UNSICHTBAR LAND

Vorstellungsort
Grosse Bühne
Premiere
07.05.2006
Vorstellungen
11.05.2006, 20:00 Uhr
14.05.2006, 19:00 Uhr
27.05.2006, 20:00 Uhr
29.05.2006, 20:00 Uhr
02.06.2006, 20:00 Uhr
11.06.2006, 19:00 Uhr
13.06.2006, 20:30 Uhr
19.06.2006, 20:00 Uhr
21.06.2006, 20:00 Uhr
Unsichtbar Land
Eine Oper von Helmut Oehring nach Shakespeare mit Musik von Henry Purcell. Auftragswerk des Theater Basel

Eine «Oper in 7 Tagen» nennt Helmut Oehring sein neuestes Musiktheater, ein Auftragswerk des Theater Basel. Am 7. Mai ist "Unsichtbar Land", das zeitgenössische Musik mit Werken von Henry Purcell verbindet, auf der Grossen Bühne zur Uraufführung gekommen. Die Musikalische Leitung hat Jürg Henneberger, Regie führt Claus Guth, Bühne und Kostüme entwirft Christian Schmidt.

Mit dieser letzten Opernpremiere unter der Intendanz von Michael Schindhelm wollen wir noch einmal den weiten Bogen von den Anfängen der Oper bis in unsere heutige Zeit spannen. Helmut Oehring integriert in sein grosses ?Cross-over?-Musiktheaterwerk Arien, Chöre, Ouvertüren und Tänze des englischen Barockkomponisten Henry Purcell, er stellt zwei musikalische Zeiten einander gegenüber, lässt sie sich begegnen und verschränken, so dass Altes, scheinbar Vertrautes, ebenso wie Neues, Unvermutetes im Zusammenklang neu hörbar wird. Dieser musikalische Brückenschlag spiegelt sich im instrumentalen Klangkörper, dem Sinfonieorchester Basel stehen ein Ensemble von Barockmusikern der Schola Cantorum Basiliensis sowie einige Instrumental-Spezialisten für Neue Musik zur Seite. Auf der Bühne finden KünstlerInnen mit unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten zusammen: vier Gesangssolisten des Basler Ensembles und ein Sopranist, der Chor des Theater Basel, drei Gebärdensolisten ? gehörlose Künstler, die Poesie in der ungeheuer expressiven Gebärdensprache vermitteln ? Schauspieler und Tänzer.
Ausgangspunkt für dieses vielschichtige Projekt ist William Shakespeares Drama «Der Sturm», das in der Oper mit poetischen Texten des Komponisten und dokumentarischem Material zu etwas Neuem verschmilzt. In Shakespeares «Sturm», in dem Musik bereits eine entscheidende Rolle spielt, lebt Prospero nach seiner Verbannung vom Hofe mit seiner einzigen Tochter Miranda auf einer einsamen Insel. Dort hat er sich den Luftgeist Ariel und den ?Wilden? Caliban, die ursprünglichen Inselbewohner, untertan gemacht. Mit magischen Kräften entfacht Prospero einen Sturm, damit seine alten Gegner auf der Insel Schiffbruch erleiden. Während sich die Höflinge, über die Insel irrend, in beinahe tödliche Machtspiele verstricken, führt Prospero Miranda und den jungen Ferdinand zusammen, die sich ineinander verlieben. Statt sich an seinen Feinden zu rächen, verzeiht ihnen Prospero schliesslich. Shakespeares letztes Werk entstand in den Jahren 1610 und 1611, wofür wahrscheinlich ein aufsehenerregendes Ereignis des Jahres 1609 Anlass gab: die zufällige Entdeckung der Bermuda-Inseln durch englische Auswanderer, die auf der Fahrt nach Virginia in einem Sturm Schiffbruch erlitten. In zahlreichen mehr oder weniger glaubwürdigen Beschreibungen fand dieses Ereignis literarischen Niederschlag. 1695 komponierte Henry Purcell nach Shakespeares «Sturm» eine so genannte Semi-Opera unter dem Titel «The Tempest or The Enchanted Island», d. h. er schrieb eine Ouvertüre zum Schauspieltext, Liedeinlagen, Ensembles, Tänze und Chöre. Einige davon sind in Oehrings Oper eingeflossen.

Für die Theaterzeitung schrieb der Komponist einen Text über seine neue Oper:

Es geht wieder einmal
 - wie immer und auch korrekterweise -
um Macht, Tod und Liebe
und um die Kämpfe des ururalten Ariel
von dem niemand weiss, ? auch nicht William S. ? woher er kam,
um uns Menschen zu lehren,
mit der Macht, dem Tod und der Liebe umzugehen.

Und genau dies spielt sich auch im Orchester,
in den Gesangsstimmen, im Chor und den
Solo-instrumenten ab,
sehr viel verborgener natürlich,
als fürs Auge oder den Verstand wahrnehmbar,
aber man sollte es fühlen können:

Wie das Orchester in der Nacht versinkt
und der Chor in schäumenden Sturmwellen ersäuft.
Die Sänger/innen zeitweise aus Angst vor dem Unsichtbaren
die Stimme verlieren und von den gehörlosen
Luftgeistern Ariels Gebärden lernen.
Der Vater um seine Tochter bangt.
Und Ariel ist einfach nur müde und sehnt sich
nach seinen fernen Sternen.

Gebärden könnte von Gebären kommen.
Die älteste Sprache der einen Seite dieser Welt,
die Mutter aller Sprachen,
zusammen auf einer Bühne, in einem Raum
mit der klingenden singenden Sprache
der ent-gegengesetzten Seite dieser Welt.

Nur zum Beispiel:
«? Da war eine Architektur,
die sich im Wasser spiegelt;
da waren Wellen, die sich bilden
und wieder zusammenstürzen;
Zweige, die einschlafen;
Pflaumen, die herabfallen, sich zu Tode quälen
und Gold bluten.
Aber das alles murmelte, stammelte,
hatte keine menschliche Stimme gefunden,
um sich auszudrücken.
Tausend unbestimmte Wunder der Natur haben endlich ihren Übersetzer gefunden.»
(Jean Cocteau)

Jede Orchestergruppe
und jedes Instrument des Barockensembles,
jede Gesangsstimme, jedes der 3 Soloinstrumente, jede Bewegung, jeder Laut,
jeder Klang des elektronischen Surround-Sounds
ist eine Übersetzung
des letzten Shakespeare--Werkes: Der Sturm.

Sie alle werden zu Personen auf der imaginären Bühne
hinter der, die wir sehen werden;
Bilder an Wänden und Worte aus Büchern,
die Klänge stemmen sich
gegen das Verlieren und Vergessen
und leben doch vom und durch das VERGEHEN.
Sie müssen unbedingt unsichtbar werden,
um die grösste ihrer Wirkungen zu entfachen?

Das Verschmelzen von Gebärde und Klang,
das Verfliessen vom Jetzt mit Vergangenheit
ist eine jener Berührungen,
die nur in der Oper zu erleben sind.
Und kurz, nur einen AugenBlick,
ganz kurz steht die Welt still,
und bevor jede/r wieder hinaus tritt,
hat vielleicht diese Berührung mit dem Unsicht-baren
eine Verwandlung oder »ihren Übersetzer gefunden«.

Helmut Oehring



Helmut Oehring hat seine Oper in 7 Tage strukturiert. Beginnend mit «Montag ? Prolog. So kommt der Reigen in Gang», erzählt sie von Prospero, der sich in der Welt der Bücher verloren hatte, seiner Tochter Miranda, die zusammen mit dem jungen Ferdinand die Liebe entdeckt, von Luftgeistern, Schwebezuständen, vom Ureinwohner
Caliban, der von Prospero die Sprache und damit das Fluchen gelernt hat, von geheimnisvollen Klängen und der Begegnung mit dem Fremden, bis die Oper nach dem Sonntag mit einem Epilog endet.

Musikalische Leitung Jürg Henneberger
Cembalo u. Leitung des Barockensembles Giorgio Paronuzzi
Regie Claus Guth
Licht Hermann Münzer
Chorleitung Henryk Polus
Dramaturgie Bettina Auer
Mitarbeit Regie und Dramaturgie Kai Grehn
Studienleitung David Cowan
Giorgio Paronuzzi
Korrepetition David Cowan
Leonid Maximov
Regieassistenz u. Abendspielleitung Anisha Bondy
Regieasssitenz Eva-Maria Höckmayr
Bühnenbildassistenz Jean-Marc Desbonnets
Kostümassistenz Sara Kittelmann
Inspizienz Sascha Kappler
Beleuchtungsinspizienz u. Uebertitelung Claudia Christ
Regiehospitanz Anna Bernreitner
Dramaturgiehospitanz Simone Keller
Sound Konzeption&Produktion Torsten Ottersberg
Besetzung
Gebärdensolisten Christina Schönfeld
Ralf Engelmann
Jan Sell
Gesangsolisten Rita Ahonen
Karl-Heinz Brandt
Arno Raunig
Catherine Swanson
Bjørn Waag
Schauspieler Urs Bihler
Helene Grass
Tänzer Fabio Pink
Bassklarinette/Kontrabassklarinette Toshiko Sakakibara
Trompeten Nenad Markovic
Solo- E-Gitarre Jörg Wilkendorf
Chor des Theater Basel
Sinfonieorchester Basel
Barock-Ensemble der Schola Cantorum Basiliensis
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