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Ballett

Premiere Spielplan Ensemble

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Schauspiel

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Grusswort

 

 

Von links nach rechts:Richard Wherlock (Ballettdirektor), Laura Berman (Operndirektorin), Erik Nielsen (Musikdirektor),Andreas Beck (Intendant), Henryk Polus (Chordirektor), Almut Wagner (Geschäftsführende Dramaturgin Schauspiel) und Ingrid Trobitz (Kommunikationsdirektorin).

Vom Mythos der Möglichkeiten

Schön, dass Sie in unsere neue, zweite Spielzeitbroschüre 2016/2017 hineinblättern.

Sicher ist es Ihnen aufgefallen – unser äusseres Erscheinungsbild hat sich verändert: Wir sind luftiger, leichter geworden, bleiben aber: bunt, mit dem dreidimensionalen Rahmen als Markenzeichen. Das Herzstück unseres Programms sind die Künstler_innen auf der Bühne: die Tänzerinnen und Tänzer, die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Sängerinnen und Sänger. Sie alle befinden sich in der Mitte, im Zentrum unserer Vorschau; ein Auftritt, mit dem wir sie Ihnen besonders ans Herz legen möchten. Sie befinden sich hier – so hatten wir im letzten Jahr geworben –, nun möchte ich ergänzen: Sie alle singen, spielen und tanzen am Theater Basel!

Beim Durchblättern und Lesen unseres Programms werden Sie feststellen, dass aus unserer Ankündigung, die drei Sparten zu einer engeren Zusammenarbeit unter dem gemeinsamen Dach des Theater Basel zu verbinden, konkrete Projekte und Stücke entstanden sind: Ballett, Oper und Schauspiel – sie gehen an einigen Abenden nicht nur aufeinander zu, sondern Hand in Hand, u. a. in «Carousel», «Oresteia» oder «Robin Hood». Diesen Weg werden wir weiter beschreiten, denn er unterstreicht die Besonderheit unseres Hauses und verdichtet und ergänzt das Angebot der einzelnen Sparten.

Dem Arbeitsansatz einer Basler Dramaturgie bleiben wir auch in der zweiten Spielzeit treu: Wir haben Autor_innen und Dichter_innen gebeten, alte und bekannte Geschichten und Stoffe von heute aus literarisch neu zu fassen, neu zu dichten und zu überschreiben. Daneben wollen wir 2016/2017 neben Basler, Schweizer und französischen Stoffen ein Augenmerk auf die deutsche Klassik richten. Das Ballett zeigt vier neue Choreografien, und zwei Handlungsballette sind Weltpremieren. Die Oper setzt ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Mozart und Verdi sowie den musikalischen Handschriften des 20. Jahrhunderts fort und schreitet dabei fast alle Opernepochen ab – darüber hinaus sind zwei Kompositionsaufträge in Planung.

Vielleicht geht es Ihnen wie uns und Sie bleiben beim Überfliegen der Stücktitel der kommenden Saison vor allem an einem hängen: Verdis «Die Macht des Schicksals». Am Begriff des «Schicksals» haben wir uns tatsächlich entzündet, ihm haftet etwas Skandalöses an. Heute kann und möchte man als aufgeklärter Mensch nicht einfach und unkritisch mit diesem Begriff operieren. In Zeiten wie diesen – angesichts der zahlreichen kriegerischen Konflikte, der grossen Zahl von Flüchtenden, der populistischen Parolen und Demagogie – ist es verstörend wie anmassend, man das individuelle Unglück, globale Nöte, gesellschaftliches wie persönliches Scheitern oder aber auch Gelingen mit «Schicksal» umschreiben oder gar erklären. Kein moderner Mensch wird sich als «schicksalsgeworfen» betrachten oder als Spielball der Götter. Und kaum jemand wird davon ausgehen wollen, einem vorbestimmten Schicksal entsprechend zu handeln.

Unsere Zeit suggeriert uns unentwegt, dass vieles, um nicht zu sagen alles möglich ist. Dass wir Menschen nie zuvor solche Freiheiten und Möglichkeiten hatten. Ein Versprechen, das besonders die globalen Märkte verkünden. Und dabei scheint dieser Markt an Möglichkeiten auch der Prämisse zu erliegen, alles sei nicht nur möglich, sondern vieles, wenn nicht gar alles erlaubt. Qualitäten werden frei verhandelbar, kaum mehr findet man Normen und Werte, die als einhellig oder unantastbar gelten können.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Soziologe Ulrich Beck bemerkte, dass kosmopolitisches Handeln stets «den anderen» im eigenen Denken beachtet und die eigenen Interessen mit den Interessen «des anderen» ins Verhältnis und/oder Einverständnis setzt. Wir können und sollten darum weder die anderen jenseits der Grenzen, jenseits unserer Mitte, jenseits unserer Erfahrungen, noch uns selbst mit dem Diktum «Schicksal» abspeisen. Die Menschen haben über Jahrhunderte hinweg gerungen und gekämpft, um Lebensbedingungen und Möglichkeiten zu verbessern. Viele Opern und Stücke schildern diese Sehnsucht und diesen Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Heute, in dieser so vernetzten Zeit geht oft vergessen, dass es nach wie vor darum geht, den Möglichkeitssinn zu steigern; Möglichkeiten, die selbstredend auch den anderen zugestehen, was wir für uns selbst fordern.

Die Protagonist_innen unseres Spielplans tragen auf unterschiedliche Weise diesen Möglichkeitssinn in sich: Farinet, Jeanne d’Arc, Viola, Faust, Caligula, Robin Hood, die drei Schwestern, Don Giovanni, Peer Gynt, Gandhi und all die anderen, sie loten Grenzen und Möglichkeiten aus, verwerfen das Schicksal, durchschreiten Schranken und zerschellen an den Möglichkeiten des Machbaren. Diese erstaunliche Ansammlung von «Selbst-Helfern» befragt den für uns heute so selbstverständlichen «Mythos der Möglichkeiten».

Wir wollen in der kommenden Spielzeit mit Ihnen, unserem Publikum, erkunden, was vom «Mythos der Möglichkeiten» in uns lebt und uns Menschen nach wie vor antreibt, hilft, versöhnt, beflügelt. Wenn wir Ihnen und uns vom «Mythos der Möglichkeiten» erzählen, dann richten wir uns gegen einen deterministischen Schicksalsbegriff oder ein ebensolches Menschenbild, aber vor allem möchten wir gemeinsam mit Ihnen die «Macht des Schicksals» hinterfragen und konkrete Angebote und Ideen zu einem besseren Miteinander entdecken.

Alain Badiou, der im Rahmen unserer Reihe «Community in Progress» im März in unserem Theater Basel zu Gast war, appellierte an einen Möglichkeitssinn für alle, einen Möglichkeitssinn, der alle in sein Denken einschliesst, darüber hinaus hielt er fest: Demokratie, Mathematik und Theater wurden von den Griechen «erfunden», und er, Badiou, möge alles gleich gern. Mir geht es nicht anders; und ich würde mich freuen, wenn wir das Stadttheater als eine oder die dritte Kraft verstehen könnten, die, abseits von Zahlen und Kalkulationen und abseits der aktuellen politischen Debatte, die Möglichkeit böte, die Gegenwart in ihrem «geschichtlichen Gewordensein» (Botho Strauss) zu spüren wie zu reflektieren, in alten wie in aktuellen Stoffen. Denn Gewordenes kann anders werden – es ist möglich. Begleiten Sie uns durch Klassiker und Komödien, durch Ballette und Opern, Bekanntes und Sagenumwobnes und entdecken Sie Möglichkeiten, die nicht nur im Theater plausibel erscheinen. Wir spielen für Basel, wir spielen für Sie.

Ich wünsche uns allen eine unterhaltsame, glückvolle Spielzeit 2016/2017.

Ihr Andreas Beck

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