. Und das ist ja immer ein Prozess, wo man flexibel bleiben muss, so dass Sachen verändert werden können. Und solange jetzt nicht die Stelle wegfällt, die man stundenlang geübt hat, ist das für uns auch kein Problem. Und sind wir auch gerne dazu bereit. Und vielleicht sind wir als Orchester, das ja sehr viel Neues und Experimentelles spielt, sehen wir da vielleicht auch nicht so heikel, sondern eher einfach wunderlich und neugierig.
Gabriela:
Sagt Daniela Müller, die Konzertmeister in der Basler Sinfonietta und sie gibt dem Dirigenten Thomas Wise die Blumen gleich zurück.
Daniela:
Und es gibt auch noch einen weiteren Grund, warum wir uns vielleicht speziell gerne darauf einlassen. Das ist natürlich mit Thomas zu arbeiten ist auch wirklich sehr toll, weil man spürt, wie er mit Leib und Seele dabei ist und dann geht man selber auch gerne sein Bestes.
Gabriela:
Indes ganz so ungewöhnlich oder neu ist ja eigentlich dieses prozessorientiert der Arbeiten, wie man heute wohl sagen würde, ja gar nicht. Thomas Wise?
Thomas:
Wir spielen Bühnenmusik und Bühnenmusik hat eine lange Tradition, die reicht hunderte Jahre zurück. Man muss sich vorstellen bis zum Zweiten Weltkrieg hatte jedes Theater was, was auf sich gehalten hat ein eigenes Bühnenorchester, nicht für die Oper, sondern um die Schauspielstücke zu begleiten und dieses Begleiten von Schauspiel, anreichern von szenischem Geschehen ist eine große Aufgabe. Und natürlich hat Mozart seinerseits auch Arien eingereicht auch am Tag der Aufführung der ersten Aufführung, das wissen wir, und ich habe meinen Leuten ermutigt und gesagt Leute, eigentlich ist das die große Tradition des Theaters, ja.
Gabriela:
Das heißt aber auch für den Dirigenten, dass er geschmeidig bleiben muss. Könnte ja sein, dass auch Anna Bauer am letzten Tag doch mit einer neuen Arie kommt. Im Ernst, irgendwann, sagt Thomas Weiss, weiß auch er, wie der genaue Ablauf sein wird und wie lang die einzelnen Szenen. Dann nimmt er tief Luft.
Thomas:
Aber ich möchte ein Moment nehmen und was über diese Art von Musik sagen. Denn ist es eine große Aufgabe, eine Emotion, eine Stimmung, eine Atmosphäre zu schaffen, ohne dabei zu sehr viel auf die Musik zu lenken? Es ist eine große und schwere Aufgabe. Denn die Musik muss von hoher Qualität sein. Aber wenn Sie zu kompliziert, wenn Sie zu viel, ich möchte sagen, fast Profil hat, es ist schwierig und dann kann man gar nicht alles darüber spielen. Also ich bin sehr begeistert, weil diese Musik von Anna eine große Ebene schafft immer, die eigentlich das Geschehen auf der Bühne eine Tiefe verleiht, die ohne diese Musik nicht da wäre.
Musik
Gabriela:
Zurück zur Mühle von Saint Pain. Es waren einmal vier Geschwister, zwei Mädchen, zwei Buben, die wuchsen ohne Eltern auf. Simon, Ruben, Judith und Krabat heißen sie. Gleich zu Beginn des Stücks bringt sich Krabat um und zu ihrer Beerdigung treffen sich die restlichen drei Geschwister. Und obschon alle längst erwachsen sind, ist der alte Family Horror gleich wieder da. So viel zum Voraus. In der Mitte des Stückes gibt es eine große Rückblende, ein Flashback in die Kindheit der Vier. Und diese Zeitreise lebt von einer anderen Musiksprache. Dafür hat Thomas Wise ältere, bereits bestehende Musiken ausgewählt. Fundstücke nennt er sie. Die Fundstücke beginnen bei Gregorio Alegri im 17. Jahrhundert 
Musik
und reichen bis Dmitri Schostakowitsch. 
Musik
Mit Zwischenstopp bei Mozart ,Mahler
Musik
Und Samuel Barber. 
Gabriela:
Warum gerade diese fünf Komponisten Thomas Wise?
Thomas:
Ja, das ist eine gute Frage und es war ein sehr langer Weg, diese Auswahl zu treffen. Wir haben Hunderte und Hunderte von Musikstücken uns angehört. Denn man muss sich vorstellen, man hat ein Projekt, man hat eine Idee, was geschehen wird. Man hat noch gar keinen Text, man weiß nicht, was passieren wird. Also man hat Stücke gesucht, die irgendwas miteinander zu tun haben.
Gabriela:
Wer ist wir?
Thomas:
Also ich, Antú Nunes und Anna Bauer,
Gabriela:
Also die Komponistin und der Regisseur.
Thomas:
Ganz genau. Und wir haben monatelang, wirklich monatelang Listen und Listen und Play Listen von Musiken uns angehört, uns gegenseitig geschrieben. Warum diese Auswahl? Ich kann sagen, wir haben Stücke gesucht, die sehr stark sind, kompositorisch, die aber trotzdem die Möglichkeit haben, sich für verschiedene Bilder zu eignen. Lenard Bernstein hat gesagt Musik bedeutet nichts. Was hat er damit gemeint? Dass in einem reinen Musikstück verschiedene Ideen, verschiedene Handlungen oder verschiedene Emotionen hinein gefühlt werden können? Das heißt eigentlich, wenn ich glücklich bin und ein Stück Musik höre, vielleicht bringt das andere Bilder in mir hervor, als wenn ich von mir aus traurig bin, wenn ich traurig bin und ein heiteres Stück Musik höre, vielleicht macht mich das trauriger. Also die Musik an  für sich hat in sich keine unbedingte Bedeutung. Deshalb das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben Stücke gesucht, die eben diese Art von Verwendung erfüllen können. Ich habe zum Beispiel sofort gesagt, man kann kein Stück von Beethoven nehmen, weil Beethoven eigentlich in seiner kämpferischen Geist ein Profil hat, die andere Dinge eigentlich zur Seite drängen. Wir haben Stücke gesucht, die, obwohl die wunderbar sind und emotional oder anrührend oder wie auch immer. Wir haben Stücke gesucht, die weniger im Vordergrund stehen müssen.
Gabriela:
Ich würde mal sagen Allegri, Mahler und Barber sind drei Stücke, die schon ein paar auffallende Gemeinsamkeiten haben, auch wenn zwischen dem ersten und dem dritten 300 Jahre liegen. Aber sie sind alle sanft, sie beginnen leise, sie entwickeln sich langsam oder einfach traumhaft schöne, unwirklich, schwebende Musik mit einer melancholischen Grundstimmung, ein bisschen süß, ein bisschen schmerzvoll und dennoch trostreich. Ganz andere Töne allerdings schlägt Dmitri Schostakowitsch in seiner Kammer Sinfonie an Opus 110 A. Er schrieb das Werk, als er 1960 in Dresden war und das Elend und die Trümmer dieser Stadt sah. Unter diesem Eindruck und innerhalb von nur drei Tagen schrieb er dieses fünfsätzige Werk nieder. Man hört die Bomben fliegen, man hört die ganze Sinnlosigkeit des Krieges.
Musik
Thomas:
Also das Stück ist 24 Minuten. Die Sätze kommen ganz, aber wir haben die Sätze auseinandergerissen. Es passiert ein bisschen was dazwischen, aber das kommt alles in diese Zeit von Flashback. Man erlebt eben die Erwachsenen als Kinder in diese Familienzusammenstellung in dieser Familienhierarchie ohne Mutter, ohne Vater und wie Kinder durch eine solche Situation durchkommen, was sie miteinander erleben, um durchzukommen, was für Abhängigkeiten, was für Machtgefälle dadurch entstehen. Das ist, behaupte ich, sehr, sehr spannend und irgendwo glaube ich, dass die meisten Menschen was damit anfangen können.
Gabriela:
Bleibt noch die Arie der Aspasia aus Mozarts Oper Mithridates. Die ist sanft am Anfang, sanft, am Ende aber ganz schön molto mosso und furioso in der Mitte.
Musik
Gabriela:
Thomas Wise dazu:
Thomas:
Es ist ganz einfach so, dass die Mutter, die gestorben ist, die kann toka?.  Sie war Opernsängerin in unsere Vorstellung, sie war Sängerin, sie war Berufsmusiker und das wollte man eben zeigen. Man muss das zeigen, indem sie was singt. Das ist die Vision von dieser verstorbenen Mutter, die irgendwo immer dabei ist, also wie behaupte ich so ein bisschen aus dem Leben? Das ist vielleicht zu persönlich, aber Verstorbene aus der Familie, die trägt man, glaube ich, ein Stück weit mit durchs Leben mit.
Thomas:
Als Mutter ging, hat sie die Musik mitgenommen, sagt einmal eines der Kinder. Nur das Familien Lied ist ihnen als Erinnerung geblieben. Dorma so viel
Musik
Gabriela:
Und die letzte Frage an den Dirigenten Thomas Wise. Gibt es auch bei dir ein Familienlied?
Thomas:
Also ich würde nicht sagen, dass es eines gibt, aber ich kann schon verraten ich habe drei Kinder und als die auf die Welt gekommen sind, hat jedes von mir ein Lied erfunden, komponiert, ist vielleicht zu viel gesagt, aber erfunden mit einem Text, was mit dem Namen von dem Kind zu tun hat. Und dieses Lied wurde immer gesungen zum Einschlafen, wenn es was Unschönes gab, wenn geweint wurde. Das sind so unsere Familienlieder.
Musik
Gabriela:
Sind. Die Mühle von Saint Pain Premiere ist am 22. Oktober im Theater Basel. Und das war's. Bis zum nächsten Podcast.

Kaegis Klaenge – Ein Podcast des Theater Basel.