Selbstportrait am Theaterfestival Basel

Das Theater Basel war als Gastgeber zweier Gastspiele und Koproduzent von acht Premieren beim Theaterfestival Basel dabei.

Das Theaterfestival Basel 2020 hat stattgefunden. Damit ist es eines der wenigen internationalen Festivals, die in diesem Sommer überhaupt über die Bühne gehen konnten. Die Einschränkungen im Zusammenhang mit Covid-19 hatten einen Grossteil aller Festival-Pläne zunichte und viele Veranstaltungen unmöglich gemacht. Auch das Theaterfestival Basel musste kurzfristig vieles umplanen und veranstalterische Risiken eingehen. Doch der Mut hat sich gelohnt! 

Kurzfristige Planänderungen machten Live-Event möglich

Extrem kurzfristig hat der künstlerische Leiter des Festivals, Sandro Lunin, die ‹Selbstportraits› des Theater Basel mit ins Programm aufgenommen. Die sieben Solostücke waren ursprünglich als Online-Formate geplant, gemeinsam mit der in Berlin lebenden argentinischen Künstlerin Lola Arias. Die Koproduktion mit dem Theaterfestival machte es möglich, die Stücke live auf der Bühne zu zeigen. Das lang vermisste Live-Format war für Publikum und Schauspieler*innen gleichermassen beglückend. An drei Abenden stellten sich acht Mitglieder der Basler Compagnie in der Reithalle der Kaserne mit einer persönlichen Geschichte oder einem ihnen wichtigen Thema vor. Sieben von ihnen sind neu – oder neu wieder zurück – in der Stadt.

Theatrale Selbstportraits

In der bildenden Kunst ist das Selbstportrait ein selbst angefertigtes Bildnis der Künstlerin oder des Künstlers. Im Theater stellen Schauspieler*innen in der Regel eine Person dar, die von jemand anderem geschrieben und inszeniert wird. Aber wie würden Schauspieler*innen sich selbst porträtieren? Ausgehend von einer persönlichen Geschichte, einem Erlebnis oder einer spezifischen Obsession entwickelten sieben Schauspielerinnen und Schauspieler ihr eigenes Selbstportrait. In der Zusammenarbeit mit Lola Arias entstanden acht sehr besondere, oft sehr emotionale, aber auch lustige Soloabende. Das Theater Basel plant, die Stücke im Laufe der Spielzeit nochmals ins Programm aufzunehmen.

Lola Arias: Persönliches erzählen ohne Voyeurismus

Lola Arias unterstützte die Schauspieler*innen bei der Auswahl der Themen und der dramaturgischen Anordnung. Mit Dokumentar-Theater-Formen hat sie langjährige Erfahrungen. Meist arbeitet sie mit Laien zu spezifischen Themen: Beim Theaterfestival Basel 2018 war ihr Stück ‹Minefields› mit argentinischen und britischen Veteranen des Falklandkriegs als Gastspiel auf der Kleinen Bühne zu sehen.  

‹Phèdre!› als Liebeserklärung an das Theater im Schauspielhaus

Auch in diesem Jahr waren zwei Gastspiele des Festivals im Theater Basel zu Gast. Unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. ‹Phèdre!› von François Gremaud nach Jean Racine ist eine umwerfende Liebeserklärung an das Theater. Es ist auch eine eindrucksvolle Sololeistung des Schauspielers Romain Daroles, der ganz allein auf fast leerer Bühne alle Figuren des Klassikers verkörpert – ein Crashkurs in griechischer Mythologie inklusive.

Die ‹Inszenierung des Jahres› zu sehen im Schauspielhaus

 ‹Tanz – Eine sylphidische Träumerei in Stunts› wurde wenige Tage vor den Basler Aufführungen von der Fachzeitschrift ‹Theater heute› zur ‹Inszenierung des Jahres 2020› gewählt. Entsprechend gross waren die Erwartungen an das Stück, das in diesem Jahr zu allen grossen Festivals eingeladen war, aber fast nirgendwo hatte gezeigt werden können. Florentina Holzinger verbindet klassischen Tanz mit Zirkus, Akrobatik, Grand Guignol, Body Art und Pornografie. Die nackten Ballerinas und fliegenden Motorräder in teilweise expliziten und auch selbstverletzenden Szenen waren Zumutung und lustvolles Theatererlebnis zugleich.

Die nächste Ausgabe des Theaterfestival Basel findet 2022 statt. Das Theater Basel ist sicher wieder dabei!

Text: Anja Dirks